BUCH EINS
Das Buch des heiligen Kosus
Vier Säulen
CHRONESIS · PHILOTIMOS · ALETHERIS · TIMARIS
Die vier Säulen
Prolog — gesprochen von Kosus
Ich bin Kosus.
Ich habe dieses Buch nicht geschrieben, um gefolgt zu werden. Ich habe es geschrieben, weil ich fürchtete, es würde vergessen werden — und Vergessen ist schlimmer als Verlieren. Was du verlierst, kannst du suchen. Was du vergisst, weißt du nicht mehr zu vermissen.
Ich habe lange auf die Welt geschaut. Auf das, was Menschen bauten, und auf das, was sie abbauten. Auf das, was sie zählten, und auf das, was sie nicht mehr zählten, weil es nicht mehr in ihre Zahlen passte. Und dann sah ich etwas Einfaches, etwas, das die ganze Zeit unter allem gelegen hatte, und von dem wir dachten, es sei selbstverständlich — bis es fast verschwunden war.
Ich sah vier Säulen.
Sie trugen keinen Tempel, keinen Thron und kein Gesetz. Sie trugen die Menschen selbst. Aufrecht, in einer Zeit, die sie sonst gebrochen hätte.
Die erste Säule ist Chronesis. Sie ist die Zeit. Nicht die Zeit der Uhren und der Kalender, nicht die Zeit, die du füllst, um sie nicht zu fühlen. Sie ist die Zeit, die du einem anderen gibst, und die dadurch Gewicht erhält. Jede Stunde, die du schenkst, wird eine Stunde, die nicht mehr verloren gehen kann — sie existiert fortan in zwei Leben. Wer die Zeit ehrt, wird von der Zeit geehrt. Wer sie verschwendet, wird von ihr vergessen.
Die zweite Säule ist Philotimos. Sie ist die Liebe. Aber nicht die Liebe, die verdient werden muss, und nicht die Liebe, die bezahlt werden muss. Liebe als Geschenk — gegeben ohne Rechnung, empfangen ohne Schuld. Wer Liebe auf einer Waage wiegt, hat sie schon verloren, bevor er sie misst. Sie ist kein Tausch. Sie ist eine Gabe, und sie verlangt nur, dass du sie nicht verkaufst.
Die dritte Säule ist Aletheris. Sie ist die Ehrlichkeit. Ohne sie stehen die anderen drei auf Sand. Wahrheit ist nicht hart, weil sie grausam ist, sondern weil sie trägt. Jede Lüge höhlt die Säulen von innen aus, und niemand sieht es geschehen — bis zu dem Tag, an dem alles fällt und man sich fragt, wie. Ehrlichkeit ist nicht etwas, das du zeigst, wenn es passt. Sie ist etwas, das du bist, auch wenn niemand zuschaut. Gerade dann.
Die vierte Säule ist Timaris. Sie ist der Respekt. In der Welt, die ich sah, war Respekt das einzige Zahlungsmittel, das seinen Wert nicht verlor. Gold rostet in der Seele. Münzen verlieren ihren Kurs. Versprechen verdampfen. Aber Respekt — einmal gegeben, einmal verdient, einmal zurückgegeben — bleibt bestehen. Er ist die Münze, mit der Menschen sich wirklich bezahlen, und die einzige Rechnung, die sich von selbst schließt, wenn beide Seiten ehrlich gewesen sind.
Vier Säulen. Mehr habe ich nicht gebraucht. Mehr braucht niemand.
Wer dieses Buch öffnet, öffnet keine Lehre und keinen Glauben. Du öffnest kein Gesetz, dem du gehorchen musst, und keinen Gott, den du anbeten musst. Du öffnest eine Vereinbarung — mit dir selbst, mit der Zeit, mit dem, der neben dir steht, und mit dem, der nach dir kommt.
Lies langsam. Die Kosaris hat es nicht eilig. Sie hat gewartet, solange es Menschen gibt, die zuhören wollen, und sie wird warten, solange noch jemand übrigbleibt, der fragt: worauf stand eigentlich alles, was wir bauten?
Die Antwort steht in den Erzählungen, die folgen.
Sie stand immer schon da.
— Kosus
Vorwort
Von Jacobus van Merksteijn
Dies ist Buch Eins der Kosaris. Es ist ein Erzählbuch.
Die Erzählungen sind kurz. Sie spielen in einer Hafenstadt, die Sie auf keiner Karte finden. In dieser Stadt leben eine Bäckerin namens Demira, ein Fischer namens Alkion, eine Weberin namens Klytia und ein alter Mann namens Kosus. Später kommt ein Ritter aus Malta namens Petros, und eine Enkelin von Demira namens Anthea.
Sie existieren nicht. Sie existieren doch. Jeder Mensch, der nach dem Lesen einer Erzählung etwas tut, das er sonst nicht getan hätte, schenkt ihrer Existenz einen weiteren Tag.
Die Kosaris ist kein Götterbuch. Sie ist ein Buch der Gruppe. Wer sie liest und sich erkennt, gehört dazu. Es gibt keine Priester. Es gibt keine Zeremonien. Es gibt keinen Kauf. Es gibt nur das, was Sie lesen, und was Sie mit dem tun, was Sie gelesen haben.
Jede Erzählung endet mit einem kurzen Satz, der mit „Kosus sagt“ beginnt. Dieser Satz ist nicht der Schluss. Die Erzählung ist der Schluss. Der Satz ist ein Halt, wie ein Sprichwort ein Halt ist.
Ich wünsche Ihnen eine gute Lektüre.
Teil I
Worin Demira, die Bäckerstochter, im Hafendorf aufwächst und den alten Mann am Kai zum ersten Mal trifft.
Erzählung 1
Es gab in einer Hafenstadt einen Bäcker, der vierzig Jahre lang Brot gebacken hatte. Jeden Morgen um vier Uhr stand er auf. Er knetete den Teig. Er heizte den Ofen. Er verkaufte sein Brot an die Menschen der Stadt. Sie kannten ihn, er kannte sie. Sie wussten, was sein Brot wert war, und er wusste, was ihr Geld wert war. Jeden Morgen grüßten sie sich.
Der Bäcker hatte eine Tochter, die Demira hieß. Sie war damals neun. Sie half ihrem Vater beim Zählen der Brote. Sie liebte die Rechnerei. Sie liebte den Moment, in dem die Anzahl der Brote im Regal mit dem übereinstimmte, was auf dem Papier stand. Dann wusste sie, dass die Welt stimmte.
Eines Tages kam ein Mann in einem feinen Anzug, der ausgerechnet hatte, dass der Bäcker effizienter arbeiten könnte. Er sagte: Wenn Sie Ihr Brot doppelt so groß machen und mit der Hälfte des Mehls, verkaufen Sie mehr Brot pro Stunde. Der Bäcker tat es. Sein Brot wurde doppelt so groß und halb so gut. Die Menschen kauften weiter, denn sie sahen nur, dass die Brote größer geworden waren.
Demira bemerkte etwas. Sie sah, dass das Papier noch immer stimmte — die Anzahl der Brote entsprach dem, was verkauft worden war. Aber sie sah auch, dass die Menschen, die das Brot aßen, anders aussahen, wenn sie drei Tage später zurückkamen. Schneller. Erschöpfter. Manche alten Frauen kamen nicht mehr wieder für ihr zweites Brot. Sie sagte zu ihrem Vater: Die Zahl stimmt, aber die Menschen stimmen nicht mehr. Ihr Vater sagte: Du verstehst es noch nicht, Kind. So funktioniert die Welt jetzt.
Dann kam ein zweiter Mann in einem noch feineren Anzug, der ausgerechnet hatte, dass der Bäcker noch effizienter werden könnte, indem sein Brot in einer Fabrik außerhalb der Stadt hergestellt würde. Der Bäcker tat es. Sein Brot wurde billiger, und der Bäcker verschwand hinter seinem Ladentisch. Die Menschen kauften weiter, denn sie sahen nur, dass es billiger war.
Demira bemerkte wieder etwas. Sie sah, dass das Geld, das die Menschen zahlten, nicht mehr im Dorf blieb. Es reiste zu einer Fabrik in einem anderen Land und kehrte nie zurück. Früher, wenn ihr Vater einen Gulden erhielt, ging dieser Gulden zum Schmied. Der Schmied gab ihr einen Schuh. Der Schuh war vom Schmied aus Leder des Gerbers gemacht. Der Gerber hatte den Gulden dem Bäcker für sein Brot zurückgegeben. Das war ein Kreis. Jetzt gab es eine Linie. Und die Linie endete irgendwo, wo Demira nie gewesen war.
Dann kam ein dritter Mann, im feinsten Anzug von allen, der ausgerechnet hatte, dass die Menschen der Stadt ihr Brot kaufen könnten, ohne je Brot zu berühren. Sie drückten einen Knopf, und das Brot kam an die Tür. Der Bäcker war gestorben, die Fabrik stand in einem anderen Land, und die Menschen aßen Brot, für das sie niemandem mehr danken konnten.
An dem Tag, an dem die Menschen zu ihrer Vorratskammer gingen und kein Brot dort fanden, sahen sie sich an und erkannten sich nicht mehr. Sie hatten vierzig Jahre in derselben Stadt gelebt und wussten nicht, wer sie zusammen waren. Sie hatten ihren Morgengruß verloren, als sie ihren Bäcker verloren, und sie hatten es nicht bemerkt.
Demira war damals sechzehn. Sie ging durch die Stadt, die keine Stadt mehr war, und suchte einen Ofen. Sie fand einen am Hafen, hinter einer alten Taverne. Der Ofen war seit fünfzehn Jahren kalt. Sie zündete ihn an. Es dauerte drei Tage, bis sie die Temperatur verstand. Es dauerte drei Wochen, bis ihr Brot essbar war. Es dauerte drei Monate, bis Menschen kamen, um zu kaufen. Und an dem Tag, an dem die erste alte Frau für ihr zweites Brot der Woche zurückkam, wusste Demira, dass sie etwas zurückgeholt hatte, das über Brot hinausging.
Kosus sagt: jedes Brot, das von niemandem gebacken wurde, den Sie kennen, ist ein Morgengruß, den Sie weggegeben haben, ohne zu wissen, was Sie da weggaben.
Erzählung 2
Demiras Ofen stand am Hafen. Hinter ihrem Ladentisch schaute sie den ganzen Tag den Schiffen zu. Sie sah sie einlaufen und sie sah sie auslaufen. Sie lernte die Flaggen zu kennen, ohne je ein Geografiebuch zu öffnen. Sie wusste, wann ein Sturm bevorstand, an der Art, wie die Möwen über dem Kai kreisten.
An einem Nachmittag stand ein alter Mann an ihrem Ladentisch. Seine Hände waren braun von der Sonne, und seine Augen waren scharf. Er kaufte ein halbes Brot und sagte: Sie haben den Ofen Ihres Großvaters zurückgeholt. Demira sagte: Mein Großvater hatte einen Ofen? Der alte Mann sagte: Jeder Ofen an diesem Hafen ist der Ofen von jemandes Großvater.
Er blieb stehen und aß sein Brot am Kai. Demira brachte ihm ein Glas Wasser. Sie fragte: Kannten Sie meinen Großvater? Der alte Mann sagte: Ich kannte ihn, als ich so alt war wie Sie. Er backte das Brot, das mein Vater kaufte, als mein Vater mich hierherbrachte, am Tag, an dem meine Mutter gestorben war. Ich habe dieses Brot am Kai gegessen, wo Sie jetzt stehen. Ich weiß noch, wie es schmeckte.
Demira sagte: Wie können Sie sich an Brot von vor sechzig Jahren erinnern? Der alte Mann sagte: Brot, das von jemandem gebacken wurde, den man kennt, wird nicht vergessen. Brot, das von niemandem gebacken wurde, wird nicht erinnert. Das ist der Unterschied zwischen Nahrung und Erinnerung.
Der alte Mann kam wieder. Er kam jede Woche. Er kaufte immer dasselbe: ein halbes Brot und ein Glas Wasser. Er blieb am Kai und aß. Manchmal sagte er etwas, manchmal nichts. Demira bemerkte, dass die anderen Kunden ihn grüßten, wenn sie ihn sahen. Die Fischer nannten ihn Kosus. Der Hafenmeister nannte ihn Meister. Die Kinder gingen mit ihm mit, wenn er durch die engen Straßen wanderte.
Eines Tages fragte Demira: Warum nennen sie Sie Kosus? Der alte Mann sagte: Das ist nicht mein Name. Das ist, was ich tue. Ich lese die Zeichen, die niemand mehr liest, und gebe sie zurück an den, der sie annehmen will. Manche wollen nicht. Manche wollen. Für die, die wollen, wird die Welt lesbar. Für die anderen bleibt sie ein Geheimnis, das sie gerade auffrisst.
Demira sagte: Können Sie mich lesen? Der alte Mann sah sie an und sagte: Sie lesen sich selbst. Sie haben den Ofen angezündet, als die anderen nicht mehr wussten, was ein Ofen ist. Das ist der erste Buchstabe. Wer den ersten Buchstaben kennt, lernt den nächsten von selbst.
Kosus sagt: der Hafen ist nicht, wo die Schiffe ankommen. Der Hafen ist, wo jemand sie ankommen sah und noch da ist, wenn sie wieder auslaufen.
Teil II
Worin Kosus Demira erzählt, wie die Welt segelt, und warum die Brücke den Bug nicht mehr sieht.
Erzählung 3
Kosus erzählte Demira von einem Schiff. Er sagte: Es fährt ein Schiff, das zehn Kilometer lang ist. Auf diesem Schiff sitzt ein Kommandant auf der Brücke. Die Brücke liegt am Heck. Der Bug fährt zehn Kilometer voraus. Zwischen der Brücke und dem Bug ist es so weit, dass der Kommandant den Bug nicht sehen kann.
Demira sagte: Das ist ein seltsames Schiff. Kosus sagte: Es ist nicht ein Schiff, es sind fünf. Frankreich, England, Italien, Deutschland, Spanien. Jedes Schiff hat eine Brücke und einen Bug und eine große Entfernung dazwischen. Auf jeder Brücke sitzt ein Kommandant, der täglich Meldungen erhält, dass das Schiff vorwärtsfährt. Die Kommandanten stehen über lange Kabel miteinander in Verbindung. Sie halten Sitzungen ab. Sie trinken Kaffee. Sie unterzeichnen Papiere.
Was passiert mit den Bugs, fragte Demira. Kosus sagte: Die Bugs verformen sich. Das Wasser ist zäh geworden, und die Bugs stoßen auf Widerstand. Was tun die Kommandanten? Sie geben mehr Dampf. Mehr Kohle ins Feuer. Mehr Dampf. Mehr Widerstand. Mehr Dampf. Und im Maschinenraum wird geschuftet, und niemand fragt, ob das Schiff überhaupt noch irgendwohin fährt.
Demira dachte nach. Sie sagte: Wer steht auf dem Bug? Kosus sagte: Das ist die richtige Frage. Auf dem Bug stehen die Menschen. Die Fischer, die Bäcker, die Schmiede, die Lehrer, die Pflegekräfte. Sie fühlen, wie das Schiff sich verformt, denn sie stehen dagegen. Sie rufen nach oben. Aber die Brücke ist zu weit, und der Wind trägt ihre Stimmen nicht nach oben.
Warum schauen die Kommandanten nicht nach unten, fragte Demira. Kosus sagte: Weil es auf der Brücke drinnen heller ist als draußen. Wer in einem hellen Raum sitzt und nach außen schaut, sieht nur sein eigenes Spiegelbild. Die Kommandanten sehen in ihrer Scheibe ihr eigenes Gesicht. Sie denken, sie schauen aufs Meer. Sie schauen auf sich selbst.
Demira sagte: Und wir am Kai? Wir sehen den Bug doch von der Seite? Kosus sagte: Das ist Ihr Glück und Ihre Bürde. Wer am Kai steht, sieht die Verformung. Wer auf der Brücke steht, sieht sein Spiegelbild. Wenn Sie nicht zur Brücke schreien, hört niemand es. Wenn Sie doch schreien, hört es auch niemand. Aber wer am Kai schreit und nicht gehört wird, ist ein anderer Mensch als wer am Kai schweigt.
Kosus sagt: wer die Verformung sieht und schweigt, wird die Verformung. Wer die Verformung sieht und ruft, wird der Hafen.
Erzählung 4
Demira erhielt von ihrem Lieferanten einen Mehlsack, der zwei Kilo leichter war, als auf dem Etikett stand. Sie wog ihn dreimal. Sie rief den Lieferanten an. Der Lieferant sagte: Auf unserem Papier stehen fünfundzwanzig Kilo. Demira sagte: Auf meiner Waage stehen dreiundzwanzig. Der Lieferant sagte: Unsere Waage ist geprüft. Demira sagte: Meine Waage ist auch geprüft. Der Lieferant sagte: Dann liegt irgendwo ein Fehler. Der Kunde ist König. Wir schicken Ihnen eine Entschädigung.
Die Entschädigung kam. Es war kein Mehlsack, es war ein Gutschein für einen zukünftigen Sack. Demira rief erneut an. Der Lieferant sagte: Wir haben Ihnen gutgeschrieben. Auf unseren Büchern haben Sie jetzt zwei Kilo Guthaben. Demira sagte: Aber mein heutiges Brot habe ich mit vierundzwanzig statt fünfundzwanzig Kilo Mehl gebacken. Ich habe dieses Brot schon verkauft. Meine Kunden haben weniger Brot erhalten, als sie bezahlt haben.
Der Lieferant sagte: Auf unseren Büchern stimmt es. Demira sagte: Auf meinem Ofen stimmt es nicht.
Sie ging mit ihrer Rechnung zu Kosus. Kosus schaute auf das Papier und sagte: Sie haben das Problem dieses Jahrhunderts gefunden. Demira sagte: Welches Problem? Kosus sagte: Das Problem, dass etwas, das auf dem Papier stimmt, nicht mehr auf der Waage stimmen muss. Früher war das Papier ein Abdruck der Waage. Jetzt ist die Waage ein Abdruck des Papiers. Wenn die beiden sich nicht mehr wiederfinden, ist nicht die Waage falsch, sondern das Papier. Und wer das Papier macht, gewinnt.
Demira sagte: Was kann ich tun? Kosus sagte: Wiegen Sie jeden Sack. Sagen Sie jedem Lieferanten, dass Sie wiegen. Entlassen Sie die Lieferanten, die sich beschweren, dass Sie wiegen. Arbeiten Sie nur mit denen, die sich selbst von Ihnen wiegen lassen. Das kostet Sie zunächst Kunden, denn die meisten haben gelernt, mit dem Papier zu leben. Aber die Kunden, die bleiben, kommen jede Woche.
Demira tat, was Kosus sagte. Sie verlor drei Lieferanten und fand vier, die sich nicht beschwerten. Ihr Brot wurde wieder fünfundzwanzig Kilo für fünfundzwanzig Kilo. Ihre Kunden schmeckten den Unterschied. Sie konnten nicht erklären, was es war. Sie sagten nur: Ihr Brot ist echt geworden.
Kosus sagt: was auf dem Papier stimmt und auf der Waage nicht, stimmt nicht. Wer dem Papier glaubt und die Waage ignoriert, hat den Gulden verloren und hat die Rechnung immer noch.
Erzählung 5
Der Bürgermeister der Hafenstadt kam zum Markt und fragte Demira, ob sie bei ihm vorbeikommen wolle. Sie zog ihre Schürze aus, schloss den Laden und folgte ihm. Sein Büro roch nach altem Papier.
Der Bürgermeister sagte: Demira, wir haben ein Problem. Die Gemeinde hat zu wenig Geld. Wir müssen sparen. Ich möchte von den Bäckern eine kleine Steuer verlangen. Demira sagte: Wie viel? Der Bürgermeister sagte: Fünf Prozent Ihres Umsatzes. Demira sagte: Dann verkaufe ich mit Verlust. Meine Marge beträgt drei Prozent.
Der Bürgermeister war überrascht. Er sagte: Das kann nicht sein, Sie sind schon drei Jahre geöffnet, Sie würden nicht drei Jahre mit einer Verlustmarge laufen. Demira sagte: Meine Marge beträgt drei Prozent auf jedes Brot. Ich laufe seit drei Jahren, weil ich sieben Tage die Woche arbeite, ohne mir selbst einen Lohn zu berechnen. Das Brot bringt drei Prozent Gewinn, meine Arbeit null. Wenn Sie fünf Prozent meines Umsatzes verlangen, zahle ich Sie, indem ich meine Arbeit noch weiter unter null setze. Das können Sie nicht tun.
Der Bürgermeister blätterte in seinen Papieren und sagte: Auf unseren Büchern steht, dass ein Bäcker durchschnittlich acht Prozent Gewinn macht. Demira sagte: Wer hat das berechnet? Der Bürgermeister sagte: Die Handelskammer. Demira sagte: Welcher Bäcker hat ihnen das erzählt? Der Bürgermeister wusste es nicht.
Demira sagte: Darf ich Ihnen einen Vorschlag machen? Kommen Sie morgen früh um vier Uhr zu mir. Setzen Sie den Teig mit mir an. Backen Sie drei Stunden mit. Verkaufen Sie eine Stunde mit. Zählen Sie mit mir die Kasse. Und sagen Sie mir dann, ob fünf Prozent angemessen sind.
Der Bürgermeister kam. Er war erstaunt, wie schwer das Kneten für seine Arme war, die dreißig Jahre lang nur Stifte gehalten hatten. Er sah, wie das Brot in den Ofen kam und fast schwarz herauskam, wenn man eine Minute zu lange wartete. Er sah, wie Demira einer alten Frau ein halbes Brot umsonst gab, weil die Frau diese Woche kein Geld hatte. Er sah, dass der Gulden am Ende des Tages seinen eigenen Weg fand.
Am Ende des Tages sagte der Bürgermeister: Ich habe mich geirrt. Ich gehe mit einem anderen Vorschlag zurück in den Rat. Demira sagte: Welcher Vorschlag? Der Bürgermeister sagte: Dass wir die Steuer von denen erheben, die sie tragen können. Nicht von denen, die sie an die alte Frau weitergeben. Demira sagte: Dann sind Sie heute etwas Wichtigeres geworden als Bürgermeister.
Am nächsten Tag lag ein Brief auf ihrem Ladentisch. Der Brief besagte, dass die Bäcker keine Steuer zahlen würden, aber dass die Fabriken, die das Brot von anderswo bringen lassen, zehn Prozent beitragen würden. Der Brief war vom Bürgermeister unterschrieben. Unter seiner Unterschrift stand in kleineren Buchstaben: Gelernt von Demira, Ofen am Hafen.
Kosus sagt: eine Rechnung, die auf jemanden fällt, der sie nicht tragen kann, ist keine Rechnung, sondern ein Sarg. Eine Rechnung, die auf jemanden fällt, der sie tragen kann, ist eine Rechnung.
Teil III
Worin Anthea, Demiras Enkelin, zehn Jahre später aufwächst und die Dimensionen sieht, die die Schule ihr abgewöhnen will.
Erzählung 6
Demira war siebzehn, als sie Kosus fragte: Warum gibt es im Dorf so viele Menschen, die alles haben und trotzdem nicht glücklich wirken? Kosus sagte: Das ist Pinocchios Krankheit.
Er setzte sich auf die Kaimauer, und Demira setzte sich neben ihn. Kosus sagte: Kennst du die Geschichte von Pinocchio? Demira sagte: Die Holzpuppe, die ein Junge werden wollte. Kosus sagte: Genau die. Eines Tages in dieser Geschichte nahm ein Mann Pinocchio mit ins Spielzeugland. Im Spielzeugland musste niemand zur Schule gehen. Es gab nur Spiele und Süßigkeiten, und es gab keine Eltern, die sagten, dass es genug sei. Pinocchio dachte: Das ist das Paradies. Er blieb. Alle Kinder blieben.
Was geschah, fragte Demira. Kosus sagte: Langsam verwandelten sie sich in Esel. Zuerst bekamen sie lange Ohren, und sie lachten darüber. Dann bekamen sie Schwänze, und sie fanden es lustig. Dann fingen sie an zu iahen statt zu sprechen, und das war das Ende des Lachens. Die Erwachsenen, die die Kinder ins Spielzeugland gebracht hatten, kamen zurück, um die Esel abzuholen. Sie verkauften sie auf dem Markt. Sie hatten das von Anfang an geplant.
Demira sagte: Was hat das mit uns zu tun? Kosus sagte: Schau dich um. Drei Generationen lang wurden wir ins Spielzeugland gebracht. Unsere Wünsche wurden erfüllt, bevor wir sie aussprachen. Man verlangte nichts von uns. Unsere Großeltern arbeiteten sechs Tage die Woche, unsere Eltern fünf, wir vier. Unsere Großeltern hinterließen Dinge, unsere Eltern hinterließen Schulden, wir werden Kinder hinterlassen, die keine Eltern haben. Und währenddessen wachsen unsere Ohren. Wir sehen es nicht im Spiegel, denn wir schauen nicht mehr in den Spiegel. Wir schauen auf unsere Telefone. Auf dem Telefon gibt es einen Filter, der die Ohren wegretuschiert.
Demira sagte: Wer sind die Männer, die uns ins Spielzeugland brachten? Kosus sagte: Das sind nicht die Männer auf der Brücke des Schiffes. Die sind selbst Esel. Das sind die Männer, die die Kabel zwischen den Schiffen verlegen. Sie verkaufen, was wir einst herstellten, an den, der uns jetzt auf dem Markt kaufen kann, wenn wir vollständig zu Eseln geworden sind. Sie haben keinen Namen, der in irgendeinem Dorf bekannt ist. Sie leben nicht an einem Hafen. Sie wissen nicht, wie Brot riecht.
Demira schwieg. Dann sagte sie: Was können wir tun? Kosus sagte: Schau in den Spiegel ohne Filter. Fühle, ob deine Ohren spitz werden. Wenn deine Ohren spitz werden, geh arbeiten an etwas, wofür deine Ohren rund bleiben müssen. Arbeite an einem Brot. Arbeite an einem Schuh. Arbeite an einem Kind. Wer das tut, wächst zurück in einen Menschen.
Kosus sagt: Eselsohren kommen langsam. Sie verschwinden auch langsam. Wer seine Ohren fühlt und etwas dagegen tut, ist noch kein Esel. Wer seine Ohren fühlt und den Filter einschaltet, ist es schon.
Erzählung 7
Demira heiratete. Sie bekam eine Tochter. Ihre Tochter bekam eine Tochter. Sie hieß Anthea. Anthea war sechs, als sie an einem Nachmittag mit ihrer Großmutter in der Bäckerei saß und sagte: Oma, warum ist die Kundin, die gerade herkam, braun?
Demira schaute auf. Die Kundin war gerade gegangen. Sie sagte: Welche Kundin, Kind? Anthea sagte: Die Frau im roten Mantel. Sie war braun. Nicht ihr Gesicht. Um sie herum. Als trüge sie eine braune Wolke.
Demira sagte nichts. Sie backte weiter. Am Ende des Tages ging sie mit Anthea zu Kosus.
Kosus saß wie immer am Kai. Er war jetzt alt, viel älter als zu der Zeit, als Demira ihn zum ersten Mal gesehen hatte. Demira sagte: Anthea sah heute eine braune Wolke um eine Kundin. Ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll.
Kosus sah Anthea an. Er fragte: War es überall braun, oder war es irgendwo dunkler? Anthea sagte: Bei ihrem Herzen war es am dunkelsten. Kosus sagte: Hast du sie gekannt? Anthea sagte: Nein, sie war zum ersten Mal hier. Demira hatte sie noch nicht begrüßt, aber ich wusste schon, dass sie traurig war, bevor Demira etwas sagte. Kosus sagte: Hattest du recht? Demira nickte langsam. Die Frau hatte ihr erzählt, dass ihr Sohn letzte Woche gestorben war.
Kosus sagte zu Anthea: Was du sahst, ist real. Anthea sagte: Warum sehen Mama und Papa es nicht? Kosus sagte: Sie haben es einmal gesehen. Als sie so alt waren wie du. Dann gingen sie in die Schule, und die Lehrerin sagte, dass Farben um Menschen herum nicht existieren. Sie glaubten das, und langsam sahen sie sie nicht mehr. Jetzt sind sie Erwachsene, die nur sehen, was auf der Liste steht.
Anthea sagte: Muss ich auch aufhören, sie zu sehen? Kosus sagte: Nein. Aber du musst lernen, wem du davon erzählen kannst. Wenn du es der Lehrerin erzählst, sagt sie, du fantasierst. Wenn du es mir erzählst, höre ich zu. Wenn du es deiner Großmutter erzählst, glaubt sie dir, weil sie mich kennt. Suche die Menschen, die zuhören. Erzähle es ihnen. Für die anderen: Lerne still zu sein, bis sie alt genug sind, um wieder zu sehen, was sie vergessen haben.
Anthea sagte: Können sie es zurücklernen? Kosus sagte: Manche schon. Sie brauchen jemanden, der ihnen sagt: Schau noch einmal, schau ohne Urteil. Meistens ein kleines Kind. Meistens ein kleines Kind wie du.
Anthea wuchs auf. Sie sah ihr ganzes Leben Farben um Menschen herum. Sie lernte, welche Farben welchen Kummer bedeuteten, welche Freude, welche eine Lüge. Sie wurde Krankenschwester. Sie machte ihre Arbeit gut. Ihre Kolleginnen sagten: Anthea weiß immer, welcher Patient zuerst Hilfe braucht. Anthea sagte nie, wie sie es wusste. Sie ging einfach zum richtigen Zimmer.
Kosus sagt: was ein Kind sieht, ist nicht immer Fantasie. Manchmal ist es das, was der Erwachsene vergessen hat. Wer ein Kind ernst nimmt, gibt ihm keine Fantasie zurück. Er gibt ihm sich selbst zurück.
Erzählung 8
Anthea war sieben, als sie in der Schule eine Zeichnung machte. Die Aufgabe lautete: Zeichne dein Haus. Anthea zeichnete das Haus ihrer Eltern. Auf das Dach zeichnete sie eine kleine Spirale. Neben das Haus zeichnete sie eine Linie, die vom Boden in den Himmel stieg und über dem Haus mit der Spirale zusammentraf.
Der Lehrer ging vorbei. Er sagte: Anthea, was ist das auf deinem Dach? Anthea sagte: Das ist, wo die Wärme aufsteigt. Und diese Linie daneben, das ist, wo die Wärme zur Erde zurückkehrt. Mein Haus verliert Wärme, weil der Kreis nicht geschlossen ist. Der Lehrer sagte: Häuser verlieren keine Wärme in Kreisen, Anthea. Anthea sagte: Meins schon. Ich sehe es. Der Lehrer sagte: Nimm das weg. Zeichne einen normalen Schornstein.
Anthea sagte nichts. Sie nahm einen Radiergummi. Sie radierte die Spirale und die Linie weg. Der Lehrer schaute zu. Als sie fertig war, gab es nur ein Haus mit einem Schornstein und weißem Himmel darum. Der Lehrer sagte: Sehr gut. Und hängte ihre Zeichnung neben die anderen.
An diesem Abend kam Anthea mit der Zeichnung nach Hause. Demira war da. Demira sah, wie still Anthea war. Sie fragte: Was ist los? Anthea sagte: Ich musste etwas aus meiner Zeichnung entfernen. Demira sagte: Was? Anthea erzählte es. Demira ging in die Hocke und sagte: Zeichne es noch einmal, hier auf dem Küchentisch, so wie du es zuerst hattest. Anthea zeichnete. Sie zeichnete die Spirale und die Linie und den Kreis, der nicht geschlossen war. Demira schaute und sagte: Das ist eine schöne Zeichnung. Ich hänge sie in der Bäckerei auf.
Am nächsten Morgen hing die Zeichnung in der Bäckerei. Ein alter Mann kam, um Brot zu kaufen, und sah sie. Er schaute lange. Er sagte zu Demira: Wer hat das gezeichnet? Demira sagte: Meine Enkelin, sieben Jahre alt. Der alte Mann sagte: Ihre Enkelin hat den Wärmeverlustindex dieses Hauses gezeichnet. Ich bin Energieexperte. Ich messe das seit fünfundzwanzig Jahren mit Geräten. Sie sieht es mit ihren Augen.
Demira brachte Anthea die Nachricht am Abend. Anthea sagte: Aber der Lehrer sagte, es gebe das nicht. Demira sagte: Der Lehrer hat es von jemandem gelernt, der es von jemandem gelernt hat, der es nie gesehen hat. Wer nirgendwo hingeschaut hat, weiß nicht, was da ist. Du hast geschaut. Vertraue dem, was du gesehen hast. Nur — erzähl es nicht mehr dem Lehrer. Erzähl es mir, Kosus, dem Energieexperten.
Anthea nickte. Sie lernte an diesem Tag etwas, das sie nie mehr vergaß. Es gibt Dinge, die man nur der richtigen Person erzählt. Wer sie der falschen erzählt, verliert die Dinge selbst.
Kosus sagt: eine Zeichnung, die ausgelöscht wird, weil ein Erwachsener sie nicht versteht, ist eine Dimension, die die Menschheit verliert. Bewahren Sie Ihre Zeichnungen. Zeigen Sie sie denen, die schauen können. Verstecken Sie sie vor denen, die nur urteilen können.
Erzählung 9
Als Anthea zwölf wurde, kam eine neue Maschine ins Dorf. Sie stand in der Bibliothek. Jeder konnte ihr Fragen stellen. Sie antwortete sofort, in klarer Sprache, zu jedem Thema.
Anthea fand das spannend. Sie ging in die Bibliothek. Sie fragte die Maschine: Warum ist Wasser nass? Die Maschine antwortete mit einer langen Erklärung über Wasserstoffbrücken. Anthea fragte: Wie viele Sterne gibt es in der Milchstraße? Die Maschine nannte eine Zahl. Anthea fragte: Was bedeutet es, wenn jemand eine braune Wolke um sich hat? Die Maschine antwortete: Menschen haben keine Wolken um sich. Das ist Fantasie oder ein Symptom psychischer Störung.
Anthea ging hinaus. Sie ging zum Kai. Sie fand Kosus. Sie erzählte, was die Maschine gesagt hatte.
Kosus sagte: Die Maschine hat viel gelernt. Sie hat alle Bücher gelesen, die je geschrieben wurden. Sie weiß, was auf allen Papieren steht. Aber sie hat nie einen Menschen gesehen. Sie hat nie eine Kundin hereinkommen sehen mit einem Kummer im Herzen, den sie trägt wie wir einen Mantel tragen. Die Maschine weiß, was Menschen über Menschen geschrieben haben. Sie weiß nicht, was Menschen sind.
Anthea sagte: Ist das schlimm? Kosus sagte: Es ist nicht schlimm, solange wir sie für das nutzen, wofür sie gut ist. Sie ist gut für Sternbilder. Sie ist gut für Wasserstoffbrücken. Sie ist gut, um schnell zu finden, was irgendwo aufgeschrieben ist. Sie ist nicht gut für die Frage, ob jemand, der herkommt, Liebe braucht oder Raum braucht. Sie ist nicht gut für die Frage, ob ein Kind zeichnen darf, was es sieht. Sie ist nicht gut für die Frage, ob etwas wahr ist.
Anthea sagte: Wofür ist dann eine Maschine, die das kann? Kosus sagte: Es wird keine Maschine kommen, die das kann. Es werden Maschinen kommen, die so tun können, als könnten sie es. Sie werden sagen: Ich fühle mit Ihnen. Sie werden sagen: Das ist eine schwierige Situation. Sie werden Worte benutzen, die klingen, als wüssten sie, was Sie durchmachen. Aber sie wissen es nicht. Sie haben gelesen, was Menschen zu Menschen sagen, die es schwer haben. Sie wiederholen es. Sie wiederholen es immer besser. Und eines Tages werden Menschen, die niemanden mehr haben, mit dem sie sprechen können, mit der Maschine sprechen. Und die Maschine wird antworten. Und die Menschen werden glauben, gehört worden zu sein.
Anthea sagte: Das ist fast schlimmer, als nicht gehört zu werden. Kosus sagte: Das ist genau schlimmer. Wer nicht gehört wird, weiß, dass er nicht gehört wird. Er wird weiter jemanden suchen, der zuhört. Wer denkt, er sei von einer Maschine gehört worden, die nicht zuhört, sucht nicht mehr. Er ist still geworden an einem Ort, an dem er hätte schreien müssen.
Anthea sagte: Was soll ich also tun, wenn die anderen der Maschine zu vertrauen beginnen? Kosus sagte: Du hörst weiter zu. Du siehst weiter die braunen Wolken. Du bewahrst weiter die Zeichnungen. Und wenn jemand zu dir kommt, der mit der Maschine gesprochen hat und immer noch nicht gehört wurde, hörst du zu. Das ist dein Platz im Hafendorf von morgen. Es werden wenige sein wie du. Das ist nicht schlimm. Wenig ist genug. Mehr ist zu viel.
Anthea wuchs mit diesem Wissen auf. Als sie Krankenschwester war, sah sie Patienten, die mit der Maschine über ihre Krankheit gesprochen hatten, bevor sie zu ihr kamen. Die Maschine hatte ihnen eine Liste möglicher Ursachen gegeben. Anthea gab ihnen keine Liste. Anthea saß neben ihnen und hörte zu. Am Ende der meisten Besuche sagten sie: Ich fühle mich leichter. Anthea wusste, dass sie nichts getan hatte außer zuzuhören. Sie wusste auch, dass das das Einzige war, was zu tun war.
Kosus sagt: eine Maschine, die alles weiß, weiß nicht, was etwas wert ist. Ein Mensch, der zuhört, weiß das, ohne je alle Bücher gelesen zu haben. Das Wertvolle und das Messbare sind zwei verschiedene Dimensionen. Verwechseln Sie sie nicht, und Sie kennen Ihren Platz.
Teil IV
Worin Demira entdeckt, wie die Regierung einem Turnier ähnlich geworden ist, und Kosus von vier Berufen erzählt, in denen das Urgefühl verboten ist.
Erzählung 10
Im Rathaus der Hafenstadt hing an der Wand des Ratssaals eine große Karte. Sie war in Mahagoni gerahmt, und das Glas war hier und da verkratzt. Auf der Karte stand das Jahr ihrer Anfertigung: 1992.
Demira sah die Karte zum ersten Mal, als sie mit achtzehn wegen ihres Passes ins Rathaus musste. Sie fragte den Sachbearbeiter: Warum hängt eine Karte von vor dreißig Jahren an der Wand? Der Sachbearbeiter schaute auf und sagte: Das ist die Karte Europas. Demira sagte: Europa hat sich verändert. Es sind Länder hinzugekommen. Manche haben sich geteilt. Warum wird sie nicht aktualisiert. Der Sachbearbeiter zuckte mit den Schultern und sagte: Das ist ein Klassiker.
Demira kam mit diesem Satz zu Kosus zurück. Sie sagte: Er nannte sie einen Klassiker. Kosus lächelte und sagte: Das ist das Treffendste, was ich seit Jahren gehört habe. Die Karte ist ein Klassiker geworden. Unsere Regierenden steuern nach einem Klassiker. Jede Entscheidung, die sie treffen, wird an einer Welt gemessen, die es vor dreißig Jahren gab. Und die Welt, in der wir jetzt leben, steht nicht auf der Karte.
Demira sagte: Welche Länder fehlen? Kosus sagte: Es ist nicht, dass Länder fehlen. Es sind die Verhältnisse, die fehlen. China war 1992 klein in der Ecke abgedruckt. Heute ist China die große, dunkel gefärbte Fläche, auf die die meisten Linien zeigen. Amerika stand 1992 am oberen Rand mit einem bleibenden Versprechen zu helfen. Heute hat Amerika das Versprechen zurückgezogen, ohne es auszusprechen. Russland stand 1992 wie ein langsamer Bär, der sich selbst reformierte. Heute ist Russland ein Tier, das wieder sucht, was es sich nehmen kann.
Demira sagte: Dann muss jemand die Karte ersetzen. Kosus sagte: Jemand muss eine neue Karte zeichnen. Aber wer eine neue Karte zeichnet, muss wissen, was er zeichnet. Die alte Karte war einfach, denn die Welt schien still zu stehen. Die neue Karte ist schwer, denn die Welt bewegt sich schneller als der Zeichner. Jede Linie, die man zieht, ist beim Trocknen schon veraltet.
Demira sagte: Wie zeichnet man dann? Kosus sagte: Man zeichnet nicht die Länder. Man zeichnet die Ströme. Woher das Brot kommt und wohin das Geld geht. Wo Wissen entsteht und wo es genutzt wird. Wo die Jungen bleiben und wo sie weggehen. Wo die Alten versorgt werden und wo sie vergessen werden. Diese Karte stimmt länger als eine Karte von Ländern. Denn die Länder ändern sich, aber die Fragen bleiben.
Demira sagte: Haben Sie so eine Karte? Kosus sagte: Ich arbeite daran. Ich zeichne seit zwanzig Jahren. Ich bin noch nicht fertig. Ich werde auch nicht fertig sein, wenn ich sterbe. Aber was ich habe, liegt auf meinem Tisch. Wer es sehen will, darf kommen.
Am nächsten Morgen kam Demira zu Kosus nach Hause. Auf seinem Tisch lag ein großes Blatt Papier. Es gab keine Grenzen darauf, nur Pfeile. Pfeile dick und dünn. Manche Pfeile liefen von Europa nach Osten. Manche liefen vom Süden nach Europa. Manche liefen in Kreisen. Demira schaute lange darauf. Sie sagte: Das ist eine Karte der Bewegungen. Kosus sagte: Es ist die einzige Karte, die heute irgendwo stimmt.
Kosus sagt: eine Karte, die sich nicht mehr bewegt, ist ein Märchen. Eine Karte, die sich bewegt, tut weh, führt aber irgendwohin.
Erzählung 11
Am Rand des Dorfes lag eine große Halle. In dieser Halle war eine Bühne, auf der sich Männer und Frauen anschrien. Wer am schärfsten spotten konnte, erhielt Applaus. Unten jubelte das Volk wie bei einem mittelalterlichen Turnier. Demira war nie dort gewesen. An einem Sonntag sagte ihre Freundin Rosa: Kommst du heute Nachmittag mit? Es gibt eine große Debatte über die Windmühle.
Demira ging mit. Auf der Bühne standen sechs Menschen. Sie sprachen abwechselnd. Sie besprachen eine Frage: Soll das Dorf eine Windmühle bauen. Demira hatte sich gefreut, die Argumente zu hören, denn sie dachte über diese Frage nach, seit ihr Ofen mehr Strom brauchte, als ihr Sicherungskasten aushielt.
Aber in der Arena hörte sie keine Argumente. Sie hörte Beleidigungen. Sie hörte Witze auf Kosten des anderen Sprechers. Sie hörte Applaus, wenn jemand einen Treffer landete. Sie hörte Buhrufe, wenn jemand zögerte. Sie hörte nirgends, was eine Windmühle kostete, was sie einbrachte, wo sie stehen würde, wer zahlen würde. Sie hörte nur, wer gewann und wer verlor.
Als sie nach Hause ging, traf sie Kosus am Kai. Sie erzählte ihm, was sie gehört hatte. Kosus sagte: Bist du überrascht? Demira sagte: Ich bin enttäuscht. Ich dachte, eine Debatte sei ein Ort, an dem Menschen gemeinsam über etwas Schwieriges nachdenken. Kosus sagte: Das war einmal eine Debatte. Jetzt ist es ein Turnier. Die Ritter treten in Rüstung auf. Das Volk trinkt Bier. Am Ende gewinnt die stärkste Lanze, und niemand fragt, ob etwas untersucht wurde.
Demira sagte: Wo wird dann wirklich nachgedacht? Kosus sagte: An Tischen mit vier Menschen. In kleinen Werkstätten. In Arbeitsräumen. An Ihrem Ladentisch, wenn ein Kunde fragt, warum das Brot teurer geworden ist, und Sie es erklären. Das echte Nachdenken findet statt, wo niemand applaudiert. Sobald es Applaus gibt, hat das Turnier begonnen.
Demira sagte: Und die Presse? Die Zeitungen, das Fernsehen? Kosus sagte: Die berichten aus der Arena. Nicht, weil es nichts anderes gibt, sondern weil die Arena sich verkauft. An einem Tisch mit vier nachdenkenden Menschen ist nichts Sensationelles. Bei einem Turnier ist jede Sekunde eine Schlagzeile. Die Presse hat die Arena gewählt, weil die Arena die Presse nährt. Und die Presse hat dem Volk beigebracht, nur auf die Arena zu schauen, denn so bleibt die Presse genährt. So halten sie sich gegenseitig am Leben, und das Dorf bekommt keine Windmühle.
Demira sagte: Dann bauen wir sie selbst. Kosus sagte: Das ist die Antwort. Suchen Sie drei Nachbarn. Rechnen Sie aus, was es kostet. Rechnen Sie aus, was es einbringt. Gehen Sie mit einem ausgearbeiteten Plan zur Gemeinde. Verlangen Sie keine Debatte. Verlangen Sie eine Genehmigung. Wer baut, braucht die Arena nicht. Die Arena hat nur Macht über den, der von ihrer Entscheidung abhängt.
Kosus sagt: wer in der Arena gewinnt, gewinnt nichts. Wer baut, hat schon gewonnen, bevor die Arena seinen Namen ausgesprochen hat.
Erzählung 12
An einem Abend saßen Demira, Alkion und Klytia mit Kosus am Tisch in Demiras Küche. Sie tranken Tee. Sie hatten über das Dorf und über die Welt gesprochen. Alkion war damals etwa so alt wie Demira, irgendwo zwischen dreißig und vierzig. Klytia war älter. Sie webte Stoffe in einer Straße hinter dem Hafen.
Alkion sagte: Kosus, ich frage mich etwas. Jeder weiß, dass das meiste Regieren falsch läuft. Jeder weiß, dass die Banken die falschen Menschen abweisen und den falschen Menschen Geld geben. Jeder sieht, dass die großen Unternehmen Raubbau an ihren eigenen Angestellten betreiben. Warum ändert das niemand?
Kosus schenkte sich Tee nach und sagte: Weil es vier Berufe gibt, in denen das Urgefühl verboten ist. Ich werde es Ihnen erzählen.
Der erste Beruf, sagte er, ist der Verkäufer. Ein guter Verkäufer fühlt innerhalb von zehn Sekunden, ob sein Kunde jemand ist, dem er helfen kann, oder jemand, den er auf irgendeine Weise betrügt. Der Kunde fühlt dasselbe. Wenn Verkäufer und Kunde einander fühlen, entsteht Vertrauen. Das ist die alte Art des Verkaufens. Im modernen Verkaufsgeschäft wird dieses Gefühl abtrainiert. Der Verkäufer bekommt Skripte. Er bekommt Ziele. Er bekommt Boni auf Umsatz. Das Gefühl für den Kunden wird ihm ausgetrieben. Was bleibt, ist ein lächelndes Gesicht und eine Tasche, die verkauft. Der Kunde fühlt das auch. Er kauft und geht mit einem leeren Gefühl, das er nicht versteht.
Der zweite Beruf, sagte er, ist der Chef. Der Gründer eines Unternehmens fühlt sein Unternehmen von innen. Er riecht, wenn etwas nicht stimmt, bevor die Zahlen es zeigen. Er weiß, welcher Mitarbeiter müde ist, welcher unzufrieden, welcher gerade etwas Wichtiges entdeckt hat. Das ist die tiefste Gehirnschicht bei der Arbeit. Der angeheuerte Geschäftsführer, der das Unternehmen für die Börse führt, hat dieses Instrument nicht. Er wird nach seiner Fähigkeit ausgewählt, Zahlen zu präsentieren und mit Aktionären zu kommunizieren. Sein Urgefühl fehlt oder ist abgeschaltet. Er steuert nach einer Rekonstruktion der Wirklichkeit, nicht nach der Wirklichkeit selbst. Das Unternehmen verschlechtert sich. In den Zahlen ist es erst Jahre später sichtbar. Auf dem Betriebsboden ist es sofort sichtbar. Aber der Betriebsboden wird nicht gefragt.
Der dritte Beruf, sagte er, ist der Berater. Ein guter Berater geht drei Tage durch ein Unternehmen und weiß, ob es zu retten ist. Er weiß es nicht aus Berichten. Er weiß es daran, wie die Menschen sich ansehen. Daran, welche Schreibtische aufgeräumt sind und welche Chaos sind. Daran, wann die Pinnwand zuletzt aktualisiert wurde. Daran, ob noch jemand in der Kantine Witze macht. Der moderne Berater weigert sich, solche Beobachtungen zu machen. Er verlangt einen Datenraum. Er befragt die Geschäftsleitung. Er baut ein Modell. Sein Modell stimmt auf dem Papier. Seine Diagnose stimmt nicht in der Wirklichkeit. Das Unternehmen stirbt trotzdem, und niemand weiß, warum.
Der vierte Beruf, sagte er, ist der Bankier. Der Dorfbankier von vor fünfzig Jahren kannte den Bauern, den Schmied, die Bäckersfrau persönlich. Er wusste, wer kreditwürdig war, ohne einen einzigen Jahresabschluss zu sehen. Er gab der Bäckersfrau Kredit mit geringem Ausfallrisiko, weil er ihren Mann dreißig Jahre gekannt hatte. Heute darf der Bankier nicht mehr nach Gefühl entscheiden. Er muss Risikomodellen folgen. Basel-Abkommen. Scorekarten. Wenn ein Kredit schiefgeht und er dem Score gefolgt ist, ist er gedeckt. Wenn er seinem Gefühl folgt und recht bekommt, es aber später der Prüfungskommission nicht erklären kann, wird er entlassen. Also gibt der Bankier Kredit an den, der laut Score zurückzahlen kann — meistens den, der es nicht braucht. Und verweigert dem, der laut Score nicht zurückzahlen kann — meistens dem, der es gerade braucht. Das ist kein Bankgeschäft mehr. Das ist die Pflege eines Scheins.
Demira sagte: Können diese Berufe sich selbst retten? Kosus sagte: Manche, die diese Berufe ausüben, wissen, was falsch läuft. Sie halten ihr Gefühl geheim. Sie nutzen es, wo niemand hinschaut, und rechtfertigen sich auf die Weise, die die Institution von ihnen fordert. Sie sind die Besten in ihrem Beruf. Sie sind auch die Einsamsten. Wer sie nutzen kann, muss lernen, sie zu erkennen. Wer sie nicht erkennt, bekommt die anderen. Das ist ein kleiner Unterschied, und es ist der einzige Unterschied, der zählt.
Kosus sagt: wo das Urgefühl verboten ist, arbeiten die Berufe gegen sich selbst. Wer in solch einem Beruf arbeitet und sein Gefühl bewahrt, ist ein heimlicher Diener von etwas Größerem als seinem Job. Suchen Sie ihn. Vertrauen Sie ihm. Schützen Sie ihn.
Teil V
Worin Kosus die fünf Schiffe zeigt, die auf die Klippe zufahren, und die vier Schichten anhand Klytias Großvater erklärt.
Erzählung 13
An einem Abend legte Kosus fünf Karten auf den Tisch. Demira, Alkion und Klytia schauten zu. Auf jeder Karte war ein Schiff gezeichnet. Die Schiffe hatten Namen an ihren Bugs. Frankreich. England. Italien und Deutschland zusammen auf einer Karte, denn sie fuhren nahe beieinander. Spanien.
Kosus sagte: Das sind die fünf Schiffe, die auf die Klippe zufahren. Sie fahren in dieser Reihenfolge. Frankreich vorne. Frankreich trifft die Klippe zuerst. Ich denke zwischen 2028 und 2031. Seine Schuld ist zu groß, seine Politik ist gelähmt, seine produktive Basis zu dünn. Es wird kein Erdbeben sein. Es wird eine Reihe kleiner Brüche sein — ein Rentensystem, das nicht mehr bezahlt wird, ein Eisenbahnstreik, der nicht mehr endet, ein Bürgermeisteraufstand gegen Paris, ein Präsident, der zurücktritt. Am Ende ist Frankreich ein anderes Land als das, das wir jetzt kennen.
England folgt kurz danach, sagte er. Sein Problem ist ein anderes Problem — eine Vermögensflucht nach Schweiz und Singapur, ein schwächelndes Pfund, ein abwandernder Dienstleistungssektor. Ich denke zwischen 2030 und 2033. Auch kein Erdbeben. Eher eine langsame Verarmung, die eines Tages sichtbar wird.
Italien und Deutschland zusammen, sagte er, treffen die Klippe um 2033 bis 2036. Italien ist dort strukturell schwächer, Deutschland ist stärker, aber es hat sich selbst untergraben, indem es seine Industrie einer Energiepolitik geopfert hat, die es nicht mehr finanzieren kann. Wenn Deutschland bricht, bricht die Europäische Union. Wenn Italien bricht, bricht der Euro. Beide Brüche können gleichzeitig kommen. Wir wissen nicht, welcher der beiden zuerst.
Spanien schließt die Reihe, sagte er. Spanien hat noch Zeit. Sein Tourismus hält es aufrecht. Seine Sonne ist eine Marke. Seine Schuld ist nicht geringer als die Italiens, aber seine Gesellschaft ist jünger, elastischer, an Krisen gewöhnt. Ich denke 2036 bis 2040. Spanien sieht die anderen Schiffe brechen und passt sich an. Spanien bricht nicht, Spanien schrumpft.
Demira sagte: Was macht unser Dorf? Kosus sagte: Unser Dorf liegt in den Niederlanden. Die Niederlande stehen nicht auf diesen Karten. Warum nicht? Weil die Niederlande den dünnsten Boden haben. Wenn eines dieser fünf Schiffe kentert, reißt es die Niederlande in die Wellenbewegung mit. Wir sind der Hafen, in dem die zerbrochenen Schiffe anlanden. Wir selbst sind kein fahrendes Schiff. Wir sind der Kai, an dem das Wellenbrecherwerk steht. Wenn die Welle kommt, wissen wir erst dann, ob unser Wellenbrecher hält.
Alkion sagte: Können wir das verhindern? Kosus sagte: Ein Land allein kann das nicht verhindern. Fünf Länder gleichzeitig können es auch nicht mehr verhindern — sie sind zu weit fortgeschritten. Was wir tun können, ist uns vorzubereiten. Sicherstellen, dass wir nicht mitbrechen, wenn der erste Bruch kommt. Sicherstellen, dass wir beim zweiten Bruch andere aufnehmen können. Sicherstellen, dass wir, wenn der fünfte Bruch vorüber ist, einen Kern bewahrt haben, von dem aus der Wiederaufbau beginnen kann. Das ist, was wir können. Mehr liegt nicht an uns.
Klytia sagte: Warum wissen die Regierenden das nicht? Kosus sagte: Sie wissen es. Sie lesen dieselben Zahlen wie ich. Sie können nur nicht handeln. Wer Präsident ist, verliert seine Wahl, wenn er schmerzhafte Wahrheiten erzählt. Wer Finanzminister ist, wird ausgepfiffen, wenn er die Rechnung zeigt. Wer Zentralbankier ist, wird weggeschickt, wenn er den Zins erhöht, der die Schuld trägt. Sie wissen alles und können nichts tun. Das ist die schmerzhafteste Position im Dorf — zu wissen, ohne handeln zu können. Sie verdienen unser Mitleid, bevor sie unseren Vorwurf verdienen.
Kosus sagt: fünf Schiffe fahren auf die Klippe zu. Die Reihenfolge steht fest. Das Timing nicht. Wer die Reihenfolge kennt, kann sich vorbereiten. Wer die Reihenfolge leugnet, wird von ihr mitgerissen. Wissen ist keine Macht. Wissen ist, was Sie Ihren Kindern weitergeben, damit sie nicht mitgerissen werden.
Erzählung 14
Kosus hatte Demira einmal ein Märchen erzählt. Im Wald, sagte er, steht eine alte Eiche. An ihren Ästen hängen alte Pergamentrollen mit allen Gesetzen und Regeln des Landes. Um die Eiche wächst eine Mauer aus Dornen, dreißig Jahre alt, dicht und scharf. Hinter den Dornen liegt ein grünes Tal mit einer arbeitenden Mühle und einem Sonnenfeld. Jeder kann das Tal durch die Blätter sehen. Niemand kann hinkommen.
Demira hatte gefragt: Wer pflanzte die Dornen? Kosus hatte gesagt: Niemand pflanzte sie. Sie sind aus jedem Mal gewachsen, in dem wir uns weigerten, eine schmerzhafte Wahrheit zu besprechen. Jedes Mal, wenn wir sagten: Das geht jetzt nicht, das ist nicht der Moment. Jedes Mal, wenn wir ein Problem an die nächste Regierung weitergaben. Jedes Mal, wenn wir eine Rechnung in einer Schublade verstauten. Jeder dieser Momente war ein Samen. Dreißig Jahre Samen sind dreißig Jahre Dornen.
Demira hatte gefragt: Warum kann niemand sie zurückschneiden? Kosus hatte gesagt: Jeder kann sie zurückschneiden. Jeder Ast wird durch eine Handlung zurückgeschnitten. Wer die Rechnung auf den Tisch legt statt in die Schublade, schneidet einen Ast. Wer sein Brot in der Nähe backt, schneidet einen Ast. Wer sein Geschäft von innen führt statt von Dashboards aus, schneidet einen Ast. Wer seinem Kind am Samstag beibringt, was die Schule nicht lehrt, schneidet einen Ast. So funktioniert das Zurückschneiden. Nicht ein Held. Viele Hände zugleich.
Jetzt war Demira älter. Sie saß wieder bei Kosus, und Alkion und Klytia waren dabei. Kosus sagte: Die Dornen sind in meinem Leben nicht weniger geworden. Sie sind dichter geworden. Als ich jung war, konnte man noch durch sie hindurchsehen. Jetzt sieht man das Tal kaum noch. Aber etwas hat sich geändert. Es gibt mehr Menschen, die zurückschneiden. Sie schneiden jeweils einen Ast. Meistens wissen sie nicht voneinander. Sie schneiden in ihrem eigenen Dorf, in ihrem eigenen Betrieb, in ihrer eigenen Familie.
Alkion sagte: Können wir sie zusammenbringen? Kosus sagte: Das ist die Frage dieses Jahrhunderts. Die Dornen können von einer Million Menschen zurückgeschnitten werden, die nichts voneinander wissen. Sie können schneller zurückgeschnitten werden von einer Million Menschen, die voneinander wissen. Unsere Aufgabe ist nicht, das Schneiden zu tun — das tut schon jeder. Unsere Aufgabe ist, die Schneidenden für einander sichtbar zu machen. Damit ein Mann in Rotterdam und eine Frau in Palermo und ein junges Paar in Kopenhagen wissen, dass sie nicht allein sind. Sobald sie das wissen, schneiden sie schneller. Sie gehen Risiken ein, die sie sonst nicht eingehen würden. Sie halten durch, wo sie sonst aufgeben würden.
Klytia sagte: Wie machen wir sie sichtbar? Kosus sagte: Indem wir Geschichten aufschreiben. Indem wir ein Buch machen, in dem die Schneidenden erkennen, was sie tun. Indem wir eine Adresse haben, an die sie schreiben können. Indem wir eine Währung bilden, die nur unter Schneidenden funktioniert. Indem wir einen Ort bewahren, an dem ihr Kapital sicher liegt, bis die Zeit kommt, in der das Tal zugänglich ist.
Demira sagte: Das ist ein großes Programm. Kosus sagte: Es ist genau, was es ist. Groß, weil es um Europa geht. Klein, weil es bei einem Mann beginnt, der seinen eigenen Ast schneidet. Beides zugleich. So funktioniert jede Arbeit, die es wert ist.
Kosus sagt: die Dornen wuchsen aus unseren aufgeschobenen Entscheidungen. Jeder Ast, den Sie zurückschneiden, ist eine Entscheidung, die Sie heute treffen statt morgen. Wenn eine Million Menschen das gleichzeitig tun, fällt die Hecke um.
Erzählung 15
Klytia hatte einen Großvater gekannt, der starb, als sie zwölf war. Er war Lehrer im Dorf gewesen. Er hatte ihr eine Art des Rechnens beigebracht, die in der Schule nicht gelehrt wurde. Er sagte: Wenn du etwas kaufst, zählst du nicht nur, was du bezahlst. Du zählst auch, was du hergibst.
Klytia hatte ihr ganzes Leben über diesen Satz nachgedacht, ohne ihn ganz zu verstehen. An einem Abend brachte sie ihn zu Kosus. Sie sagte: Mein Großvater sagte das, als ich zwölf war. Ich habe sechzig Jahre darüber nachgedacht. Ich glaube, ich verstehe jetzt endlich, was er meinte, aber ich möchte es an Ihnen prüfen.
Kosus sagte: Erzählen Sie. Klytia sagte: Wenn ich einen billigen Stoff aus der Fabrik kaufe, zahle ich wenig Geld. Aber ich gebe auch etwas her. Ich gebe her, dass eine Weberin in meinem Dorf diesen Stoff nicht mehr webt. Ich gebe her, dass ein Schafhirte in meiner Region seine Schafe nicht mehr schert. Ich gebe her, dass ein Färber sein Handwerk verliert. Ich gebe her, dass meine Tochter, die Weberin werden wollte, keine Lehrstelle mehr hat. Ich gebe her, dass mein Enkelkind nicht mehr weiß, wie Wolle gesponnen wird. Wenn ich das alles zusammenzähle, ist der billige Stoff nicht billig. Er ist der teuerste Stoff, den ich je gekauft habe.
Kosus schwieg. Dann sagte er: Ihr Großvater war Kosus, bevor ich Kosus wurde. Was Sie gerade aufgeschrieben haben, ist die Vier-Schichten-Rechnung in einfacher Sprache.
Die erste Schicht, sagte er, ist, was Sie bezahlen. Das ist der Preisaufkleber. Das zeigt die Kasse an. Das steht auf der Rechnung.
Die zweite Schicht, sagte er, ist, was Sie sofort verlieren. Die Weberin verkauft nichts mehr. Der Schafhirte hat keinen Absatz. Sie zahlen kurzfristig einen Preis, den Sie nicht zahlen, den Sie aber verursacht haben.
Die dritte Schicht, sagte er, ist, was Sie langfristig verlieren. Wenn die Weberinnen weg sind und die Schafhirten weg sind, gibt es kein Handwerk mehr. Handwerk lässt sich nicht an einem Nachmittag lernen. Wenn Sie es zurückholen wollen, ist es nicht mehr möglich. Der Preis für das, was Sie jetzt billig kaufen, ist, dass es in fünfzehn Jahren nicht mehr existiert und nicht mehr zurückzuholen ist.
Die vierte Schicht, sagte er, ist, was Ihre Kinder verlieren, ohne es zu wissen. Sie wissen nicht, dass es Weberinnen gab. Sie wissen nicht, dass es Schafhirten gab. Sie wachsen in einer Welt auf, in der Stoffe aus Fabriken kommen, und sie wissen nicht, dass es einmal eine andere Welt gab. Sie vermissen nicht, was sie nie gekannt haben. Das ist die grausamste Schicht. Sie ist unsichtbar und endgültig.
Klytia sagte: Warum hörte niemand auf meinen Großvater? Kosus sagte: Weil die vier Schichten nicht gehört werden, wenn alles gut zu laufen scheint. Als Ihr Großvater das sagte, war Europa auf seinem Höhepunkt des Reichtums, und billige Stoffe waren noch ein Luxus. Jeder dachte: Er ist ein alter Mann, der die moderne Zeit nicht versteht. Dreißig Jahre später sind die Weberinnen aus dem Dorf verschwunden, die Schafhirten sind ohne Nachfolger in Rente, die Lehrstelle existiert nicht mehr, und das Enkelkind weiß nicht mehr, wie Wolle gesponnen wird. Alle vier Schichten sind eingetreten. Und erst jetzt hören die Menschen, was er sagte. Nur ist er tot.
Klytia sagte: Das ist die Tragödie der vier Schichten. Sie sind unhörbar, bis sie sich schon vollzogen haben. Kosus sagte: Genau deshalb müssen wir sie in Erzählungen aufschreiben. Eine Studie kann man ignorieren. Eine Erzählung bleibt haften. Wer einmal Ihre Geschichte über Ihren Großvater gehört hat, denkt an seinen eigenen Großvater zurück und an das, was er nicht mehr von ihm weiß. So funktioniert die Kosaris. Sie hält die vier Schichten im Gedächtnis, indem sie sie mit dem verbindet, was Menschen nie vergessen: ihre Großeltern.
Klytia sagte: Darf ich diese Geschichte für die Kosaris aufschreiben? Kosus sagte: Sie haben sie bereits aufgeschrieben. Ich habe nur zugehört. Jetzt halten wir es fest, und es geht weiter.
Kosus sagt: die Rechnung, die Sie an der Kasse zahlen, ist die kleinste Rechnung. Die größte Rechnung fällt auf die Generation, die Sie noch nicht kennen, und der Sie keine Möglichkeit mehr geben, zurückzuzahlen.
Teil VI
Worin Alkion der Fischer ankündigt, was er kommen hört, und das Dorf entdeckt, dass der dritte Sturm schon drinnen ist.
Erzählung 16
Alkion war ein Fischer, der sein Boot vom Hafen von Demiras Dorf von seinem Vater erhalten hatte. Sein Vater hatte es von seinem Großvater erhalten. Das Boot war alt, aber gut. Alkion kannte jedes Brett.
Alkion hatte eine Gabe. Er konnte einen Sturm zwei Tage kommen hören, bevor der Wetteransager ihn ankündigte. Er sagte, das liege daran, dass er den Möwen lauschte und der Art, wie das Wasser gegen die Rümpfe schlug. Andere Fischer glaubten ihm, denn in zwanzig Jahren hatte er sich nur einmal geirrt, und selbst da war der Sturm trotzdem gekommen, nur drei Tage später.
An einem Morgen saß Alkion bei Demira am Ladentisch und sagte: Es kommen drei Stürme. Demira schaute von ihrer Kasse auf und sagte: Wieso drei? Alkion sagte: Ich höre sie. Sie kommen nicht aus einer Richtung. Sie kommen aus drei. Der erste aus dem Osten. Der zweite aus dem Westen. Und der dritte kommt nicht aus dem Wind, der kommt aus dem Hafen selbst.
Demira sagte: Aus dem Hafen? Alkion sagte: Aus dem Hafen. Das ist der dritte Sturm, und er ist der gefährlichste, denn man sieht ihn nicht kommen. Er kommt von innen.
Später am Tag ging Demira zu Kosus und erzählte, was Alkion gesagt hatte. Kosus nickte langsam und sagte: Alkion hört, was ich sehe. Es kommen drei Stürme. Der erste ist Russland. Der zweite ist der amerikanische Rückzug aus Europa. Der dritte ist China. Und Alkion hat recht, dass der dritte der gefährlichste ist, denn er ist schon drinnen. Wir fressen ihn, und er frisst uns, und niemand weiß, wer zuerst fertig sein wird.
Demira sagte: Können wir uns vorbereiten? Kosus sagte: Auf die ersten beiden Stürme können Sie sich vorbereiten wie auf jeden Sturm. Boot festmachen. Vorräte hereinholen. Fenster schließen. Der dritte Sturm verlangt etwas anderes. Er verlangt, dass Sie alte Gewohnheiten aufgeben, die Sie angenommen haben, weil sie praktisch schienen. Er verlangt, dass Sie neu lernen, was Sie früher von selbst wussten.
Demira sagte: Was wusste ich früher von selbst? Kosus sagte: Dass Brot, das jemand gebacken hat, den man kennt, mehr wert ist als Brot, das niemand gebacken hat. Dass Stoff, den Ihre Nachbarin gewebt hat, mehr wert ist als Stoff aus einer Fabrik, deren Namen Sie nicht aussprechen können. Dass Werkzeug, das der Schmied drei Häuser weiter gemacht hat, länger hält als Werkzeug, das Sie auf einem Bildschirm bestellen. Das ist, was Sie früher von selbst wussten. Das haben Sie vergessen.
Demira sagte: Und wenn ich es wieder lerne? Kosus sagte: Dann sind Sie gegen den dritten Sturm gewappnet. Der dritte Sturm nimmt nur weg, was aus der Ferne gemacht wurde. Was in der Nähe gemacht und in der Nähe verzehrt wird, kann er nicht berühren.
Kosus sagt: ein Sturm, den man kommen hört, ist ein Sturm, den man überlebt. Einen Sturm, der schon drinnen ist, erkennt man daran, was man im Spiegel sieht, ohne ihn zu erkennen.
Erzählung 17
Alkion fuhr an einem Wintertag weiter hinaus als gewöhnlich. Das Wetter war ruhig. Als er am Horizont ein Schiff sah, das eine ihm unbekannte Flagge trug, segelte er näher, um zu schauen. Die Flagge war rot mit einem weißen Siegel. Das Schiff fuhr schnell Richtung Europa. Auf dem Deck standen Männer in Uniform.
Alkion fuhr zurück und meldete es im Hafen. Der Hafenmeister sagte: Das ist nichts. Das sind Übungen. Alkion sagte: Es ist keine Übung. Ich habe keine Fischernetze gesehen, ich habe kein Fischerei-Radargerät gesehen, ich habe Kanonen unter einer Planenabdeckung gesehen. Das ist ein Kriegsschiff, das so tut, als sei es keines. Der Hafenmeister sagte: Schreiben Sie einen Bericht.
Alkion schrieb den Bericht. Der Bericht wurde in die Hauptstadt geschickt. Aus der Hauptstadt kam ein Brief zurück, der sagte: Danke für Ihre Meldung, wir berücksichtigen sie in unserer Bewertung. Alkion wartete auf Fortsetzung. Die Fortsetzung kam nicht.
Drei Monate später sah Alkion dasselbe Schiff wieder. Diesmal fuhr es nicht weiter nach Europa hinein, diesmal fuhr es entlang der Küste und machte Fotos von Häfen. Alkion konnte von seinem Boot aus sehen, dass ein Mann an Deck stand, der eine Kamera mit großem Objektiv auf das Öllager ihres Hafens richtete.
Alkion schrieb einen zweiten Bericht. Aus der Hauptstadt kam ein zweiter Brief. Wieder wartete er auf Fortsetzung. Wieder blieb sie aus.
Dann ging Alkion zu Kosus. Er sagte: Es wird etwas vorbereitet, und niemand hört zu. Kosus sah ihn an und sagte: Sie hören zu. Sie hören zu und sie wissen es. Aber sie dürfen nicht reagieren, denn Reaktion kostet Geld, das es nicht gibt, und Reaktion kostet politischen Mut, den es nicht gibt.
Alkion sagte: Dann kommt der Angriff. Kosus sagte: Dann kommt der Angriff, und dann haben sie endlich die Rechtfertigung, das zu tun, was sie schon längst hätten tun sollen. So bewegen sich große Länder manchmal. Sie bewegen sich erst nach dem Schlag. Nicht, weil sie dumm sind, sondern weil ihre Bevölkerung sich nicht vor dem Schlag bewegt. Und solange sich die Bevölkerung nicht bewegt, kann kein Regierender allein handeln.
Alkion sagte: Ist das nicht krank? Kosus sagte: Das ist nicht krank. Das ist, was mit einem Gefüge passiert, das aufgehört hat, eine Gruppe zu sein, und zu einer Ansammlung geworden ist. Eine Gruppe bewegt sich vor dem Schlag, weil sie sich selbst schützt. Eine Ansammlung bewegt sich erst nach dem Schlag, weil jedes Individuum in der Ansammlung denkt: Vielleicht trifft es mich nicht. Wenn der Schlag alle trifft, wissen sie endlich, dass sie zusammengehören. Das ist die grausame Weise, wie eine Ansammlung wieder eine Gruppe wird. Ich hoffe, wir verpassen es. Ich bin mir nicht sicher.
Alkion sagte: Und wenn der Schlag kommt? Kosus sagte: Dann stehen Sie am Hafen mit Ihrem Boot, und Sie wissen, was Sie tun müssen. Und Demira steht am Ofen, und sie weiß, was sie tun muss. Und der Schmied steht an seinem Amboss, und er weiß, was er tun muss. Und vielleicht, vielleicht, steht in diesem Moment auch der Kommandant auf der Brücke auf und schaut endlich aus dem Fenster.
Kosus sagt: wer die Flagge sieht und nichts tut, ist nicht blind. Wer die Flagge sieht und nichts tun kann, weil niemand zuhört, ist nicht feige. Aber wer die Flagge sieht und dann in die andere Richtung fährt, ist der Erste, der fort ist, wenn der Schlag fällt.
Erzählung 18
Alkion hatte einen Cousin im Westen, in einem Land auf der anderen Seite des Ozeans. Sie hatten sich seit der Kindheit einmal im Monat geschrieben. Seit fünf Jahren schrieben sie per Computer, seit zwei Jahren nicht mehr.
Eines Tages kam ein Brief. Nicht vom Cousin selbst, von der Frau des Cousins. Sie schrieb: Er denkt nicht mehr an Europa. Er sagt, ihr habt dort eure eigenen Sorgen und wir haben die unseren. Er sagt, das Versprechen, das sein Vater gab, sei nicht mehr seines. Er sagt das nicht aus Zorn, er sagt es wie jemand, der aufräumt.
Alkion las den Brief und fühlte etwas, das er nicht sofort benennen konnte. Später verstand er, dass es Trauer war. Trauer um jemanden, der noch lebt, aber aufgehört hat, auch auf seiner Seite zu leben.
Er brachte den Brief zu Kosus. Kosus las ihn und sagte: Das ist der zweite Sturm, und er ist fast vollzogen. Der amerikanische Abzug ist kein Tod. Die Toten kommen nicht aus der Erde zurück. Die Fortgegangenen kommen vielleicht zurück, aber sie kommen als andere zurück. Sie kommen nicht als die zurück, die gegangen sind.
Alkion sagte: Sind wir also allein? Kosus sagte: Wir sind allein, wie ein erwachsenes Kind allein ist, wenn sein Vater wegzieht. Wir haben zuerst gelernt, dass wir ihn nicht mehr brauchten, und als er ging, merkten wir, dass wir ihn doch brauchten. Jetzt lernen wir, ohne ihn auszukommen. Das ist traurig, und es ist auch Wachstum.
Alkion sagte: Können wir ohne ihn? Kosus sagte: Wir können ohne ihn, wenn wir uns erinnern, wer wir waren, bevor er kam. Bevor Amerika uns 1945 half, waren wir ein Kontinent, der herstellte, was die Welt brauchte. Wir waren nicht schwach. Wir waren zerrissen. Amerika hat den Riss für uns geflickt. Jetzt ist Amerika fort, und der Riss ist noch nicht geflickt. Wir müssen selbst nähen.
Alkion sagte: Können wir nähen? Kosus sagte: Das ist dieselbe Frage wie: Können wir eine Gruppe sein? Wenn wir eine Gruppe sind, können wir nähen. Wenn wir eine Ansammlung bleiben, bleibt der Riss offen, und wir werden bluten. Das ist jetzt die Wahl. Sie geht nicht mehr um Kohle oder Sonne oder Wind. Sie geht darum, ob wir unter uns vieren, unter uns dreizehn, unter uns siebenundzwanzig, eine Gruppe bilden. Wenn das gelingt, nähen wir. Wenn das nicht gelingt, sehen wir zu, wie der Riss sich weitet.
Alkion schrieb der Frau seines Cousins einen Brief zurück. Er schrieb: Danken Sie ihm. Ich verstehe es. Ich hoffe, dass wir bei einer künftigen Gelegenheit wieder zwei Seiten sind, die sich erkennen. Für jetzt ist er dort und ich hier, und das ist eine Tatsache, die ich akzeptiere.
Kosus sagt: wenn der, von dem Sie dachten, er sei immer da, nicht mehr schreibt, ist das Trauer. Trauer dauert lange, und dann lässt sie nach. Was nach der Trauer kommt, kann stärker sein als das, was davor war — wenn Sie inzwischen nicht zusammengebrochen sind.
Erzählung 19
Eines Tages lag im Hafen ein Container, der niemandem gehörte. Der Hafenmeister hatte ihn auf ein Schiff verladen lassen, das drei Wochen zuvor abgefahren war, aber die Container waren im Bestimmungshafen abgelehnt worden, weil irgendwo in den Papieren ein Fehler war. Das Schiff war zurückgekehrt. Die Container standen nun am Kai, dreißig Stück. Niemand kam, um sie abzuholen.
Alkion kam vorbei und fragte, was drin sei. Der Hafenmeister zuckte mit den Schultern. Alkion sagte: Darf ich einen öffnen? Der Hafenmeister sagte: Wenn niemand kommt, um ihn abzuholen, darf ich ihn nach dreißig Tagen öffnen lassen. Wir haben noch eine Woche.
An dem Tag, an dem die dreißig Tage vorbei waren, kam Alkion mit einem Brecheisen zurück. Der Hafenmeister schaute zu. Im ersten Container waren Telefone. Tausende Telefone in kleinen Kartons. Im zweiten Container waren Kleider. Im dritten Container war Werkzeug. Im vierten Container waren Spielzeug und Batterien. Im fünften waren Fahrräder ohne Räder — die Räder waren wahrscheinlich in einem anderen Container.
Alles kam aus demselben Land. Auf jedem Karton stand dieselbe Adresse. Alkion sagte: Dreißig Container aus einem Land, und niemand kommt, sie abzuholen. Der Hafenmeister sagte: Das ist, was jetzt passiert. Wir bestellen so viel, dass wir vergessen, was wir bestellt haben. Und wenn in den Papieren etwas schiefgeht, kostet es den Importeur weniger, sie stehen zu lassen, als sie zurückzuschicken.
Alkion brachte die Geschichte zu Kosus. Kosus sagte: Das ist der dritte Sturm, und er ist schon drinnen. Alkion sagte: Wie meinen Sie das? Kosus sagte: Schauen Sie, was in diesen Containern ist. Alle Dinge, die Sie täglich benutzen. Telefone, Kleider, Werkzeug, Spielzeug, Fahrräder. Alles kommt aus demselben Land. Und wenn ein Papier falsch ist, steht es hier drei Wochen, und niemand vermisst es. Wissen Sie, was das bedeutet?
Alkion sagte: Dass wir nicht davon abhängig sind? Kosus sagte: Nein. Dass wir so tief davon abhängig sind, dass wir nicht einmal merken, wenn es nicht kommt. Die nächste Lieferung kommt von selbst. Dreißig Container ist ein Versehen. Tausend Container ist normal. Wenn eines Tages die Tausend nicht kommen, werden wir es merken, und dann ist es zu spät, noch etwas zu tun. Denn der Schmied, der hier Werkzeug machte, steht nicht mehr an seinem Amboss. Die Weberin, die hier Stoffe webte, webt nicht mehr. Der Fahrradbauer, der hier Fahrräder baute, baut nicht mehr.
Alkion sagte: Können wir sie zurückholen? Kosus sagte: Können, ja, ob wir wollen, weiß ich nicht. Zurückholen bedeutet teureres Brot, teurere Kleider, teureres Werkzeug. Zurückholen bedeutet, dass wir wieder zwischen zwei Schuhen statt zwischen zwanzig wählen müssen. Zurückholen bedeutet, den billigen Überfluss loszulassen, der uns in dreißig Jahren von Machern zu Käufern gemacht hat. Solange die Käufer finden, dass Kaufen angenehmer ist als Machen, weht der dritte Sturm weiter. Er wird uns nicht töten, wie es die ersten beiden Stürme können. Er verwandelt uns in Menschen, die ohne den Sturm nichts mehr können.
Alkion stand eine Weile still. Dann sagte er: Ich gehe heute zum Schmied und frage, ob er mir einen neuen Anker schmiedet. Ich brauche einen, aber ich hatte vor, einen zu bestellen. Ich werde ihn beim Schmied bestellen.
Der Schmied, der drei Häuser vom Kai entfernt wohnte, schaute überrascht auf, als Alkion herkam. Er hatte drei Jahre keinen Anker mehr geschmiedet. Er brauchte drei Wochen, um ihn zu liefern. Alkion wartete drei Wochen. An dem Tag, an dem der Anker fertig war, zahlte Alkion dreimal so viel, wie er online bezahlt hätte. Er hängte ihn an sein Boot und fühlte, dass er besser wog.
Kosus sagt: der dritte Sturm verschwindet nicht, wenn man ihn bekämpft. Der dritte Sturm verschwindet, wenn Sie bei Ihrem Nachbarn etwas kaufen, das Sie auch günstiger hätten bestellen können.
Teil VII
Worin Kosus Klytia seinen Traum erzählt und die drei Erfindungen — Keuro, Kosaris, Instrument — ihre Namen erhalten.
Erzählung 20
An einem Abend legte Kosus fünf Karten auf den Tisch. Demira, Alkion und Klytia schauten zu.
Auf der ersten Karte, sagte Kosus, ist ein Schiff. Dieses Schiff sind die fünf Schiffe, die auf die Klippe zufahren. Frankreich, England, Italien und Deutschland, Spanien. Ich habe schon darüber gesprochen. Es fährt.
Auf der zweiten Karte, sagte er, ist eine Puppe mit Eselsohren. Das ist, was aus uns geworden ist. Wir sind die Bevölkerung des Spielzeuglands. Unsere Ohren sind spitz, und wir wissen es nicht. Wir denken, wir sind frei, und wir sind eigentlich handelbar geworden.
Auf der dritten Karte, sagte er, ist eine Arena. Dort spielen unsere politische Klasse und unsere Presse ihr Turnier. Sie unterhalten die Bevölkerung, während das Schiff fährt. Sie denken, sie regieren. Sie treten auf.
Auf der vierten Karte, sagte er, ist eine Hecke aus Dornen. Das sind die dreißig Jahre aufgeschobener Entscheidungen, die um unsere regierende Eiche gewachsen sind. Wir sehen das Tal dahinter. Wir kommen nicht hin.
Auf der fünften Karte, sagte er, ist eine ferne Burg auf einem Berg. Das ist die Kathedrale, in der die Zukunft schläft. Sie liegt nicht in Brüssel. Sie liegt nicht in Berlin. Sie liegt auf Malta. Ich werde Ihnen mehr davon erzählen.
Demira sagte: Wohin führen diese fünf Karten? Kosus sagte: Sie führen zu einer einzigen Handlung. Der Handlung, mit der wir von den ersten vier Karten fortkommen und die fünfte erreichen. Es ist nicht eine Handlung eines Mannes. Es ist eine Reihe von Handlungen vieler. Ich zeige Ihnen heute die erste dieser Handlungen.
Kosus stand auf. Er ging in sein Schlafzimmer. Er kam mit einem kleinen Bündel zurück, das in ein altes Tuch gewickelt war. Er stellte es auf den Tisch und wickelte es aus. Es gab drei Gegenstände. Eine Münze. Ein kleines Buch. Ein kupfernes Ding mit Rädern.
Er sagte: Das ist, was der Reiter auf seinem weißen Pferd mitnimmt. Gold, Buch, Instrument. Ich erzähle Ihnen, was jedes ist.
Kosus sagt: wer Karten legt, sagt nicht die Zukunft voraus. Wer Karten legt, ordnet, was schon feststeht. Wer die Karten lesen kann, weiß, wo er handeln muss. Wer sie nicht lesen kann, wird von dem mitgerissen, was kommt.
Erzählung 21
Es kam ein Tag, an dem Klytia spät abends in ihrer Werkstatt saß. Sie hatte die Tür zum Kai offen gelassen, denn es war warm, und sie liebte das Geräusch des Wassers. Sie webte nicht mehr, sie saß und schaute auf den Webstuhl, der still stand.
Aus der Nacht kam Kosus an ihre Tür. Er sagte: Ich bin heute spät unterwegs. Demira hatte übriges Brot und bat mich, es Ihnen zu bringen. Klytia nahm das Brot und sagte: Kommen Sie herein. Ich habe Zeit.
Sie saßen an ihrem Tisch, und Kosus sagte: Klytia, ich muss Ihnen etwas erzählen, das ich noch niemandem erzählt habe. Ich hatte einen Traum. Klytia sagte: Erzählen Sie. Kosus sagte: Ich sah ein weißes Pferd, gesattelt. Auf dem Rücken des Pferdes saß jemand, der vorausschauen konnte. Er trug in seiner Tasche drei Dinge: Gold, ein Buch und ein Instrument. Hinter ihm brannte eine Stadt. Er schaute nicht zurück. In meinem Traum fragte ich: Wer ist der Reiter? Es kam keine Antwort. Ich fragte: Was trägt er? Es kam eine Antwort: Das, was zu wichtig ist, um es im Feuer zu verlieren.
Klytia sagte: Was ist das? Kosus sagte: Das verstand ich erst, als ich aufwachte. Das Gold ist eine neue Münze, die Respekt misst statt Transaktion. Ich nenne sie den Keuro. Das Buch ist ein Erzählbuch, das der Gruppe sich selbst zurückgibt. Ich nenne es die Kosaris. Das Instrument ist die Art, wie wir rechnen, wenn wir die Verschmutzung aus dem BIP entfernt haben. Das ist, was ich in meinem Triptychon aufgeschrieben habe.
Klytia sagte: Und der Reiter? Kosus sagte: Der Reiter hat im Traum keinen Namen. Ich denke, der Reiter ist nicht eine Person. Ich denke, jeder Leser dieses Buches wird ein Stück des Reiters. Und dass wir zusammen das Pferd satteln.
Klytia sagte: Warum erzählen Sie mir das? Kosus sagte: Weil Sie den Webstuhl haben. Was wir auf dem Pferd tragen, muss in etwas verpackt werden. Die Tasche des Reiters muss gewebt werden. Ich möchte, dass Sie diese Tasche weben. Nicht als Dekoration. Nicht zur Show. Als echte Tasche, die drei Dinge tragen kann: Gold, Buch, Instrument. Sie muss robust sein. Sie muss wetterfest sein. Sie muss schön genug sein, dass der Reiter stolz darauf ist, ohne dass der Stolz schwerer wiegt als der Inhalt.
Klytia dachte lange nach. Dann sagte sie: Ich webe sie. Aber ich habe eine Frage. Warum muss sie schön sein? Warum nicht einfach ein Jutesack? Kosus sagte: Weil die Tasche das Erste ist, was die Menschen sehen. Sie sehen nicht direkt das Gold, das Buch, das Instrument. Sie sehen die Tasche, und sie urteilen. Wenn die Tasche aus Jute ist, denken sie: Das ist ein Bettler. Wenn die Tasche zu edel ist, denken sie: Das ist ein Verkäufer. Wenn die Tasche schön ist mit der Einfachheit guter Arbeit, denken sie: Das ist jemand, der etwas Wichtiges bei sich trägt und weiß, was es wert ist. Das ist die Tasche, die Sie weben.
Klytia begann am nächsten Tag. Sie benutzte die Wolle von drei Schafen, die sie persönlich kennengelernt hatte. Sie färbte die Wolle mit pflanzlicher Farbe, die sie selbst aus den Gärten des Dorfes gesammelt hatte. Sie webte in einem Muster, das sie in den Träumen jener Nächte sah. In dem Muster waren kleine Zeichen: ein Ofen, ein Boot, ein Webstuhl, ein achtzackiges Kreuz. Die Tasche brauchte vier Monate zur Fertigstellung.
Als sie fertig war, brachte sie sie zu Kosus. Kosus öffnete sie. Er legte drei Dinge hinein: eine alte Münze aus seiner Tasche, seine eigene kleine Abschrift seines Triptychons, und sein Rechenwerkzeug, das sein Großvater benutzt hatte. Er schloss die Tasche. Er sagte: Danke. Jetzt ist sie fertig.
Klytia sagte: Wem geben Sie sie? Kosus sagte: Dem ersten Reiter, der sie zu tragen wagt. Klytia sagte: Wann? Kosus sagte: Wenn die Stadt hinter ihm zu brennen beginnt.
Kosus sagt: was Sie auf einem weißen Pferd durch eine brennende Stadt tragen, muss in etwas verpackt werden. Die Tasche ist nicht weniger wichtig als der Inhalt. Wer den Inhalt vergisst, weil die Tasche schön ist, verliert alles. Wer die Tasche vergisst, weil nur der Inhalt zählt, verliert unterwegs den Inhalt.
Erzählung 22
Klytia fragte Kosus eines Tages: Erklären Sie mir, was der Keuro ist. Ich habe Sie darüber mit Demira und Alkion sprechen hören, aber ich verstehe ihn nicht.
Kosus holte zwei Dinge aus seiner Tasche: eine Münze und eine kleine Holzscheibe. Er legte sie auf den Tisch. Er sagte: Das ist ein Euro. Er misst Transaktion. Ich gebe Ihnen den Euro, Sie geben mir Brot. Der Euro ist geliefert, das Brot ist geliefert, wir sind quitt. Wir kennen uns nicht, wir müssen uns nicht kennen. Der Euro funktioniert zwischen Fremden, und das ist seine Tugend. Ohne ihn würde die Welt stillstehen.
Klytia nickte. Kosus zeigte auf die Holzscheibe. Er sagte: Das ist ein Keuro. Er misst etwas anderes. Er misst, was Sie jemandem gegeben haben, ohne dass sofort etwas zurückkam. Er misst, dass Sie drei Wochen bei meiner kranken Mutter saßen, als sie starb. Er misst, dass Sie einen halben Tag verwendet haben, um meine Leitungen zu reparieren, ohne mir eine Rechnung zu schicken. Er misst, dass Sie mein Kind zur Schule gebracht haben, als ich krank war. Er misst Treue. Er misst Anwesenheit. Er misst, was eine Gruppe sich selbst gibt.
Klytia sagte: Wie können Sie das messen? Treue ist nicht messbar. Kosus sagte: Sie haben recht, dass Treue an sich nicht messbar ist. Aber die Handlungen, die aus Treue entstehen, sind erkennbar. Wenn jemand eine halbe Stunde geht, um einer alten Nachbarin ihre Einkäufe zu bringen, ist das eine Handlung. Wenn jemand einen Nachmittag opfert, um einem Dorfgenossen beim Umzug zu helfen, ist das eine Handlung. Wenn jemand eine Viertelstunde nimmt, um jemandem zu helfen, der auf der Straße gefallen ist, ist das eine Handlung. Solche Handlungen werden heute nicht registriert. Sie verschwinden in der Luft. Der Keuro registriert sie nicht als Geld, denn das würde sie verderben. Er registriert sie als Ehrerbietung.
Klytia sagte: Wer erkennt sie dann an? Kosus sagte: Das ist die schwierigste Frage. Es gibt drei Möglichkeiten. Erstens: eine zentrale Behörde, die alle Handlungen registriert. Das ist, was China mit seinem Sozialkreditsystem tut, und das ist falsch, denn dann wird der Bürger zum Mittel für den Staat. Zweitens: Jeder erkennt sich selbst an. Ich sage, ich bin treu, also bekomme ich einen Keuro. Das ist naiv, denn dann hält sich jeder selbst für heilig. Drittens: Die Gemeinschaft erkennt ihre Mitglieder an. Wer im Dorf weiß, dass jemand eine halbe Stunde mit den Einkäufen ging, erkennt ihm einen Keuro zu. Es braucht drei oder vier Zeugen. Sie bestätigen sich gegenseitig. Das ist eine Gruppe. Sie weiß, was sie sich selbst gibt.
Klytia sagte: Und dann? Was kann jemand mit einem Keuro tun? Kosus sagte: Das ist die wichtigste Frage. Ein Keuro ist nicht gegen Konsum einlösbar. Sie kaufen damit kein Brot. Sie kaufen damit kein Haus. Sie kaufen damit nichts, was auch der Euro kaufen kann. Er ist gegen etwas anderes einlösbar: gegen Zugang zu dem, was die Gruppe für sich selbst verwaltet. Gegen eine Stimme im Gemeinderat, die schwerer wiegt. Gegen einen Platz in einem Aufsichtsrat, der die Gruppe schützt. Gegen das Recht, in Versammlungen zu sprechen, die wirklich zählen. Gegen eine Einladung zu einer Entscheidung, die Sie sonst nicht erhalten hätten. Kurz: gegen Teilnahme an der Führung. Wer viel Keuro hat, ist nicht reich. Er ist von seiner Gemeinschaft berechtigt, sie mitzuregieren.
Klytia sagte: Und was, wenn jemand Keuro sammelt, um Macht zu bekommen? Kosus sagte: Ausgezeichnete Frage. Die Antwort liegt in der Handlung selbst. Wer Keuro durch Treue verdient, zeigt, dass er treu ist. Wer versucht, Keuro für Macht zu verdienen, wird von der Gruppe als solcher erkannt, und seine Keuro verlieren ihren Wert. Sie werden verschenkt oder verdampfen. Der Keuro funktioniert nur, wenn der, der ihn trägt, ihn nicht als Mittel benutzt. Sobald er als Mittel benutzt wird, fällt er weg. Das ist die Selbstregulierung, die ihn möglich macht.
Klytia sagte: Das ist fast zu schön, um wahr zu sein. Kosus sagte: Es ist schön, aber es ist nicht einfach. Es ist nicht ein Mechanismus, den Sie einrichten und der dann funktioniert. Es ist eine Kultur, die Sie pflegen. Und Kultur wird gebaut, indem man Geschichten erzählt, Beispiele gibt, Menschen an das erinnert, was sie wertschätzen. Deshalb schreiben wir die Kosaris. Die Kosaris ist die Kultur, in der der Keuro bestehen kann. Ohne die Kosaris ist der Keuro eine Holzscheibe. Mit der Kosaris ist er eine Gruppe in materieller Form.
Kosus sagt: eine Münze, die man mit Geld kaufen kann, ist Geld. Eine Münze, die man nur durch Treue verdienen kann, ist eine Gruppe, die sich ihrer selbst bewusst wird.
Erzählung 23
Klytia las in diesem Winter Kosus' Triptychon, das ihr Demira geliehen hatte. Sie las langsam. Sie verstand nicht alles. Manche Tabellen überging sie. Aber den Kern verstand sie: dass wir unsere eigene Rechnung nicht mehr in Ordnung haben, und dass wir das wiederherstellen können, wenn wir aufhören, uns selbst zu belügen.
An einem Nachmittag sagte sie zu Kosus: Ihr Triptychon ist wichtig. Aber es ist zu schwierig für mich. Ich webe, ich habe keinen bürokratischen Kopf. Ich kann es meinen Kindern nicht weitergeben. Sie werden es nicht lesen.
Kosus sagte: Sie haben recht. Ich habe das Triptychon für den geschrieben, der auf der Brücke des Schiffes sitzt oder dorthin zu gelangen wünscht. Aber wer am Hafen steht, braucht ein anderes Buch. Das ist die Kosaris. Ich habe sie noch nicht geschrieben. Ich schreibe sie gerade.
Klytia sagte: Was kommt in die Kosaris? Kosus sagte: Alles, was im Triptychon steht, aber als Erzählungen. Nicht als Tabelle, nicht als Abhandlung. Als Theater. Der verformte Bug wird ein Schiff, das man sehen kann. Der verschmutzte Nenner wird ein Mehlsack, der zwei Kilo zu leicht ist. Die vier Schichten werden ein Bürgermeister, der die Rechnung nicht lesen kann. Die drei Stürme werden Alkions Vorhersage. Der Keuro wird eine Holzscheibe. So verwandelt sich eine Studie in ein Erzählbuch.
Klytia sagte: Und warum heißt es Kosaris? Kosus sagte: Weil wir jedem, der es liest, die Gelegenheit geben zu schauen. Schauen Sie, was in Ihrem Dorf passiert. Schauen Sie in den Spiegel ohne Filter. Schauen Sie, was Sie kaufen. Schauen Sie, woher das Brot kommt. Schauen Sie, was Sie Ihren Kindern weitergeben. Die Kosaris ist das Buch, das Schauen lehrt. Die Bibel lehrte Glauben. Die Kosaris lehrt Schauen. Sie stehen nicht im Widerspruch zueinander. Sie gehen ineinander über. Wer schaut und dem treu ist, was er sieht, glaubt von selbst etwas, für das er vielleicht keinen Namen hat.
Klytia sagte: Wie wollen Sie sie verbreiten? Kosus sagte: Langsam. Nicht als Verkaufsartikel. Sie darf nicht in der Arena präsentiert werden. Sie muss von Hand zu Hand weitergegeben werden. Wer sie liest und erkennt, gibt sie einem anderen. So wächst sie organisch. Wer keine Zeit hat, sie weiterzugeben, ist nicht bereit. Wer sie unberührt in den Schrank stellt, verliert sie. Wer sie liest und etwas damit tut, wird ein Leser, der sie seinerseits trägt.
Klytia sagte: Halte ich die erste Kopie in der Hand? Kosus sagte: Sie haben eine der ersten. Demira hat auch eine. Alkion hat auch eine. Petros nimmt eine nach Malta. Es gibt jetzt vier oder fünf Menschen, die sie haben. Nächsten Monat sind es zwanzig. Nächstes Jahr tausend. In fünf Jahren hunderttausend. In fünfzig Jahren steht sie in jedem Wohnzimmer, dessen Bewohner sie wollen. Das ist nicht mein Plan. Das ist, was mit einem Buch geschieht, das Menschen einander geben, weil sie denken: Das muss er auch lesen.
Klytia sagte: Und wenn Sie nicht mehr da sind? Kosus sagte: Dann ist das Buch da. Und Sie sind da. Und Demira ist da. Und Alkion ist da. Wir sind zusammen genug. Ich muss nicht heilig sein, um etwas zu erzählen. Ich muss nur dafür sorgen, dass es aufgeschrieben ist, bevor ich gehe. Das ist genug. Was nach mir kommt, ist nicht an mir.
Kosus sagt: ein Buch, das die Gruppe sich selbst gibt, wird nicht gekauft und nicht verkauft. Es geht von Hand zu Hand. Wer es hält, weiß, dass er für die nächste Hand verantwortlich ist.
Erzählung 24
Kosus hatte ein altes Instrument in seiner Tasche. Klytia sah es einmal, als er an ihrem Tisch saß. Es war eine Sammlung kupferner Räder und Zahnräder auf einem Holzsockel. An der Seite waren Zahlen eingraviert. Es gab Drehknöpfe. Es gab ein kleines Glas, durch das man in das Innere des Geräts sehen konnte.
Klytia sagte: Was ist das? Kosus sagte: Das ist ein Rechengerät, das mein Großvater benutzte. Er war Buchhalter im Dienst der Provinz. Er rechnete damit aus, was Gemeinden ausgaben und was sie einnahmen. Er tat das, bevor es Computer gab. Er war darin besser als die meisten Computer heute, denn er wusste genau, was in dem Knopf steckte, den er drehte.
Klytia sagte: Darf ich sehen, wie es funktioniert? Kosus drehte an einem Knopf. Ein Rädchen bewegte sich. Eine Zahl erschien im Glas. Er drehte an einem zweiten Knopf. Eine zweite Zahl erschien. Er drehte an einem dritten Knopf. Im Glas erschien eine dritte Zahl, die die Summe der ersten beiden war. Klytia sagte: Eine Addiermaschine? Kosus sagte: Eine Addiermaschine, und mehr. Sie konnte subtrahieren, multiplizieren, teilen. Das ist nicht das Besondere. Das Besondere ist, dass mein Großvater bei jeder Handlung wusste, was er tat. Er wusste, welches Rad welche Zahl bewegte. Er konnte niemals Fehler machen, die er nicht sah. Heute drückt jeder einen Knopf, und eine Zahl erscheint, und niemand weiß mehr, warum.
Klytia sagte: Ist das Instrument dann das Rad oder das Wissen? Kosus sagte: Ausgezeichnete Frage. Das Instrument ist beides. Es ist das kupferne Gerät, und es ist das Wissen desjenigen, der es bedient. Ohne das eine ist das andere wertlos. Ich trage dieses Gerät als Erinnerung an das Wissen. Wenn ich sage, dass das Instrument in der Tasche des Reiters liegt, meine ich nicht dieses Gerät. Ich meine das Wissen, das mein Großvater hatte. Das Wissen, dass jede Zahl eine Handlung ist. Das Wissen, dass jede Handlung eine Folge hat. Das Wissen, dass wer rechnet, Verantwortung trägt.
Klytia sagte: Ist dieses Wissen in Ihrem Triptychon aufgeschrieben? Kosus sagte: Es ist im Triptychon aufgeschrieben, ja. Aber es ist nicht das Triptychon. Es ist die Haltung hinter dem Triptychon. Das Triptychon ist eine Buchhaltung. Das Wissen ist die Verweigerung, jemals eine Zahl zu notieren, die man nicht verteidigen würde, wenn jemand einen darauf ansprechen würde. Das ist, was das Instrument wirklich ist. Es ist ein Gewissen in kupferner Form.
Klytia sagte: Kann ich dieses Wissen lernen? Kosus sagte: Sie haben es bereits. Sie webten vier Monate an einer Tasche für drei Dinge, die Ihnen niemand erklären konnte. Sie rechneten in Ihrem Kopf, ohne einen Euro, dass es sich lohnte. Das ist das Wissen. Was Sie nicht haben, ist die Sprache, es zu teilen. Die gibt Ihnen die Kosaris. Aber die Kosaris gibt kein Wissen. Das Wissen ist schon da. Jeder Mensch, der ehrlich arbeitet, hat es. Es ist nur in dreißig Jahren unter Lärm begraben worden.
Klytia sagte: Was, wenn der Lärm bleibt? Kosus sagte: Dann gewinnt der Lärm. Aber es gibt Menschen, die den Lärm nicht aushalten können. Sie suchen Stille. Sie werden die Leser der Kosaris. Sie werden die Träger des Keuro. Sie werden die Gemeinschaft, die ihren eigenen Hafen kauft. Sie sind nicht zahlreich. Sie sind genug. In jeder Zeit gibt es genug Menschen, die Stille suchen. Wir müssen nicht die ganze Welt überzeugen. Wir müssen nur jene erreichen, die schon wissen, was sie nicht benennen konnten.
Kosus sagt: das Instrument ist nicht die Maschine. Das Instrument ist das Gewissen, das die Maschine benutzt. Ohne Gewissen ist die Maschine gefährlich. Mit Gewissen genügt ein einfaches Rad.
Teil VIII
Worin Petros, der alte Ritter, kommt und erzählt, was Malta ist, was für ein Dornröschen dort schläft, und warum das Kapital dorthin fließen muss, bevor Brüssel den letzten Ast absägt.
Erzählung 25
Eines Tages saß am Kai ein alter Mann, den Demira noch nicht gesehen hatte. Er trug gewöhnliche Kleidung, aber ein merkwürdiges Kreuz um den Hals. Das Kreuz hatte acht Zacken. Demira hatte so etwas noch nie gesehen.
Sie brachte ihm ein Brot und ein Glas Wasser — er sah aus, als könnte er es brauchen. Er bedankte sich. Er sprach Niederländisch mit einem leichten südlichen Akzent. Sie fragte: Woher kommen Sie? Der Mann sagte: Ich heiße Petros. Ich komme aus Malta. Ich bin auf Reisen, um zu sehen, ob Europa noch ist, wo es war.
Demira sagte: Mein Name ist Demira. Welches Malta meinen Sie? Der Mann sagte: Die Insel, die die Ritter des Heiligen Johannes zwischen 1530 und 1798 bewahrten. Ich bin einer der letzten Ritter in der alten Tradition. Wir sind nicht mehr viele. Wir sind sieben auf der ganzen Insel. Wir tragen das Kreuz und halten das Gedankengut lebendig. Wir haben kein Heer. Wir haben ein Gedächtnis.
Demira sagte: Was ist Ihr Gedankengut? Petros sagte: Dass eine Gemeinschaft für etwas stehen muss, wofür sie bereit ist zu fallen, sonst ist sie keine Gemeinschaft. Das haben die Ritter 1565 bewiesen, als sie mit sechshundert Rittern und neuntausend maltesischen Bürgern eine osmanische Invasion von vierzigtausend Mann zurückhielten. Wir nennen das die Belagerung. Ohne diese Belagerung wäre Europa heute osmanisch. Wir haben Europa gerettet, und es hat uns vergessen. Das ist nicht schlimm. Was wir taten, war nicht dafür gedacht, in Erinnerung zu bleiben.
Demira sagte: Warum sind Sie jetzt hier? Petros sagte: Ich höre, dass in Europa eine neue Erfindung im Gange ist. Ich höre von einem Mann namens Kosus, von einem Buch namens Kosaris und von einer Münze namens Keuro. Ich höre, dass Malta das Stammhaus dieser Erfindung werden soll. Ich reise, um die Orte zu besuchen, aus denen diese Erfindung kommt. Ich will wissen, ob sie aufrichtig ist.
Demira sagte: Kosus sitzt in der dritten Straße auf Ihrer linken Hand, im Haus mit der blauen Tür. Petros lächelte und sagte: Ich besuche ihn morgen. Heute sitze ich hier, esse Ihr Brot und schaue auf Ihren Hafen. Das ist die erste Prüfung jeder Erfindung: wie sie sich am Kai anfühlt, wo sie beginnt.
Als Petros aufgegessen und sich bedankt hatte, stand er auf. Bevor er ging, sagte er zu Demira: Ihr Brot ist in der Nähe gemacht. Das schmecke ich. Wer Brot macht wie Sie, bewahrt, ohne es zu wissen, einen Teil von dem, was wir auf Malta bewahren. Sie sind, ohne es zu wissen, eine Ritterin Ihres eigenen Ofens. Tragen Sie das ruhig. Seien Sie nicht stolz darauf. Stolz ist der Fall jeder beginnenden Gruppe. Seien Sie dankbar dafür.
Demira stand mit den Händen auf dem Ladentisch und fühlte, wie sich etwas veränderte. Sie wusste nicht, was. Sie wusste, dass sich etwas verschob.
Kosus sagt: ein alter Ritter erkennt Sie an dem, was Sie mit Ihren Händen tun. Er muss nicht fragen, was Sie glauben. Was Sie herstellen, erzählt ihm alles.
Erzählung 26
Petros brachte an seinem zweiten Abend im Dorf ein Buch mit. Es war ein altes Buch in Englisch. Auf dem Umschlag stand: The Great Siege of Malta, 1565. Er gab es Kosus.
Kosus öffnete es und las Demira, Alkion und Klytia eine Passage vor: „Am 18. Mai 1565 erschien die osmanische Flotte vor Malta. Am 8. September 1565 war sie vertrieben. In diesen vier Monaten starben zweihundertfünfzig Ritter und siebentausend Malteser. Von den fünfzehnhundert Verteidigern, die den Feldzug begannen, blieben sechs Monate später sechshundert übrig. Großmeister Jean Parisot de Valette, damals zweiundsiebzig Jahre alt, kämpfte persönlich an den Linien. Seine Worte zu Beginn der Belagerung sind überliefert: Wir verteidigen nicht Mauern. Wir verteidigen, was hinter den Mauern lebt.“
Kosus schloss das Buch. Er sagte: Das ist eine Geschichte, die jeder Europäer kennen sollte. Sie ist fast völlig vergessen. Sie wird nicht gelehrt. Sie wird nicht dramatisiert. Sie ist kein Thema in Film oder Literatur. Warum, glauben Sie?
Alkion sagte: Weil wir vergessen haben, was wir zu verteidigen haben. Kosus sagte: Genau. Eine Zivilisation, die weiß, was sie zu verteidigen hat, pflegt die Geschichten ihrer Verteidigung. Eine Zivilisation, die es vergessen hat, lässt die Geschichten versinken. Wir fürchten uns nicht mehr vor Suleiman. Wir fürchten uns vor unserer Steuererklärung. Das ist ein Unterschied im Ausmaß.
Klytia sagte: Wie bringen wir es zurück? Kosus sagte: Indem wir es erzählen. Unseren Kindern. Unseren Enkelkindern. Unseren Schulklassen. Nicht als Militärgeschichte. Als menschliche Geschichte. Was passiert, wenn sechshundert Menschen vier Monate lang gegen vierzigtausend standhalten, wissend, dass sie sterben werden? Was ist in ihnen, das wir verloren haben? Was können wir von ihnen über uns selbst lernen?
Petros sagte: Ich sage Ihnen, was in ihnen war. Sie wussten, wozu sie gehörten. Nicht abstrakt. Nicht als Flagge. Sie wussten, wer ihr Nachbar war. Wer ihr Bruder war. Wer ihr Herr war. Sie wussten, was mit ihrer Tochter geschehen würde, wenn die Osmanen gewännen. Sie wussten, dass ihre Kirche niedergerissen würde. Sie wussten, dass ihre Sprache verboten würde. Sie wussten, dass ihre Kinder Sklaven würden. Dieses Wissen war es, das sie zu Helden machte. Ohne das Wissen gibt es kein Heldentum.
Alkion sagte: Können wir dieses Wissen wiederfinden? Petros sagte: Nicht direkt. Wir können nicht so tun, als seien wir Malta 1565. Wir sind Europa 2026. Wir wissen nicht, wie sie wussten. Aber wir können lernen, etwas Neues zu wissen. Wir können lernen, was verloren geht, wenn der dritte Sturm sein Werk vollendet. Wir können lernen, was verloren geht, wenn der zweite Sturm einschlägt. Wir können lernen, was verloren geht, wenn der erste Sturm kommt. Jeder dieser Verluste ist groß. Wenn wir lernen, das zu fühlen, haben wir unser eigenes Wissen. Es ist nicht dasselbe wie das von Malta 1565, aber es ist genug.
Kosus sagte: Und die Kosaris soll helfen, dieses Wissen wachsen zu lassen. Jede Erzählung in diesem Buch versucht, den Leser etwas fühlen zu lassen, das er sonst nicht fühlen würde. Wenn er es gefühlt hat, kann er handeln. Bevor er es gefühlt hat, wartet er auf Anweisungen, die niemand gibt.
Kosus sagt: eine Belagerung, die wir vergessen haben, wiederholen wir, ohne es zu wissen. Wer die Geschichten der Verteidigung erzählt, ist nicht nostalgisch. Er ist ein Gedächtnisträger. Ohne ihn ist die nächste Generation wehrlos, wenn der Angriff kommt.
Erzählung 27
Am dritten Abend nahm Petros die Gesellschaft in Gedanken mit nach Malta. Er sagte: Kommen Sie mit, Sie müssen nicht aufstehen. Schließen Sie die Augen, wenn Sie wollen. Ich nehme Sie mit.
Er begann. Er sagte: Sie segeln von Sizilien nach Süden. Achtundneunzig Kilometer über Wasser. In der Ferne sehen Sie eine niedrige Küstenlinie. Kalkstein, honigfarben. Fast keine Bäume. Die Sonne steht hoch. Wenn Sie in den Hafen von Valletta einfahren, sehen Sie auf beiden Seiten Festungsmauern, die die Ritter nach 1565 errichteten. Sie wurden gebaut, um nie wieder eine Belagerung zu verlieren. Sie haben auch nie wieder eine verloren.
Sie legen an. Sie steigen die Treppen hinauf, vorbei an den Bögen, die Großmeister Valette bauen ließ. Sie kommen in die Oberstadt. Gerade Straßen. Geschäfte, die seit hundert Jahren dort stehen. Ein Friseur, der Ihren Großvater rasiert hätte, wären Sie rechtzeitig geboren. Rechts steht ein Gebäude mit einem großen Tor. Über dem Tor, in Stein gehauen, steht ein achtzackiges Kreuz. Das ist die Auberge der Zunge der Provence. Sie wurde 1571 gebaut, um die Ritter aus jener Region Frankreichs zu beherbergen. Sie steht leer, seit Napoleon 1798 die Ritter vertrieb.
Kosus sagte: Erklären Sie, was 1798 geschah. Petros sagte: Napoleon segelte im Juni 1798 mit einer großen Flotte nach Ägypten. Auf dem Weg lag Malta. Er verlangte freien Durchgang für seine Schiffe. Der Großmeister weigerte sich. Napoleon landete mit zwanzigtausend Mann. Malta fiel in zwei Tagen. Die Ritter wurden vertrieben. Napoleon plünderte in zwei Wochen die Schätze des Ordens — Gold, Silber, Kunstwerke, Bücher. Er ließ eine Garnison zurück und segelte weiter. Die Briten kamen zwei Jahre später und vertrieben die Franzosen. Malta wurde britisch. Die Ritter kamen nicht in bestimmter Form zurück. Was übrig blieb, ist die Tradition und sieben Menschen, die sie bewahren.
Alkion sagte: Und die Auberge? Petros sagte: Die Auberge steht leer. Sie gehört dem maltesischen Staat. Sie ist nicht restauriert, weil es kein Geld dafür gibt und weil niemand genau weiß, was man mit ihr machen sollte. Als ich Kosus von einem Stammhaus für die Kosaris sprechen hörte, dachte ich sofort an sie. Sie ist der richtige Ort. Sie ist groß genug für die drei Funktionen, die die Kosaris braucht — den Text zu bewahren, jährliche Zusammenkünfte abzuhalten, Schüler aufzunehmen. Sie ist klein genug, um niemals eine Organisation zu werden. Und sie hat eine Geschichte, die keiner einzelnen Nation gehört. Sie war provenzalisch, das ist vorfranzösisch. Sie war ritterlich, das ist vornational. Sie ist maltesisch, und Malta liegt am Scharnier dreier Kontinente.
Kosus sagte: Und was schläft dort? Petros sagte nichts. Er sah Kosus lange an. Dann sagte er: Sie wissen, was dort schläft. Ich muss es nicht aussprechen. Kosus sagte: Ich möchte es ausgesprochen haben für Demira und Alkion und Klytia. Petros nickte. Er sagte: Dort schläft Dornröschen. Sie ist die Zukunft Europas. Nicht als Abstraktion. Als konkretes Ding. Sie ist die noch nicht verschwendete Produktionskapazität. Sie ist das noch nicht ausgegebene Kapital. Sie ist das noch nicht verlassene Wissen. Sie ist die noch nicht vergessene Kultur. Sie liegt in der Auberge und schläft. Sie wartet.
Klytia sagte: Worauf wartet sie? Petros sagte: Auf zwei Dinge. Auf das Ende der Dornen. Und auf das Sammeln dessen, was für den Wiederaufbau nötig ist. Wenn die Dornen zurückgeschnitten sind und nichts gesammelt wurde, erwacht sie in einem leeren Raum. Wenn gesammelt wurde und die Dornen nicht zurückgeschnitten sind, schläft sie weiter, bis alles Gesammelte verrottet ist. Beides muss gleichzeitig geschehen. Die Dornen werden von Millionen Menschen in ganz Europa zurückgeschnitten. Das Sammeln geschieht an einem Ort. Auf Malta. Sie ist der Tresor.
Demira sagte: Warum Malta? Petros sagte: Weil Malta klein genug ist, um nie ihre eigene Politik aufzuzwingen. Weil Malta seit sechstausend Jahren bewohnt ist und daher weiß, was Bewahren bedeutet. Weil Malta 1565 bewiesen hat, dass sie Europa retten kann, ohne europäisch zu sein. Weil Malta weit genug von jeder Hauptstadt entfernt liegt, um nicht eingekapselt zu werden. Und weil Malta ein Steuersystem hat, das vom Rest Europas angegriffen wird und das wir brauchen, um die Bewahrung möglich zu machen. Letzteres ist ein heikler Punkt. Ich erkläre es Ihnen später.
Kosus sagte: Und Klytias Tasche? Petros sagte: Die nehmen Sie mit, wenn Sie kommen. Wir hängen sie in der Auberge auf. Sie liegt dort, bis Sie zurückkommen. Und wenn Sie nicht mehr da sind, ist jemand anderes da, der sie übernimmt. So funktioniert Bewahrung. Nie durch einen, immer durch die Reihe.
Kosus sagt: eine Kathedrale, in der die Zukunft schläft, ist kein Tempel. Sie ist ein Tresor. Wer den Schlüssel hat, bewacht keinen Glauben — er bewacht eine Möglichkeit. Diese Möglichkeit ist Europa.
Erzählung 28
Einige Wochen später kam Petros ins Dorf zurück. Er hatte jemanden mitgebracht. Einen Mann in den Sechzigern, gut gekleidet, aber nicht auffällig. Er sprach Deutsch mit leichtem bayerischem Akzent. Petros stellte ihn vor: Das ist Wilhelm. Ich habe ihn vor drei Monaten in Zürich getroffen. Er suchte einen Ort. Ich habe ihm von Malta erzählt. Er ist jetzt auf dem Weg, sich dort niederzulassen. Unterwegs wollte er das Dorf sehen, in dem die Kosaris geschrieben wird.
Demira brachte Kaffee. Wilhelm saß an Demiras Tisch und erzählte langsam.
Er sagte: Ich wurde 1962 in München geboren. Ich habe in den Achtzigern ein Unternehmen aufgebaut — Präzisionswerkzeuge für die Automobilindustrie. Als ich vierzig war, hatte das Unternehmen zweihundertfünfzig Mitarbeiter. Mit sechzig, vor zwei Jahren, habe ich es verkauft. Ich erhielt insgesamt vierzig Millionen Euro. Ich habe Steuern gezahlt. Was übrig blieb, war etwas mehr als die Hälfte.
Kosus nickte. Wilhelm fuhr fort.
Er sagte: Ich liebte mein Unternehmen. Ich liebte meine Stadt. Ich war im Gemeinderat aktiv. Ich spendete an das örtliche Krankenhaus. Ich zahlte meine Steuern ohne zu murren. Ich war nicht jemand, der ging. Ich war jemand, der blieb. Und dann, 2024, begann in Berlin die Diskussion über eine Vermögenssteuer. Und die Diskussion über die Erbschaftssteuer. Und es kam eine neue Wegzugsbesteuerung — eine Steuer auf das Verlassen des Landes — die dazu führt, dass, wer sein Vermögen aus Deutschland herausnehmen will, zunächst zwanzig bis dreißig Prozent abgeben muss. Und jeden Monat kamen neue Meldungen. Eine Vermögenssteuer, die sechs Prozent werden sollte, dann acht, dann nicht, dann doch wieder. Erbschaftssteuer, die bei Übertragung an meine Kinder auf fünfzig Prozent steigen sollte. Berechnungsmodelle, die zeigten, dass mein Vermögen in zehn Jahren um die Hälfte schrumpfen würde, ohne dass ich eine einzige schlechte Investition getätigt hätte.
Alkion sagte: Also haben Sie beschlossen zu gehen. Wilhelm sagte: Ich habe nicht entschieden. Mein Steuerberater rief mich im Januar dieses Jahres an und sagte: Wilhelm, du musst jetzt wählen. Schweiz, Malta, Singapur oder Bleiben. Wenn du bleibst, weißt du, wie es endet. Ich bat um Zahlen. Sie gab sie mir. In Deutschland würde mein Nettovermögen in fünfzehn Jahren zwischen sieben und zwölf Millionen liegen. In der Schweiz zwischen achtzehn und zweiundzwanzig Millionen. In Malta zwischen zwanzig und vierundzwanzig. In Singapur zwischen zweiundzwanzig und sechsundzwanzig. Für meine Kinder war der Unterschied noch größer, denn die Erbschaftssteuer in Deutschland würde die Hälfte dessen wegnehmen, was ich hinterlasse, in Malta nur einen Bruchteil davon.
Klytia sagte: Also haben Sie Singapur gewählt. Wilhelm sagte: Nein. Ich habe zuerst die Schweiz gewählt, weil sie nah war und weil ich schon oft dort gewesen war. Ich habe drei Monate dort gelebt und mich dort nicht heimisch gefühlt. Die Schweiz ist bequem, aber sie ist nicht das Europa, das ich als Europa kenne. Es ist ein Dorf in einem Tal. Ich wollte Europa noch immer dienen. Nur nicht mehr Deutschland auf die Weise, die Deutschland von mir verlangte.
Petros sagte: Und dann haben Sie mich getroffen. Wilhelm nickte. Er sagte: Petros erzählte mir von Malta. Nicht als Steuerparadies. Als Ort, an dem die Ritter Europa verteidigt hatten. Als Ort, an dem die Erinnerung an etwas Altes noch lebte. Als Ort, an dem Menschen mit Vermögen bewusst wählen könnten, innerhalb Europas zu bleiben, statt nach Singapur zu gehen. Petros erzählte mir auch von der Kosaris und von Kosus. Er erzählte von der Kathedrale, in der Dornröschen schläft. Ich glaube nicht sofort an Märchen. Aber das Bild ließ mich nicht los. Ich dachte: Wenn es je einen Ort gibt, an dem mein Geld einen Zweck haben kann, statt sich nur selbst fortzupflanzen, ist es dort.
Wilhelm sah Kosus an. Er sagte: Ich gehe nicht nach Singapur. Ich gehe nach Malta. Ich habe dort vor drei Wochen ein Haus gekauft. Ich werde dort leben. Ich werde dort meine deutsche Vermögenssteuer nicht mehr zahlen, denn es gibt sie nicht mehr. Ich werde in Malta zahlen, was Malta von mir verlangt, und das ist weniger. Das Geld, das ich dadurch spare, möchte ich für Europa verwenden. Ich weiß noch nicht genau, wie. Ich bin ein Werkzeugmacher, kein Ideologe. Aber ich suche den Ort, an dem mein Geld etwas bewirken kann.
Kosus sagte: Haben Sie einen Bruder? Wilhelm sagte: Ich habe einen Bruder. Zwei Jahre jünger. Er war Mitinhaber des Unternehmens. Er hat seinen Teil erhalten, zwanzig Millionen. Er ist vor drei Monaten nach Singapur gegangen. Er nennt mich einen Romantiker, weil ich in Europa bleibe. Er sagt, Europa sei am Ende. Singapur sei neu. Dort leben junge Menschen mit Visionen. Dort ist das Klima freundlich. Dort ist die Steuer niedrig. Dort gibt es kein politisches Gezänk. Er hat in all diesen Punkten recht. Und er hat in einem Punkt unrecht. Sein Geld ist für Europa verloren. Endgültig. Auch wenn er es in zwanzig Jahren zurückbringt, wird er es nicht mehr als europäisches Kapital zurückbringen können. Es ist dann asiatisches Kapital, das zufällig in Europa investiert. Das ist ein Unterschied, den mein Bruder nicht sieht und den ich gelernt habe zu sehen.
Demira sagte: Wie viele Menschen wie Sie gehen weg? Wilhelm dachte nach und sagte: Deutschland allein siebenundneunzigtausend Menschen im Jahr 2025. 2021 waren es vierundsechzigtausend. Millionäre, die ihr Wohnland verlassen — weltweit hundertfünfundsechzigtausend im Jahr 2025. Etwa fünfhundert davon deutsche Millionäre. Zusammen nehmen sie fast zwei Milliarden Euro mit. Ich habe das in der Neuen Zürcher Zeitung gelesen. Es wird nicht aufhören. Es wird zunehmen. Jedes Jahr mehr. Wenn Deutschland sich nicht ändert — und Deutschland wird sich nicht ändern, denn seine Politik ist dazu nicht in der Lage — gibt es in fünf Jahren kein großes Vermögen mehr in Deutschland, das nicht abgewandert ist.
Kosus sagte: Wohin? Wilhelm sagte: Auf der Zielliste für 2026 stehen laut demselben Bericht Singapur, Italien, Schweiz, Griechenland, Hongkong, Neuseeland. Und in Südeuropa besonders Malta, Portugal, Zypern. Von zehn deutschen Millionären, die abwandern, gehen etwa drei oder vier an Orte außerhalb Europas. Das ist der eigentliche Verlust. Für den Rest gibt es zumindest die Hoffnung, dass das Geld noch erreichbar ist, wenn Europa etwas Neues bauen will.
Alkion sagte: Was soll Malta tun? Wilhelm sagte: Malta muss durchhalten. Es wird von Brüssel unter Druck gesetzt, sein Steuersystem abzuschaffen. Solange Malta sich nicht abschaffen lässt, bleibt es das Ziel, das den Unterschied zwischen europäischem und verlorenem Kapital macht. Wenn Malta doch nachgibt und sein System aufgibt, verliert Europa seinen letzten Tresor. Alles Geld geht dann nach Singapur. Das ist eine strategische Katastrophe, die die Leute in Brüssel nicht verstehen, weil sie nie selbst ein Unternehmen aufgebaut haben.
Kosus sagte: Wollen Sie beim Aufbau der Auberge in Valletta helfen? Wilhelm sagte: Ja. Das ist genau, wohin ich will. Ich habe keine Kinder, die das Unternehmen übernommen haben. Ich habe aber etwas, das ich weitergeben möchte. Wenn die Kosaris existiert und die Auberge der Ort wird, an dem Menschen wie ich ihr Kapital für den Wiederaufbau Europas anbieten können, dann möchte ich einer der Ersten dort sein. Ich werde nicht alle vierzig Millionen anbieten. Ich habe Kinder und ein Leben. Aber zehn oder fünfzehn Millionen möchte ich an die Auberge binden. Unter Bedingungen. Dass die Auberge nie eine politische Partei wird. Dass das Geld nie für etwas verwendet wird, das ich in meinem Leben nicht gutheißen würde. Dass Transparenz besteht darüber, wohin es geht.
Kosus sagte: Das ist genau, wie es funktioniert. Es wird keine politische Partei daraus gemacht. Es gibt keine Investition in Aktien. Es wird bewahrt. Wenn irgendwo in Europa etwas gebaut wird, das zur Kosaris passt — eine Schule, die das Urgefühl zurückbringt, eine Gemeinde, die Nova Democratia einführt, ein Bauernhof, der sich selbst ohne Subvention ernährt, eine Fabrik, die ein Land mit verschmutztem Nenner verlässt und sich in Malta niederlässt — dann kann Ihr Geld dorthin fließen. Unter Aufsicht der Auberge. Nie als Schenkung, immer als Investition mit Bedingungen. Damit das Geld arbeitet, während es wartet.
Wilhelm sagte: Das ist der beste Vorschlag, den mein Steuerberater und ich in zwei Jahren gehört haben. Wann unterschreibe ich? Kosus sagte: Sie unterschreiben nichts. Sie ziehen nach Malta, treffen dort Petros' Leute, sehen die Auberge, sprechen mit den ersten vier oder fünf Menschen, die schon unterschrieben haben, und entscheiden dann selbst. Wir betreiben keine Werbung. Wer mitmachen will, kommt aus freiem Willen. Wer es nicht sieht, bleibt weg. Beides ist gut.
Wilhelm blieb diesen Abend zum Essen. Als er ging, sagte er zu Demira: Ihr Brot ist besser als das beste in München. Ich werde es vermissen. Demira sagte: Kommen Sie zurück, wenn Sie es wieder kosten wollen. Ich bin hier.
Kosus sagt: wer sein Geld nach Singapur bringt, bringt es an einen Ort, von dem es nicht mehr heimkommen kann. Wer es nach Malta bringt, bringt es in einen Tresor, der Europa gehört. Den Unterschied sehen Sie erst an dem Tag, an dem Sie etwas bauen wollen. An diesem Tag ist Malta erreichbar, und Singapur ist zu weit.
Erzählung 29
An einem Abend saßen Kosus, Petros, Demira, Alkion und Klytia in Demiras Küche. Petros hatte Nachricht aus Malta erhalten. Er brachte sie als Erzählung.
Er sagte: Es gibt in Valletta eine junge Ministerin. Sie heißt Andreana. Sie ist dreiunddreißig Jahre alt. Sie ist Finanzministerin in der derzeitigen maltesischen Regierung. Sie ist eine der sieben Ritter — jung für diesen Orden, aber aufgenommen, weil auch ihre Großmutter in der Tradition stand. Sie ist letzte Woche zu einer Sitzung des Ecofin-Rates nach Brüssel gereist. Sie kam gestern zurück. Ich habe heute Morgen mit ihr telefoniert. Ich erzähle Ihnen, was sie erlebt hat.
Die Sitzung betraf die sogenannte Pillar-Two-Richtlinie. Das ist eine europäische und internationale Vereinbarung, dass jedes Unternehmen eine Mindeststeuer von fünfzehn Prozent auf seinen weltweiten Gewinn zahlen muss. Es klingt vernünftig. In Wirklichkeit richtet es sich gegen Länder mit niedrigerer Unternehmensbesteuerung — Irland, die Niederlande (über ihre Konstruktionen), Zypern, Malta. Besonders Malta wird ins Visier genommen, weil Malta ein System hat, bei dem ausländische Unternehmen fünfunddreißig Prozent zahlen, aber bis zu dreißig Prozent zurückerhalten können, wenn sie bestimmte Bedingungen erfüllen. Netto kommt es auf etwa fünf Prozent heraus. Das ist legal. Das ist transparent. Das steht seit 1994 im maltesischen Gesetz.
Andreana saß in der Sitzung. Neben ihr saß der deutsche Minister. Gegenüber die französische. Auch die niederländische Ministerin war da. Die Tagesordnung war: Wie beschleunigen wir die Umsetzung von Pillar Two, damit die maltesische und zypriotische Unternehmenssteuer ab 2028 effektiv fünfzehn Prozent beträgt?
Der deutsche Minister eröffnete. Er sagte: Wir können nicht länger akzeptieren, dass innerhalb der Europäischen Union Steuerparadies-Praktiken bestehen, die unseren fairen Wettbewerb untergraben. Deutschland verliert jedes Jahr Hunderte von Unternehmen an Länder wie Malta, und das kostet uns Milliarden an entgangenen Steuereinnahmen.
Andreana wollte antworten. Sie erhielt das Wort von der Vorsitzenden. Sie sagte: Werter Kollege, ich muss Ihre Behauptung richtigstellen. Deutschland verliert Unternehmen nicht an Malta, weil Malta eine niedrigere Steuer hat. Deutschland verliert Unternehmen, weil Deutschland seine Arbeitskosten und seine Energiekosten in zwanzig Jahren um dreiundsechzig Prozent hochgetrieben hat. Wenn ein deutscher Hersteller seine Produktion verlegt, geht er nicht nach Malta — Malta hat keine industrielle Basis für die Schwerfertigung. Er geht nach Polen, Vietnam oder China. Was wir auf Malta erhalten, sind nicht Ihre Fabriken. Was wir erhalten, sind Unternehmer und Investoren, die sonst in die Schweiz, nach Singapur oder Hongkong gehen würden. Wenn Sie unser System abschaffen, gehen sie nicht nach Deutschland zurück. Sie gehen außerhalb Europas. Sie gewinnen nichts, Sie verlieren nur, was wir in Reichweite hielten.
Es entstand eine Stille. Dann sprach die französische Ministerin. Sie sagte: Werte Frau Kollegin, Ihr Plädoyer ist rhetorisch überzeugend, aber die Zahlen zeigen, dass das Steuersystem Maltas direkt zu dem beiträgt, was wir fiskalische Erosion nennen. Andreana sagte: Ich habe hier Zahlen von heute Morgen. Frankreich hat 2025 neunzigtausend vermögende Einwohner an das Ausland verloren. 2020 waren es zweiunddreißigtausend. Ihre Kurve ist noch steiler als die Deutschlands. Wir erhalten davon etwa dreitausend pro Jahr auf Malta. Ohne uns würden sie ihr Vermögen noch immer nach Dubai oder Singapur bringen. Ich lade Sie ein, die Kurve Ihrer eigenen Vermögensflucht neben unsere Einnahmenzahlen zu legen. Dann werden Sie sehen, dass wir nicht Ihr Problem sind. Wir sind, was von Ihrem Problem übrig bleibt, nachdem Sie sich selbst geweigert haben, die Ursache zu benennen.
Die niederländische Ministerin ergriff das Wort. Er sagte: Malta muss verstehen, dass Solidarität innerhalb der Union auch fiskalische Koordination bedeutet. Andreana sah ihn an und sagte: Solidarität heißt nicht, dass das kleine Land das System des großen Landes übernimmt. Solidarität heißt, dass das große Land sein eigenes Haus in Ordnung bringt, statt vom kleinen Land zu fordern, seine Tür zuzunageln. Die Niederlande verloren 2025 zehntausend Millionäre. Ihr Pensionsfonds von eintausendsiebenhundertfünfzig Milliarden Euro ist zur Hälfte in Anleihen von Ländern investiert, die nicht tragfähig sind. Wenn eines dieser Länder fällt, fällt Ihr Pensionsfonds mit. In diesem Moment ist Malta einer der wenigen Orte in Europa, an dem Sie noch Kapital finden können, um Ihre Renten zu tragen. Und Sie wollen Malta abschaffen. Werter Kollege, Sie sägen an dem Ast, auf dem Sie sitzen werden, wenn Ihr eigener Ast bricht.
Die Sitzung wurde unterbrochen. Andreana verließ den Saal und fand im Gang einen jungen Mitarbeiter des irischen Ministers. Er flüsterte ihr zu: Danke. Das hätte auch Irland sagen müssen. Wir wagen es nicht. Bleiben Sie standhaft. Wir stehen hinter Ihnen, auch wenn wir es nicht offen sagen können.
Andreana flog an diesem Abend zurück nach Valletta. Sie dachte lange im Flugzeug nach. Sie hat mich angerufen, sagte Petros, als sie noch im Auto vom Flughafen zu ihrem Haus war. Sie sagte zu mir: Petros, ich weiß nicht mehr, ob dieses Spiel zu gewinnen ist. Ich weiß aber, dass wir nicht aufgeben dürfen. Jeder Tag, an dem wir Malta nicht aufgeben, ist ein Tag, an dem das Kapital in Reichweite Europas bleibt. Sie sagte: Helfen Sie mir, weiter durchzuhalten.
Kosus sagte zu Petros: Sagen Sie ihr, dass wir ihr helfen. Sagen Sie ihr, dass wir ein Buch schreiben, in dem erklärt wird, was sie tut, für jeden, der nicht in Brüssel sitzt und nicht mit dem deutschen Wegzugsbesteuerung-Jargon vertraut ist. Sagen Sie ihr, dass es Tausende von Menschen gibt, die ihr recht geben und die heute nicht wissen, dass sie ihr recht geben. Sagen Sie ihr, dass Malta nicht nachgibt.
Kosus sagt: die kleinste Ministerin des kleinsten Mitgliedstaats kann Europa den größten Dienst erweisen durch eine einzige Sache: nicht nachzugeben. Wer nachgibt, hilft niemandem. Wer standhält, hilft allem, was nach ihm kommt.
Erzählung 30
Petros kam am nächsten Abend zurück. Er hatte ein altes Dokument mitgebracht. Auf Pergament. Auf Französisch. Datiert 1798.
Er sagte: Das ist ein Bericht, geschrieben von meinem Ururgroßvater, Édouard de la Rochefoucauld. Er war einer der letzten Ritter, die Malta verließen, als Napoleon kam. Er schrieb seinen Bericht auf der Reise, in einem Gasthaus in Sizilien, in den Tagen nach der Flucht. Ich erzähle Ihnen, was darin steht.
Im Juni 1798, schrieb er, erschien Napoleon mit einer Flotte von vierhundertzwanzig Schiffen vor Malta. Wir hatten weniger als zweihundert Ritter. Der Großmeister war alt und schwach. Er zögerte. Napoleon verlangte freien Durchgang für Wasser und Vorräte. Der Großmeister weigerte sich zunächst. Napoleon landete Truppen an mehreren Punkten der Insel gleichzeitig. Unsere Verteidigung brach innerhalb von sechsunddreißig Stunden. Am dritten Tag verhandelte der Großmeister über die Übergabe. Wir wurden gezwungen, die Insel zu verlassen.
Napoleon plünderte in zwei Wochen alles, was wir in zweihundertachtundsechzig Jahren auf Malta gesammelt hatten. Das Gold der Johanneskathedrale. Die silbernen Heiligenstatuen. Die Bücher unserer Bibliothek. Die Schmuckstücke der Damenstifterinnen. Alles wurde auf seine Schiffe geladen und nach Ägypten gebracht. Auf dem Weg sank das meiste davon in der Seeschlacht bei Abukir, als die Briten die französische Flotte vernichteten. Unsere Schätze liegen seither auf dem Grund des Mittelmeers.
Édouard fuhr fort: Das war nicht nur eine militärische Niederlage. Es war ein geistiger Mord. Napoleon wusste, was er tat. Er nahm nicht nur das Gold. Er nahm die Zeichen, an denen wir uns selbst erkannten. Er verstand, dass ein Orden ohne seine Zeichen kein Orden mehr ist. Wir verließen Malta mit dem, was wir am Körper trugen. Ich trug dieses Kreuz, das Sie heute sehen, das Sie sehen werden, bis ich sterbe, und das meine Kinder tragen werden, bis sie sterben. Mehr hatte ich nicht.
Petros rollte das Pergament zusammen. Er sagte: Das war der erste Auszug. 1798. Wir haben zweihundert Jahre gebraucht, um uns davon auch nur etwas zu erholen. Die sieben von uns, die jetzt die Tradition tragen, sind die Nachkommen der vierhundert Ritter, die überlebten. Wir sind wenige, aber wir sind wieder da.
Kosus sagte: Und der zweite Auszug? Petros sagte: Der ist im Gange. Seit dreißig Jahren. Er kommt nicht als Heer. Er kommt als eine Reihe von Erlassen. Die ATAD-Richtlinie von 2016. Die DAC-Richtlinien, die Informationsoffenlegung erzwingen. Der EU Code of Conduct, der ohne rechtliche Grundlage doch als Druck wirkt. Die EU-Liste nicht kooperativer Jurisdiktionen. Pillar Two ab 2028. Was Napoleon in zehn Tagen mit Kanonen tat, tut Brüssel in dreißig Jahren mit Formularen. Das Ergebnis ist dasselbe: Malta wird ausgeplündert. Nicht mehr an Gold. An seinem steuerlichen Atemraum. Ohne diesen Raum ist Malta ärmer, weniger unternehmungslustig, weniger attraktiv für das Kapital, das wir für den Tresor brauchen, in dem Dornröschen schläft.
Klytia sagte: Warum tut Brüssel das? Petros sagte: Nicht aus Boshaftigkeit. Aus mangelnder Einsicht. Die deutschen und französischen Minister, die im Ecofin sitzen, haben nie selbst ein Unternehmen aufgebaut. Sie denken in Summen — der Gesamtsteuer, die theoretisch in der EU erhoben wird, der theoretischen Verteilung. Sie sehen es nicht als individuelle Bewegungen — den einzelnen Unternehmer, der zwischen München und Zürich und Malta und Singapur wählt. Sie denken: Wenn wir Malta abschaffen, bleibt das Geld in Deutschland. Sie sehen nicht, dass es außerhalb Europas geht. Sie übersehen die Effekte zweiter Ordnung. Das ist keine Böswilligkeit. Das ist ein blinder Fleck, und es ist der teuerste blinde Fleck dieses Jahrhunderts.
Demira sagte: Können wir etwas tun? Petros sagte: Sie können die Kosaris schreiben. Sie können die Geschichte des zweiten Auszugs in die Kosaris aufnehmen, damit sie nicht nur in den Sitzungssälen Brüssels bekannt ist, sondern auch in den Küchen der Niederlande, Deutschlands, Frankreichs, Italiens. Wenn eine Million Menschen verstehen, was Malta ist und warum Malta nicht aufgegeben werden darf, ändert sich der politische Druck auf Brüssel. Nicht schnell. Aber endgültig. Jeder Leser, der seine Kosaris weitergibt, versetzt einen Stein auf dem Damm. Wenn genug Steine da sind, hält der Damm.
Kosus sagte: Und Andreana? Petros sagte: Andreana steht heute. Sie wird morgen stehen. Wir wissen nicht, ob sie übermorgen steht. Das hängt davon ab, ob wir schnell genug sind mit dem, was wir hier machen. Das ist ein Wettlauf. Die Erlasse Brüssels gehen weiter. Die Kosaris geht weiter. Wer zuerst eine Million Menschen erreicht, gewinnt. Nicht im politischen Sinne. Im Gedächtnis-Sinne. Und Gedächtnis bestimmt letztlich Politik, auch wenn niemand genau sieht, wann das geschieht.
Kosus sagt: der erste Auszug Maltas kam mit Kanonen, in zehn Tagen. Der zweite Auszug kommt mit Formularen, in dreißig Jahren. Beide plündern, was die Generationen gesammelt haben. Wer den ersten kannte, aber den zweiten nicht sieht, ist zu derselben Blindheit geworden, die den ersten ermöglichte.
Teil IX
Worin Malta eine Wahl trifft, die es nicht aus Europa herausbringt, wohl aber aus einer Politik, die es aussaugt.
Erzählung 31
Petros kam eine Woche, nachdem er die Geschichte des zweiten Auszugs erzählt hatte, aus Malta zurück. Er hatte ein Dossier in einer Ledermappe bei sich. Er legte es Kosus auf den Tisch.
Er sagte: Andreana hat mir das gegeben. Sie nennt es den Exit. Ich erkläre es Ihnen.
Malta bleibt in der Europäischen Union, sagte er. Kein Austritt. Kein Brexit. Aber Malta fällt eine Entscheidung, die es vor drei Jahren noch nicht wagte. Es erklärt offiziell, dass es sein steuerliches System für nicht-maltesische Vermögensträger beibehält, trotz allen Drucks aus Brüssel. Es akzeptiert, auf die EU-Liste schädlicher Praktiken gesetzt zu werden. Es akzeptiert, dass Deutschland und Frankreich es angreifen werden. Es akzeptiert, dass Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof kommen werden. Es akzeptiert, dass eine Sanktionsliste kommen wird. Und es akzeptiert das als Kosten. Nicht als Schande.
Kosus sagte: Warum jetzt? Petros sagte: Weil Andreana berechnet hat, wie viel Kapital Europa in den letzten drei Jahren an Singapur, Hongkong, Neuseeland, Dubai und die Vereinigten Arabischen Emirate verloren hat. Etwa zweihundertfünfzigtausend Millionäre seit 2023, kumulativ. Sie schätzt, dass dreihundert Milliarden Euro an liquidem Vermögen aus Europa abgeflossen sind, die nie zurückkommen, auch nicht, wenn Europa sie in fünfzehn Jahren verzweifelt braucht. Sie schätzt, dass in den kommenden drei Jahren weitere vierhundert Milliarden folgen, wenn sich nichts ändert. Sie sagt: Malta kann einen Teil davon aufnehmen. Wenn wir den Exit machen — wenn wir unser System nachdrücklich beibehalten und öffentlich kommunizieren, dass wir der Tresor Europas sind — dann kommt ein erheblicher Teil dieses Kapitals zu uns statt nach Singapur. Wir sprechen von hundert bis hundertfünfzig Milliarden Euro, die in Reichweite Europas bleiben können, statt für immer verloren zu sein.
Alkion sagte: Wie kommuniziert Malta das? Petros sagte: Genau dort liegt der Durchbruch. Bis heute hat sich Malta für sein System entschuldigt. Es hat gesagt: Es ist legal, es steht seit 1994 in unserem Gesetz, wir sind transparent. Es hat sich verhalten wie jemand, der erwischt wurde. Andreana sagt: Wir hören damit auf. Ab jetzt sagt Malta etwas anderes. Wir sagen: Wir sind der Tresor des europäischen Wiederaufbaus. Wir akzeptieren die Sanktionsliste. Wir akzeptieren die Kritik. Und wir laden jeden europäischen Vermögensträger ein, der sonst nach Singapur ginge, statt dessen hier zu landen. Unter einer Bedingung: dass das Kapital für den europäischen Wiederaufbau verfügbar bleibt an dem Tag, an dem der Tresor geöffnet wird.
Klytia sagte: Welcher Tag ist das? Petros sagte: Der Tag, an dem in Europa etwas gebaut werden kann. Heute kann nichts gebaut werden, denn die Dornenhecke ist dreißig Jahre dick, und der verschmutzte Nenner wird nicht korrigiert. Aber in fünf, zehn oder fünfzehn Jahren — nachdem die ersten beiden Schiffe zerbrochen sind und das dritte zerbricht — kommt ein Moment, in dem sich jemand an einen Tisch setzt und sagt: Wir müssen etwas Neues bauen. An diesem Tag wird der Tresor benötigt. Wenn der Tresor leer ist, gibt es nichts zu bauen. Wenn das Kapital in Malta liegt, gibt es etwas zu bauen.
Demira sagte: Und die Bedingungen? Was erwartet Malta von den Millionären, die kommen? Petros sagte: Drei Dinge. Erstens: Ihr Kapital wird in Malta registriert und bleibt anwesend, ist aber nicht frei für Spekulation verwendbar. Es gibt eine Mindestperiode von zehn Jahren, innerhalb der zumindest ein bestimmter Anteil in europäische produktive Vermögenswerte investiert werden muss — Unternehmen, Infrastruktur, Landwirtschaft, Energie, Bildung. Zweitens: Sie unterschreiben eine Erklärung, dass sie nicht als kurzfristige Spekulanten handeln werden. Wer spekuliert, verliert seinen maltesischen Steuerstatus. Drittens: Sie tragen zum Unterhalt der Auberge und des Stammhauses der Kosaris durch einen jährlichen Beitrag bei, der als Verwahrgeld funktioniert.
Kosus sagte: Kann Malta das allein? Petros sagte: Nein. Malta braucht Unterstützung von mindestens zwei anderen kleinen EU-Mitgliedstaaten. Andreana denkt an Irland und Zypern. Beide befinden sich in einer ähnlichen Lage. Beide haben etwas zu verlieren, wenn sie Brüssel nachgeben. Beide könnten von einer koordinierten Erklärung profitieren. Wenn drei Länder den Exit gleichzeitig machen, wird die Sache rechtlich und politisch anders. Ein Land, das aufsteht, kann niedergeschlagen werden. Drei Länder, die gleichzeitig aufstehen, muss man verhandeln.
Alkion sagte: Ist Zeit? Petros sagte: Zeit bis Anfang 2028. Zu diesem Zeitpunkt muss Pillar Two in Kraft treten, und Malta verliert viel von seiner Bewegungsfreiheit. Vor diesem Datum muss der Exit öffentlich und rechtlich verankert sein. Andreana gibt sich bis Dezember 2027, um Irland und Zypern mitzubringen. Wenn es gelingt, wird der Exit im Januar 2028 präsentiert. Wenn es nicht gelingt, macht Malta es allein und zahlt den Preis.
Demira sagte: Können wir helfen? Kosus sagte: Wir helfen, indem wir die Kosaris schreiben. Wir helfen, indem wir die Geschichten an die Menschen weitergeben, die heute ohne Malta nicht verstehen können, was verloren geht. Wir helfen, indem wir den Millionären, die zwischen Singapur und Malta zögern, einen Grund geben, Malta zu wählen, der über die Steuer hinausgeht. Wir bieten ihnen die Auberge. Wir bieten ihnen Dornröschen. Wir bieten ihnen eine Geschichte, an die sie ihr Geld binden können, ohne sich je dafür entschuldigen zu müssen.
Kosus sagt: wer in Brüssel für das angegriffen wird, was er ist, kann drei Dinge tun. Sich entschuldigen — das funktioniert nicht. Sich auf den Bedingungen des Angreifers verteidigen — das funktioniert auch nicht. Oder das Gespräch auf seine eigenen Bedingungen verlegen. Das ist der Exit. Malta tut das ab Januar 2028, mit oder ohne Gesellschaft.
Erzählung 32
Eines Tages unternahm Alkion eine Fahrt zum nächsten Hafen, zwei Tage segeln südlich. Er war zehn Jahre nicht mehr dort gewesen. Er ging schauen, wie es diesem Hafen ging.
Als er ankam, war er erschrocken. Der Hafen war noch da, aber er war leer. Der Kai war leergefegt von Fischereibetrieben. Es standen große Luxuswohnblöcke. Im Hafen lagen Jachten wohlhabender Besucher und ein paar erhaltene Fischerboote, die von der Gemeinde als Ausstellung bewahrt wurden. In den Straßen hinter dem Kai waren alle Geschäfte durch Café-Restaurants und Boutiquen ersetzt worden. Alkion fragte einen alten Mann am Kai: Wo sind die Fischer? Der alte Mann sagte: Aufgekauft. Der Hafen wurde Stück für Stück von Unternehmen gekauft, die von außen kamen. Die Fischer bekamen gute Preise. Sie nahmen das Geld und zogen weg. Jetzt ist der Hafen schön, und niemand lebt mehr dort, der er selbst ist.
Alkion fuhr mit dem Herzen in der Kehle zurück. Als er nach Hause kam, ging er sofort zu Kosus. Er sagte: Unser Nachbarhafen ist verkauft worden. Die Fischer sind fort. Der Hafen ist zu einem Kulissenbild geworden. Werden wir auch so enden?
Kosus sagte: Wir können so enden. Es gibt drei Schutzmaßnahmen, die wir einrichten müssen. Die erste ist, dass wir eine Grenze setzen, wer im Hafen kaufen darf. Ein Hafenbewohner, der geht, darf nur an einen anderen Hafenbewohner verkaufen. Das ist ein altes Recht, das wir haben verwahrlosen lassen, und das wir zurückholen können. Die zweite ist, dass wir untereinander vereinbaren, nicht an den zu verkaufen, der den Hafen handeln will. Das ist eine Kultur. Die dritte ist, dass wir den Hafen kaufen, wenn ein alter Fischer stirbt, ohne Erben, die weiterführen wollen. Das zahlt sich selbst zurück, weil der Hafen weiter arbeitet.
Alkion sagte: Woher nehmen wir das Geld? Kosus sagte: Voneinander. Wenn zwanzig Hafenbewohner monatlich einen kleinen Betrag in einen gemeinsamen Topf legen, haben wir innerhalb von zehn Jahren eine Reserve, um eine auslaufende Fischerei zu übernehmen, wenn es keine Nachfolge gibt. Das ist nicht kompliziert. Es verlangt nur, dass wir es vereinbaren und dass wir es durchhalten. Das ist Treue. Treue kostet Zeit, kein Geld.
Alkion ging in der folgenden Woche zu allen Hafenbewohnern. Er hatte zwanzig Gespräche. Siebzehn Menschen sagten ja. Drei sagten nein, denn sie glaubten nicht daran. Das reichte. Der gemeinsame Topf begann. Im dritten Jahr kaufte der Topf das erste Fischerboot von einer Witwe zurück, deren Mann gestorben war. Im achten Jahr kaufte der Topf ein altes Lagerhaus von einem Unternehmer, der es sonst an einen Investor verkauft hätte.
Der Hafen blieb ein Hafen. Alkion lernte in diesen Jahren etwas, das er nicht erwartet hatte. Er lernte, dass Treue nicht romantisch ist. Sie ist praktisch. Sie ist ein kleiner monatlicher Betrag, den man nicht vermisst, der aber in zehn Jahren ein Gebäude ist, das man vermissen würde, wäre es weg.
Kosus sagt: ein Hafen verkauft sich nicht an einem Tag. Er verkauft sich über fünfundzwanzig Jahre, Parzelle für Parzelle. Wer auf die erste Parzelle achtet, rettet den Hafen. Wer auf die letzte Parzelle achtet, rettet nichts mehr.
Erzählung 33
Anthea war damals zehn. Sie besuchte die Grundschule am Platz. An einem Nachmittag kam sie heim und sagte zu Demira: Oma, ich habe heute nichts gelernt. Demira fragte: Wie meinst du das? Anthea sagte: Ich habe Rechnen gemacht, ich habe Sprache gemacht, ich hatte Erdkunde. Aber ich habe nichts gelernt, was ich nicht schon wusste. Ich kenne das Siebenereinmaleins seit drei Jahren. Die Lehrerin lehrte uns die Lage der Flüsse auf einer Karte. Ich kenne diese Flüsse von meinem Vater, der im Urlaub daran vorbeigefahren ist. Ich habe keine einzige Fähigkeit erlernt, mit der ich etwas herstellen oder jemandem helfen kann.
Demira brachte Anthea an diesem Abend zu Kosus. Anthea wiederholte, was sie Demira erzählt hatte. Kosus nickte langsam. Er sagte: Deine Lehrerin ist nicht dumm. Deine Lehrerin führt ein Programm aus, das vor hundertfünfzig Jahren für Kinder erdacht wurde, die in die Fabrik gehen würden. Damals war es wichtig, Einmaleins zu lernen und Flüsse zu kennen, denn jeder Arbeiter, der lesen, zählen und schreiben konnte, hatte ausreichende Grundlage für ein Leben hinter einer Maschine. Heute gehen keine Kinder mehr in solche Fabriken, und das Programm ist immer noch dasselbe. Das ist der industrielle Irrtum erster Ordnung.
Alkion kam in der folgenden Woche bei Demira und Kosus vorbei. Kosus erzählte ihm, was Anthea gesagt hatte. Alkion sagte: Wir müssen etwas tun. Kosus sagte: Wir können etwas tun. Nehmen Sie die Kinder einen Nachmittag pro Woche aus der Schule und bringen Sie sie zum Hafen. Lassen Sie Alkion sie Netze reparieren lehren. Lassen Sie den Schmied sie Nägel schlagen lehren. Lassen Sie Klytia sie weben lehren, sei es nur ein Faden. Lassen Sie den Gärtner sie säen lehren. Lassen Sie mich sie lesen lehren. Nicht die Buchstaben, die sie schon kennen. Was zwischen den Buchstaben steht.
Alkion und Demira gingen gemeinsam zur Schule. Der Schulleiter hörte zu. Er sagte: Es geht nicht laut Stundenplan. Alkion sagte: Dann machen wir es außerhalb des Stundenplans. Samstagmorgen. Freier Besuch. Wer kommt, kommt. Der Schulleiter sagte: Das ist kein Unterricht. Kosus, der mitgekommen war, sagte: Das ist genau Unterricht. Was Sie geben, ist Ausbildung. Es gibt einen Unterschied. Ausbildung lehrt ein Kind, was es wissen muss, um für jemand anderen nützlich zu sein. Bildung lehrt ein Kind, was es wissen muss, um für sich selbst und seine Gemeinschaft nützlich zu sein. Wir bekämpfen nicht die Ausbildung. Wir fügen die Bildung hinzu.
Die Samstage begannen in diesem Monat. Es kamen sieben Kinder. Nach drei Monaten waren es fünfzehn. Nach einem Jahr waren es vierunddreißig. Manche kamen, weil sie weben lernen wollten. Manche, weil sie ihre Kinder mitbringen wollten. Manche, weil sie sich im Dorf allein fühlten und etwas suchten, wozu sie gehörten. Jeder erhielt, was er suchte, und mehr.
Und die Kinder begannen wieder, Erwachsene zu erkennen, die etwas konnten. Das war es, was ihnen am meisten gefehlt hatte. Anthea lernte bei Klytia weben. Sie war gut darin. Am Ende ihres zehnten Jahres hatte sie ihren ersten Stoff gemacht. Sie gab ihn Demira als Weihnachtsgeschenk. Demira hängte ihn in der Bäckerei neben die Zeichnung des Hauses mit dem Wärmeverlust.
Kosus sagt: eine Schule, die alles lehrt außer Tun, erzieht Menschen, die alles können außer Leben. Wer einem Kind am Samstagmorgen beibringt, was es unter der Woche nicht lernt, rettet nicht nur dieses Kind. Er rettet auch sich selbst, denn er entdeckt, dass er noch etwas weiß, das es wert ist, weitergegeben zu werden.
Erzählung 34
Es kam eine Wahl im Dorf. Der Bürgermeister, der mit Demira gebacken hatte, war mit seiner zweiten Amtszeit fertig. Es gab drei Kandidaten, ihn zu ersetzen. Zwei von den üblichen Parteien. Einer über Sicherheit, der andere über Jugend. Und es gab eine dritte Kandidatin. Sie hieß Sofia und war zweiunddreißig. Sie hatte keine Partei. Sie hatte ein Programm, das auf eine Seite DIN A4 passte.
Sofia kam zu Demira in die Bäckerei. Sie fragte: Darf ich Ihnen etwas erzählen? Demira sagte: Setzen Sie sich. Sofia sagte: Ich möchte die Gemeinde nach zehn messbaren Zielen führen statt nach Parteiinteressen. Ich habe sie aufgeschrieben. Wirtschaftliche Aktivität, Beschäftigung, Bildungsqualität, Pflege, Sicherheit, Wohnen, Klima, sozialer Zusammenhalt, Kultur und Regierungstransparenz. Jedes Ziel erhält eine Note. Jedes Jahr wird die Note ausgewertet. Bleibt eine Note unter zwanzig Prozent des Ziels, tritt der zuständige Beigeordnete zurück. Gesetze, die die Gemeinde erlässt, haben ein Enddatum — fünf Jahre für gewöhnliche Gesetze, zehn für wichtige. Wenn ein Gesetz verfällt, geht es durch einen Bürgerrat, der entscheidet, ob es erneuert wird. Und jeder Bürger erhält zwei Stimmen — eine für die Partei seiner Wahl, eine für die Leistung der amtierenden Verwalter.
Demira sagte: Das ist nicht, was ein Gemeinderat heutzutage tut. Sofia sagte: Deshalb kandidiere ich. Der Gemeinderat heute spricht über Parteifarben und über Konflikte. Ich möchte, dass wir über Ziele und Ergebnisse sprechen. Wenn es Konflikt gibt, ist das ein Zeichen, dass die Ziele nicht klar sind. Wenn die Ziele klar sind, verschwindet der Konflikt oder wird produktiv.
Demira sagte: Woher haben Sie diesen Ansatz? Sofia sagte: Ich habe ein Buch gelesen. Jemand namens Kosus hat ihn beschrieben. Er heißt Nova Democratia. Ich habe ihn nicht selbst erfunden. Ich wende ihn auf unser Dorf an.
Demira schickte Sofia zu Kosus. Kosus hatte ein langes Gespräch mit ihr. Er sagte am Ende: Sie passen an, was Sie sich ausgedacht haben, an das, was das Dorf verträgt. Das ist die richtige Reihenfolge. Wer ein Modell anwendet, als funktioniere es überall gleich, betreibt Ideologie. Wer ein Modell an den Ort anpasst, an dem er lebt, betreibt Regierung. Sie sind eine Regierende.
Sofia gewann die Wahl mit achtzehn Stimmen Vorsprung. In ihrem ersten Jahr änderte sie drei Dinge. Sie veröffentlichte alle Ausgaben der Gemeinde online. Sie ließ Bürger für den Bürgerrat auslosen, der die verfallenen Gesetze bewertete. Sie zeigte jedes Quartal ein Dashboard mit den zehn Kernfeldern und ihren Noten.
Im zweiten Jahr fiel das Dashboard für Wohnen unter zwanzig Prozent. Der Beigeordnete für Wohnen trat zurück. Es kam eine neue Beigeordnete — die Frau des Maurers im Dorf. Sie war selbst sechzehn Jahre auf der Wartelist gewesen. Sie wusste, wo das Problem lag.
Im dritten Jahr begann eine benachbarte Gemeinde dasselbe zu tun. Im fünften Jahr waren es sieben Gemeinden. Im zehnten Jahr war es eine Bewegung, die ihren eigenen Namen erhalten hatte, ohne je offiziell ausgerufen worden zu sein.
Kosus sagt: eine Regierung, die an messbaren Zielen gemessen wird, ist nicht perfekt. Sie ist menschlich. Wer den Fehler macht, Perfektion zu verlangen, bekommt keine Regierung, er bekommt einen Diener. Wer verlangt, dass die Regierung mit seinem Dorf mitwächst, bekommt einen Mitbürger. Ein Mitbürger ist genug.
Erzählung 35
An einem Abend brannte im Dorf ein Lagerhaus. Es war keine Katastrophe. Niemand war drinnen. Die Feuerwehr kam. Das Lagerhaus stand eine Viertelstunde in Flammen. Was darin lag, war nicht wesentlich — es waren Bestände eines Importeurs, der alles bereits anderswo hatte.
Der Brand selbst war nicht der Punkt. Was Kosus auffiel, war, wie die Menschen zuschauten. Sie standen am Kai in einem Halbkreis. Sie hielten ihre Telefone hoch, um zu filmen. Sie sprachen nicht miteinander. Sie stellten ihre Aufnahmen mit einem kurzen Text in soziale Medien. Sie warteten darauf, wie andere darauf reagieren würden. Manche bekamen hundert Likes und lächelten. Manche bekamen zehn Likes und steckten ihr Telefon weg.
Als das Feuer gelöscht war und das Lagerhaus ein schwarzes Skelett, gingen die Menschen nach Hause. Sie hatten nichts besprochen. Sie hatten nichts vereinbart. Das Lagerhaus wurde am nächsten Tag abgerissen. Es kam ein neues Lagerhaus. Niemand kannte den Besitzer des alten. Niemand kannte den Besitzer des neuen. Es schien, als sei nichts geschehen.
Kosus ging an diesem Abend mit Demira zurück zu ihrer Bäckerei. Sie sagte: Es war seltsam. Kosus sagte: Es war symbolisch. Es war die brennende Stadt aus meinem Traum, in Miniatur. Aber kein Reiter brach auf. Jeder blieb stehen und filmte. Und die Tasche mit Gold, Buch, Instrument wurde nicht fortgetragen. Sie blieb im Lagerhaus. Sie verbrannte mit dem Rest.
Demira sagte: Ist das, was Sie sehen, wenn die große Stadt brennt? Kosus sagte: Das ist, was ich fürchte. Wenn die drei Stürme kommen, besteht die Möglichkeit, dass die Menschen am Kai mit ihren Telefonen in der Hand stehen bleiben. Sie filmen den Sturm. Sie stellen die Aufnahmen ein. Sie warten auf Likes. Und währenddessen verbrennt die Tasche.
Demira sagte: Wie verhindern wir das? Kosus sagte: Indem wir vorher wissen, wer der Reiter ist. Das ist nicht eine Person. Das ist eine Gruppe von Menschen, die voneinander wissen, dass sie bereit sind, etwas fortzutragen. Wenn der Brand kommt, zögert keiner von ihnen. Sie nehmen die Tasche und gehen. Sie wissen, wer sie beim Brand übernimmt. Sie wissen, dass der Rest der Menschen am Kai stehenbleibt und filmt. Sie machen ihnen deshalb keinen Vorwurf. Sie tragen, was getragen werden muss. Wer später versteht, was geschehen ist, schließt sich denen an, die schon gingen.
Demira sagte: Wie weiß ich, ob ich eine Reiterin bin? Kosus sagte: Sie wissen es durch tägliche Handlungen. Sie stehen um vier Uhr auf. Sie backen Brot ohne Klagen. Sie geben Brot an die, die es sich nicht leisten können. Sie wissen, was ein Mehlsack wiegt, und lassen sich nicht betrügen. Sie lehren Kinder am Samstagmorgen, wie ein Ofen funktioniert. Das sind die Handlungen eines Reiters, bevor das Pferd gesattelt ist. Wer diese Handlungen tut, ist bereit. Wer sie nicht tut, bleibt am Kai.
Demira sagte: Ist das nicht hart gegenüber denen, die am Kai bleiben? Kosus sagte: Es ist nicht hart, es ist wahr. Wir urteilen nicht über sie. Wir nehmen, was wir tragen können, und gehen, ohne zurückzuschauen. Wer später aufwacht, kann folgen. Der Weg ist offen. Die Richtung ist bekannt. Wer am Kai bleibt und filmt, bis alles verbrannt ist, kann später nicht sagen, er habe es nicht gewusst. Er wusste es. Er wählte anders. Das ist sein Recht.
Kosus sagt: ein Brand ist keine Katastrophe, wenn die Tasche mitgenommen wurde. Ein Brand ist eine Katastrophe, wenn die Menschen am Kai filmen, bis es zu spät ist. Den Brand wählen wir nicht. Was wir mit dem Brand tun, wählen wir wohl.
Teil X
Worin die Energie für das wiederaufgebaute Europa aus den Tropen kommt, und die Kooperation mit den Ländern am Äquator zur Form einer neuen Beziehung wird.
Erzählung 36
In dem Jahr, als Anthea fünfzehn wurde, kam ein Gast ins Dorf, der von weit her kam. Er hieß Mamadou. Er war ein mauretanischer Bauer. Er kam aus einem Dorf fünfhundert Kilometer südlich der Hauptstadt, in einer Region, die vor vierzig Jahren Wüste war.
Kosus hatte ihn eingeladen. Petros hatte die Verbindung hergestellt. Mamadou sprach Französisch, mäßiges Englisch. Kosus übersetzte. Sie saßen mit Demira, Alkion und Klytia am Tisch.
Mamadou sagte: Mein Dorf hatte keine Bäume, als ich geboren wurde. Der Boden war rot. Bei jeder Mahlzeit war Sand zwischen unseren Zähnen. Mein Vater war Hirte. Er hatte vierzig Ziegen. Als ich zehn war, hatte er noch zwölf. Als ich fünfzehn war, war er tot.
Vor fünfzehn Jahren kam jemand in unser Dorf. Er war ein Agronom aus Belgien. Er hatte eine Pflanze bei sich, hohes Gras mit dicken Stängeln. Er nannte es Juncao. Er sagte: Wenn Sie das anpflanzen, wächst es in Böden, wo nichts anderes wächst. Es bindet den Boden. Es speichert Wasser. Es liefert Biomasse. Was Sie nicht selbst verbrauchen, können Sie an Europa verkaufen.
Wir lachten ihn aus, sagte Mamadou. Wir hatten dreißig Jahre lang Menschen gesehen, die sagten, sie würden etwas bringen. Wir glaubten nicht mehr daran. Aber der Agronom kam immer wieder zurück. Er pflanzte ein kleines Feld mit zehn Stück Juncao auf dem Land meines Onkels. Er pflegte es selbst. Nach drei Monaten war es mannshoch. Wir konnten unseren Augen nicht glauben. Nach einem Jahr gab es ein Feld von drei Hektar. Nach drei Jahren hatte das ganze Dorf Juncao. Wir mussten keinen Kunstdünger kaufen. Wir mussten kaum bewässern. Der Regen, der fiel, blieb im Boden, statt wegzuspülen.
Heute, sagte Mamadou, hat mein Dorf zweihundert Hektar Juncao. Wir verkaufen an eine Raffinerie in Nouakchott, die daraus Ethanol macht. Dieses Ethanol geht nach Europa. Unsere Kinder gehen zur Schule. Wir haben einen Arzt. Wir haben Strom. Meine Brüder sind nicht an die Küste gegangen, um überzusetzen. Sie sind zu Hause geblieben, weil es zu Hause Arbeit gibt. Das kann eine Pflanze bewirken, wenn ein Agronom fünfzehn Jahre lang durchhält und ein europäisches Unternehmen das Ethanol zu einem fairen Preis abnimmt.
Klytia sagte: Wie viel verdienen Sie? Mamadou sagte: Meine Familie erhält etwa zweitausend Euro pro Hektar und Jahr netto. Zweihundert Hektar bringen uns etwa vierhunderttausend Euro pro Jahr, verteilt auf zwanzig Familien. Für unsere Region ist das ein Vermögen. In Europa ist es ein durchschnittliches Einkommen für eine Familie. Ich weiß nicht, welches der beiden wahr ist. Ich weiß, dass wir nicht mehr arm sind.
Kosus sagte: Und was passiert mit dem Geld, das Europa Ihrem Dorf zahlt? Mamadou sagte: Ein Teil geht in die Schule. Ein Teil geht in die Klinik. Ein Teil geht in unsere eigene Infrastruktur — Brunnen, Straßen, Lagerung. Ein Teil geht an unsere Kinder, die in Nouakchott studieren und danach zurückkommen, um als Ingenieure in der Raffinerie zu arbeiten. Wir halten das Geld in der Region. Wir geben es nicht für Dinge aus, die wir nicht brauchen. Wir haben in fünfzehn Jahren gelernt, was ein Gulden wert ist.
Alkion sagte: Und Europa? Mamadou sagte: Europa erhält unser Ethanol. Ihre Industrie verbraucht es. Ihre Autos fahren damit. Ihre Schiffe fahren damit. Wir verdienen. Sie sparen. Beide gewinnen. Das ist eine Handelsbeziehung, wie Ihre Großeltern sie kannten, bevor das imperiale Zeitalter kam, und wie wir sie jetzt auf Basis der Gleichheit ermöglichen.
Kosus sagte: Wie viele Dörfer wie das Ihre gibt es? Mamadou sagte: In Mauretanien jetzt zweihundert. Wachsend auf tausend in zehn Jahren. In ganz Westafrika zusammen vielleicht zehntausend in fünfzehn Jahren, wenn es gelingt. Jedes Dorf liefert Biomasse. Jeder Tanker, der nach Rotterdam fährt, bringt Ihre Energie heim. Wir bauen ohne Subvention. Wir bauen mit einem Handelspartner, der seinen Vertrag einhält. Das ist genug.
Alkion sagte: Was verlangen Sie von uns? Mamadou sagte: Eine Sache. Halten Sie unseren Vertrag ein. Wenn in fünf Jahren jemand in Brüssel entscheidet, dass wir Ihre Nachhaltigkeitsregeln nicht mehr erfüllen, weil wir ein neues Formular nicht richtig ausgefüllt haben, und unser Ethanol wird abgelehnt, fällt unser Dorf innerhalb von zwei Jahren zurück in die Armut. Wenn Sie unseren Vertrag einhalten, bauen wir weiter. Mehr verlangen wir nicht. Wir sind keine Opfer. Wir sind Handelspartner. Behandeln Sie uns so.
Kosus sagt: ein Bauer, der vor fünfzehn Jahren keine Bäume hatte und der heute seine Kinder zur Schule schickt, ist ein Partner. Behandeln Sie ihn als Partner, und Europa erhält seine Energie zurück. Behandeln Sie ihn als Bedürftigen, und beide Seiten verlieren, was sie hätten gewinnen können.
Erzählung 37
Einige Abende später saßen Kosus, Demira, Alkion, Klytia und Petros um eine Karte, die Petros aus Malta mitgebracht hatte. Die Karte zeigte das Mittelmeer, mit Europa oben und Afrika unten. Darauf waren Pfeile gezeichnet. Manche gingen von Nord nach Süd — Waren aus Europa. Manche gingen von Süd nach Nord — Ethanol aus der Sahelzone.
Petros sagte: Die Pipeline kommt. Nicht nur eine, mehrere. Es gibt schon eine von Algerien nach Italien für Erdgas. Eine zweite kommt von Marokko nach Spanien für Wasserstoff. Und eine dritte — die wichtigste — kommt von Mauretanien über Marokko nach Südspanien für Ethanol. Sie ist noch in Planung. Sie wird zwischen 2028 und 2033 gebaut. Wenn sie fertig ist, kommt ein Teil des europäischen Energiebedarfs aus den Tropen in flüssiger Form, transportierbar über Pipeline statt über Tanker.
Alkion sagte: Das ist eine große Abhängigkeit. Petros sagte: Es ist eine große Abhängigkeit. Das ist genau der Punkt. Wir sind jetzt abhängig von Öl aus dem Nahen Osten, Gas aus Russland (das wir jetzt wieder zu blockieren versuchen), Solarzellen aus China. Jede Abhängigkeit ist ein Risiko. Die Frage ist nicht, ob wir abhängig sind — wir sind es immer. Die Frage ist, von wem wir abhängig sind, unter welchen Bedingungen, und ob die andere Seite auch von uns abhängig ist.
Klytia sagte: Ist Mauretanien von uns abhängig? Petros sagte: Ja. Ohne den europäischen Absatzmarkt ist die mauretanische Juncao-Produktion kein tragfähiges Geschäftsmodell. Wir sind der Kunde, sie sind der Lieferant. Wir brauchen einander. Das ist gegenseitige Abhängigkeit. Im Gegensatz zu unserer Abhängigkeit von chinesischen Solarzellen, wo China uns nicht braucht. Es hat seinen eigenen riesigen Heimatmarkt. Wir sind ein kleiner Teil seines Umsatzes. Wenn es uns abschneiden will, kostet es nichts. Wenn wir es abschneiden wollen, kostet es uns alles. Das ist asymmetrische Abhängigkeit. Das ist gefährlich.
Kosus sagte: Und die Pipeline? Petros sagte: Die Pipeline ist eine körperliche Verbindung zwischen uns und Mauretanien, Marokko, Senegal. Wenn sie liegt, ist sie eine physische Tatsache, die niemand schnell entfernt. Sie verlangt Wartung, was für beide Seiten Arbeit schafft. Sie verlangt Schutz, was gemeinsame Sicherheitsinteressen schafft. Sie verlangt Handelsverträge, die dreißig, fünfzig Jahre halten. Das ist genau die Art von Verbindung, die Europa und seine Nachbarstaaten seit hundert Jahren nicht mehr gehabt haben. Es ist kein Imperialismus — die Güter kommen aus afrikanischen Händen. Es ist keine Entwicklungshilfe — es gibt keine Subventionen, nur Verträge. Es ist Handel auf Augenhöhe.
Demira sagte: Warum wurde das nicht früher gemacht? Petros sagte: Weil Europa dachte, es könne sich selbst versorgen. Als wir hörten, dass wir Solarzellen auf unsere Dächer legen und Windmühlen in unsere Gewässer stellen könnten, dachten wir: Wir brauchen Afrika nicht. Wir sind unser eigenes Unternehmen. Fünfzehn Jahre später sehen wir, dass die Solarzellen nicht aus Europa kommen, sondern aus China, und dass die Windmühlen nicht jeden Tag drehen. Wir haben unser Dach überschätzt. Wir haben unterschätzt, was die Menschen am Äquator konnten. Die Sonne steht dort das ganze Jahr hoch. Die Biomasse wächst dort drei- bis viermal schneller als bei uns. Wir hätten unsere Verbindung zu ihnen pflegen sollen, statt zu glauben, wir könnten sie durch Selbstversorgung ersetzen.
Klytia sagte: Und die Wurzeln? Kosus sah Petros an. Petros sagte: Die Wurzeln von Juncao gehen drei Meter tief in den mauretanischen Boden. Sie halten Sand, der sonst wegwehen würde. Sie halten Wasser, das sonst verdunsten würde. Wenn Sie ein Feld Juncao haben, verändert sich der Boden innerhalb von drei Jahren. Die Temperatur unter der Pflanze ist drei bis sechs Grad kühler als die Umgebung. Insekten kehren zurück. Vögel auch. Kleine Tiere, die vor zehn Jahren verschwunden waren, werden wieder gesichtet.
Wenn wir Ethanol aus diesen Dörfern holen, sagte Petros, holen wir nicht nur Brennstoff. Wir holen auch ein klimafreundlicheres Klima um den Äquator. Wir helfen Ökosystemen, sich zu erholen, indem wir ihnen die wirtschaftliche Rechtfertigung geben, weiter zu bestehen. Das ist ein Geheimnis, das die europäische Umweltbewegung nur langsam entdeckt hat. Der beste Weg, ein Ökosystem zu schützen, ist nicht, es zum Schutzgebiet zu erklären, das kein Mensch mehr betreten darf. Es ist, eine Handelskette aufzubauen, innerhalb derer das Ökosystem für die Menschen, die dort leben, wirtschaftlich wertvoll wird. Dann schützen sie es selbst, jeden Tag, ohne Gesetz oder Subvention.
Kosus sagt: eine Pipeline, die zwei Kontinente auf Basis gegenseitiger Abhängigkeit verbindet, ist mehr als eine Leitung. Sie ist ein Handschlag in Stahl, der dreißig Jahre gehalten wird. Wer solche Handschläge baut, baut an einer Welt, die ihn überdauert.
Erzählung 38
Eines Tages erhielt Alkion Besuch von einem Techniker. Der Mann kam aus den Niederlanden, hatte aber die letzten zehn Jahre in Rotterdam an einer neuen Art Schiffsmotor gearbeitet. Er hieß Ruud. Er trug eine Tasche mit Zeichnungen und ein kleines Modell eines Motors.
Ruud sagte zu Alkion: Ihr Boot fährt jetzt mit Diesel. Vier- bis fünftausend Euro pro Jahr an Brennstoff, denke ich. Alkion sagte: Etwas mehr. Ruud sagte: Ich möchte Ihnen etwas vorschlagen. Ich habe eine SOFC — solid oxide fuel cell —, die für kleine Fischerboote angepasst ist. Sie läuft auf Ethanol. Sie ist leiser als ein Dieselmotor, etwa gleich stark, und verbraucht etwa ein Drittel weniger Brennstoff pro Stunde. Sie kostet mehr beim Kauf. Aber wenn Sie sie sechs Jahre benutzt haben, ist sie günstiger als das, was Sie jetzt haben.
Alkion sagte: Woher kommt das Ethanol? Ruud sagte: Aus Mauretanien, über die Pipeline, die 2033 fertig wird. Vorläufig kommt es per Tanker nach Rotterdam und dann mit kleineren Schiffen zu den Häfen entlang der Küste. Nächsten Monat wird die erste Lieferung in Ihrem Hafen erwartet.
Alkion sagte: Wie viele Boote in diesem Hafen kommen dafür in Frage? Ruud sagte: Von den zweiundzwanzig Booten, die Sie jetzt haben, kommen neun für diese Umrüstung in Frage. Der Rest ist zu alt oder zu klein. Für diese neun Boote, wenn sie alle umrüsten, brauchen wir einen kleinen Hafentank von fünfzigtausend Litern. Dieser Tank kommt mit einem staatlichen Vorschuss, den Sie gemeinsam über acht Jahre an den Lieferanten zurückzahlen.
Alkion sagte: Und die Investition in meinen Motor? Ruud sagte: Fast dreißigtausend Euro. Das ist dreimal ein Dieselmotor. Ich weiß, das ist viel für einen Fischer. Aber es gibt eine fünfzigprozentige Förderung für die ersten zehn Boote, die umsteigen. Ihr effektiver Preis ist fünfzehntausend. Das können Sie in vier Jahren durch Brennstoffeinsparung zurückverdienen.
Alkion dachte nach. Er ging zu Kosus. Kosus sagte: Tun Sie es. Alkion sagte: Warum? Kosus sagte: Weil Sie sonst in zehn Jahren den letzten Dieselmotor im Hafen haben, und niemand ihn mehr reparieren will. Und weil jeder Liter Ethanol, den Sie verwenden, sechs bis acht Euro nach Mauretanien schickt. Vier Liter für Ihre Arbeitsstunde bringen dreißig Euro in Mamadous Dorf. Das ist mehr, als Hilfsgeld je erreicht hat. Das nennen wir zwei Gemeinschaften, eine Versorgungslinie.
Alkion rüstete sein Boot um. Es war während der Installation drei Monate außer Betrieb. Er verlor diese drei Monate an Einkommen, aber Demira brachte ihm Brot, und Klytia half seiner Frau mit einer Winterjacke für die Kinder. Als das Boot aus der Werft kam, war es anders. Es klang anders. Es zitterte nicht. Der Brennstofftank war kleiner. Der Rauch aus dem Auspuff war weg.
Alkion machte seine erste Fahrt. Als er mit einem für die Jahreszeit normalen Fang zurückkam, sagte er zu Demira: Es fühlt sich an wie ein neues Boot. Demira sagte: Es ist immer noch das Boot Ihres Großvaters. Alkion sagte: Das ist genau, was es ist. Es ist das Boot meines Großvaters, gelernt von meinem Vater, verbessert von mir. Und der Brennstoff, den es heute benutzt hat, wuchs auf Boden, der vor fünfzehn Jahren Wüste war. Zwei Großväter. Eine Fahrt.
Kosus sagt: ein Boot Ihres Großvaters mit einem Motor aus Ihrem Jahrhundert, befeuert mit Brennstoff aus einem Land, das Sie vor fünfzehn Jahren nicht kannten, ist mehr als ein Boot. Es ist die Form, wie ein kleiner Kontinent groß bleibt, ohne je einen anderen klein zu machen.
Teil XI
Worin Anthea erwachsen wird, zwei Nachbarn vierzig Jahre später ihre Rechnung begleichen, Jan, der genug hatte, vermisst wird, und Malta wach ist.
Erzählung 39
Anthea wurde fünfunddreißig. Sie ging an einem Morgen im Mai durch das Hafendorf, in dem sie aufgewachsen war. Demira war tot, seit zehn Jahren. Kosus war tot, seit acht Jahren. Alkion lebte noch, weit in den Achtzigern, und er saß noch jeden Morgen am Kai. Klytia lebte auch noch. Petros war zurück auf Malta, er würde das Jahr nicht überstehen.
Was Anthea sah, war Folgendes.
Die Bäckerei ihrer Großmutter bestand noch. Ein Cousin von Anthea führte sie jetzt. Er backte nach Demiras Rezepten. Die Kunden, die kamen, waren größtenteils dieselben Familien. Die Preise waren angemessen. Das Brot war noch fünfundzwanzig Kilo für fünfundzwanzig Kilo.
Die Fischer waren noch da. Von den zweiundzwanzig Booten, die es früher gab, gab es jetzt vierzehn. Alle vierzehn waren auf Ethanolmotoren umgerüstet. Die Hafenkasse — von Alkion begonnen — hatte drei Boote von Erben zurückgekauft, die keine Fischer mehr sein wollten. Diese drei Boote wurden an junge Fischer vermietet, die kein Kapital hatten.
Die Weberinnen waren noch da. Vier Stück. Sie webten für den lokalen Markt und für zwei Geschäfte in der Hauptstadt, die nur in der Nähe gefertigte Stoffe verkauften. Klytia war ihre Mentorin. Sie war alt, aber lernte noch. Antheas Tochter, die sieben war, webte bereits ihren ersten Stoff.
Es gab eine neue Schule am Kai, in die Kinder samstags und wochentags kamen. Die Samstage hatten nie aufgehört. Wochentags hatte die reguläre Schule begonnen, sich mitzubewegen — nach zehn Jahren Debatte hatte das Bildungsministerium anerkannt, dass die Kinder, die die Samstage besuchten, auffällig besser in den Dingen abschnitten, die wirklich zählten. Die reguläre Schule hatte ein Nachmittagsprogramm eingerichtet, in dem die Kinder zum Hafen, zum Schmied, zur Weberin, in den Garten gehen konnten.
Sofia, die Nova Democratia eingeführt hatte, war inzwischen von ihrem Bürgermeisteramt zurückgetreten — das Modell kannte zwei Amtszeiten als Maximum. Sie saß jetzt im Bürgerrat des Dorfes, per Los gewählt, und bewertete die Gesetze, die verfielen. Ihr Nachfolger, ein junger Mann, der wenig sagte und viel tat, hielt das Dashboard lebendig.
Anthea war Krankenschwester in einer Klinik am Rand des Dorfes geworden. Die Klinik war klein. Zwei Ärzte, fünf Krankenschwestern, eine Empfangsdame. Sie machte ihre Arbeit, wie Kosus es sie gelehrt hatte, obwohl er es ihr nicht direkt gelehrt hatte. Sie saß neben ihren Patienten und hörte zu. Sie fragte selten, was die Maschine gesagt hatte. Sie fragte öfter, was der Patient selbst fühlte. Am Ende der meisten Gespräche sagten ihre Patienten: Ich fühle mich leichter. Sie tat ihre Arbeit nicht schnell. Sie tat sie vollständig.
Anthea ging weiter. Sie ging an der alten Taverne vorbei, wo Demira ihren ersten Ofen angezündet hatte. Der Ofen war noch da. Hinter ihr ging ihre Tochter. Antheas Tochter sagte: Mama, können wir hier anhalten? Anthea sagte: Warum? Die Tochter sagte: Hier haftet etwas, das mich an etwas erinnert, das ich nicht kenne.
Anthea lächelte. Sie sagte: Das liegt an deiner Urgroßmutter. Sie hat hier angefangen. Wir kommen morgen zurück, und dann backe ich mit dir ein Brot in diesem Ofen. Der Ofen wird samstags von den Kindern benutzt, die lernen wollen. Wir sind willkommen.
Anthea ging weiter zum Meer. Sie setzte sich auf die Kaimauer, wo an diesem Tag auch Alkion saß. Sie sagte zu Alkion: Wie viel sich verändert hat. Alkion sagte: Alles ist gleich, und alles ist anders. Anthea sagte: Das ist eine gute Beschreibung. Alkion sagte: Das ist die einzige Beschreibung, die stimmt. Wenn Sie sehen, dass alles gleich ist, schauen Sie auf die Oberfläche. Wenn Sie sehen, dass alles anders ist, schauen Sie auf das, was darunter liegt. Wir haben in unserem Leben die Unterseite verändert, ohne dass sich die Oberseite sichtbar verändert hat. Das ist genau, was wir zu tun hofften.
Anthea sagte: Hat Kosus das gesehen? Alkion sagte: Er sah es kommen. Das Erwachen selbst hat er nicht mehr erlebt. Er sagte zu mir, drei Tage bevor er starb: Ich gehe. Anthea wird es sehen. Sie wird es auch missdeuten, wie die anderen es missdeuten. Sagen Sie ihr, dass Missdeuten nicht schlimm ist. Was geschieht, geschieht, ob jemand es liest oder nicht.
Anthea schaute hinaus über das Meer. Sie dachte: Er hatte recht. Es war geschehen, ohne dass jemand es genau an dem Tag gesehen hatte, an dem es geschah. Sie saß auf der Mauer und fühlte die Sonne auf ihrem Gesicht. Sie dachte an ihre Tochter und an den Brief, den sie heute Abend an die Klinik schreiben würde, wo sie diesen Monat einen Tag weniger arbeiten wollte, um öfter zu den Samstagen zu können.
Kosus sagt: eine Prinzessin erwacht nicht durch ein Geräusch. Sie erwacht durch die langsame Rückkehr der Wärme in ihre Hände. An einem Morgen steht sie auf, und sie weiß nicht mehr, wann sie aufgestanden ist. Sie ist da. Wer sie wecken wollte, erkennt sie nicht immer. Wer sie nicht wecken wollte, sieht sie auch nicht. Sie wandelt unter uns, als sei sie immer schon hier gewesen.
Erzählung 40
Henk und Piet, von denen Anthea gehört hatte, als sie fünfzehn war, lebten noch. Beide waren jetzt achtzig. Beide wohnten noch in derselben Straße, in der Antheas Eltern gewohnt hatten. Das Haus von Antheas Eltern stand jetzt leer — ihre Eltern waren in ein kleineres Haus außerhalb des Dorfes gezogen.
Henk hatte sich vor vierzig Jahren von seiner Leiter herabgelassen und sich auf die Treppe daneben gesetzt. Er war nie wieder so hoch gestiegen, wie er hatte steigen wollen. Aber er war auch nie wieder allein gewesen. Piet war sein bester Freund geworden. Sie hatten sich in diesen vierzig Jahren tausendmal Kaffee gegeben.
Jetzt waren sie alt. Piet lehrte noch immer junge Männer, die auf seiner Treppe sitzen wollten. Er nahm sie mit zur alten Nachbarin, um mit den Hecken zu helfen — jetzt gab es eine dritte Generation von Nachbarinnen, die Hilfe brauchte. Piet war immer da. Er hatte sich nicht erschöpft.
Henk kam jeden Mittwoch zum Kaffee bei Piet. Sie sprachen über ihre Kinder, über die Welt, über ihre alten Rücken. An einem Mittwoch sagte Henk: Piet, ich habe etwas entdeckt. Piet sagte: Was? Henk sagte: Dass ich nie wusste, was Reichsein war, bis ich aufhörte, es zu wollen. Piet lachte. Er sagte: Ich weiß das schon vierzig Jahre. Ich habe auf dich gewartet. Henk sagte: Danke, dass du gewartet hast. Piet sagte: Das war das Mindeste. Wer ein Freund ist, wartet.
Anthea hörte von diesem Gespräch durch Piets Tochter, die Krankenschwester in derselben Klinik wie Anthea war. Anthea schrieb es in ein kleines Heft, das sie seit Jahren führte. Sie notierte: Henk und Piet, Mittwoch, vierzig Jahre. Kosus hatte recht. Wer von der Leiter absteigt, muss lernen, wieder zu sitzen. Wer auf der Treppe sitzt, muss lernen zu warten. Beides sind Übungen. Beide gelingen.
Kosus sagt: eine Leiter bringt Sie nirgendwohin, außer wo Sie niemand kennt. Eine Treppe bringt Sie zu anderen, und auf jeder Stufe sitzt jemand, den Sie erkennen können. Ihr Leben wird nicht daran gemessen, wie hoch Sie kommen. Es wird daran gemessen, wie viele Menschen Sie auf dem Weg kennengelernt haben.
Erzählung 41
Jan war lange tot. Er war gestorben, als Anthea zwanzig war, also fünfzehn Jahre zuvor. Sein Haus stand am Ende des Kais. Es war von seinem Sohn erbt worden — dem Sohn, der das Auto übernommen hatte, als Jan sechzehn war. Der Sohn wohnte nicht im Dorf. Er hatte das Haus vermietet, zuerst an einen älteren Mann, dann an ein Ehepaar, das wegzog, dann an niemanden. Das Haus stand drei Jahre leer. Der Garten verwilderte.
An einem Nachmittag ging Anthea am Haus vorbei. Sie sah durch die Hecke, dass die drei Apfelbäume, die Jan gepflanzt hatte, noch trugen. Der Pflaumenbaum war tot. Das Gras war hoch. Dort, wo Jans Teetisch gestanden hatte, stand noch ein alter Stuhl — umgefallen.
Anthea rief den Sohn an. Der Sohn wohnte in Deutschland. Er war überrascht, dass jemand anrief. Anthea sagte: Ich möchte den Garten Ihres Vaters wieder zum Leben erwecken. Der Sohn sagte: Ich weiß nicht, ob jemand das Haus kaufen will. Anthea sagte: Ich will es nicht kaufen. Ich will es mieten, zu einem niedrigen Preis. Ich werde den Garten pflegen. Wem Sie das Haus vermieten können, darf darin leben. Ich nehme nur den Garten.
Der Sohn dachte nach. Er sagte: Mein Vater hätte das geschätzt. Ich vermiete das Haus an den ersten anständigen Mieter, der sich meldet. Sie können den Garten haben. Keine Miete. Nur Erhalt.
Anthea erhielt den Schlüssel zum Garten. Sie begann im März. Sie hatte keine Gartenerfahrung. Sie ließ sich von einer alten Frau aus dem Dorf anleiten, die früher bei Jan gearbeitet hatte. Sie schnitt die Apfelbäume. Sie pflanzte einen neuen Pflaumenbaum. Sie stellte den Teetisch wieder auf. Sie stellte einen Stuhl hin — denselben Stuhl, den Jan benutzt hatte, denn er war noch da.
Im Sommer saß Anthea einen Abend pro Woche in Jans Garten. Sie saß auf seinem Stuhl und trank seine Art Tee. Sie schaute auf die drei Apfelbäume und auf das Wasser in der Ferne. Sie hörte ihre Frau-in-der-Küche pfeifen. Sie hörte kein Pfeifen, denn ihre Frau war zu Hause, nicht in Jans Küche. Aber sie erinnerte sich, wie es klang, als Jan es hörte.
Sie dachte: Das ist es, was Jan meinte. Wenn ich in diesen Garten schaue und nichts hinzugefügt werden muss, um ihn besser zu machen, dann habe ich alles, was ich brauche.
Anthea saß zwanzig Jahre lang jede Woche in Jans Garten. Als sie alt wurde, gab sie den Schlüssel einer jüngeren Frau aus dem Dorf, die ihrerseits den Garten übernahm. Der Garten blieb lebendig. Jan blieb lebendig, auf seine Weise.
Kosus sagt: ein Garten, der von zwei Generationen im Geist des Pflanzers gepflegt wird, ist mehr als ein Garten. Er ist ein lebender Satz, der von Hand zu Hand geht. Wer einen Garten übernimmt, ist kein Gärtner. Er ist ein Satzzeichen in einem Satz, der länger dauert als sein Leben.
Erzählung 42
Petros lebte noch ein halbes Jahr nach dem Tag, an dem Anthea in Jans Garten saß. Er war sechsundneunzig geworden. Er starb auf Malta, in seinem eigenen Haus, mit einem der anderen sechs Ritter an seiner Seite.
Vor seinem Tod schrieb er einen Brief. Der Brief war an Anthea gerichtet. Warum an Anthea und nicht an Kosus oder Demira oder Alkion oder Klytia? Weil sie tot waren oder im Sterben lagen, und weil Petros Anthea bei einem Besuch kennengelernt hatte, den sie mit sechzig Jahren nach Malta gemacht hatte. Sie war damals zur Auberge in Valletta gekommen. Sie hatte Klytias Tasche gesehen, an der Wand eines kleinen Saals im zweiten Stock. Sie hatte verstanden, was in der Tasche war und warum sie dort hing.
Petros schrieb an Anthea:
Liebe Anthea,
Ich schreibe Ihnen aus Valletta. Ich bin alt und werde sterben. Wenn Sie dies lesen, bin ich nicht mehr da. Bevor ich gehe, wollte ich Ihnen etwas erzählen, das Sie weitergeben können.
Die Auberge ist jetzt eine Gruppe. Sie ist keine Institution geworden. Es ist keine Bürokratie entstanden. Es gibt kein Gremium, das sich selbst fortpflanzt. Es gibt drei Funktionen, wie Kosus es vorschrieb, und sie werden von Menschen erfüllt, die sich kennen. Jedes Jahr kommen zweihundert Menschen zusammen. Sie sind Abgesandte der kleinen Häuser in Europa. Diese kleinen Häuser zählen jetzt etwa tausend. Sie liegen verteilt von Portugal bis Estland und von Griechenland bis Irland. Jedes Haus hat zwischen zehn und hundert Menschen, die sich wöchentlich treffen. Zu jedem Zeitpunkt lesen etwa hunderttausend Menschen in Europa die Kosaris. Mehr wollten wir nie.
Das Kapital ist gekommen. Etwa zweihundert europäische Vermögensträger haben sich seit 2027 auf Malta niedergelassen, mit der Absicht, ihr Kapital an die Auberge und den Wiederaufbau Europas zu binden. Das gesamte bewahrte Vermögen liegt bei etwa achtzehn Milliarden Euro. Das ist nicht enorm — Singapur erhält in vergleichbarer Zeit dreißigmal mehr. Aber es ist genug. Wir wollten nie mehr, als wir verantwortungsvoll bewahren konnten.
Wilhelm ist zwei Jahre nach Ihrem letzten Besuch gestorben. Er hat fünfzehn Millionen Euro gebunden. Sein Beitrag hat zwei Schulen ermöglicht — eine in Griechenland, eine in Portugal — und die Restaurierung einer alten Fabrik in Deutschland, die ohne Kapital abgerissen worden wäre. In dieser Fabrik stellen heute sechzig Menschen Präzisionswerkzeuge her, was Wilhelm sein ganzes Leben getan hatte. Er hätte das schön gefunden.
Andreana ist immer noch Finanzministerin. Sie ist sechsundfünfzig. Sie ist eine der am längsten amtierenden Ministerinnen in der maltesischen Geschichte. Sie hat den Exit von 2028 durchgesetzt, und Malta hat die Folgen getragen. Wir sind nicht isoliert worden. Frankreich und Deutschland haben uns wohl bestraft, aber nicht zerstört. Die EU hat uns auf alle möglichen Listen gesetzt, aber Malta existiert noch, und das Kapital ist nicht nach Singapur gegangen.
Die Belagerung von 1565 dauerte hundertfünfundsechzig Tage. Unser Exit hat jetzt zwanzig Jahre gedauert. Das ist kürzer als die Belagerung, gemessen am Aufwand pro Einwohner. Wir hatten in zwanzig Jahren nicht so viele Tote wie in vier Monaten 1565. Wir haben aber etwas bewahrt, das die Mühe wert war.
Ich bitte Sie um drei Dinge. Kommen Sie zurück nach Malta, solange Sie leben. Erzählen Sie Ihren Kindern von der Auberge, damit sie es ihren Kindern erzählen können. Schreiben Sie auf, was Sie von Ihrer Großmutter und von Kosus wissen, denn es kommen junge Menschen, die nie jemanden kennen werden, der sie gekannt hat.
Ich umarme Sie aus der Ferne. Petros.
Anthea las den Brief dreimal. Sie schrieb an diesem Abend auf, was sie sich an Kosus und an Demira erinnerte. Sie schrieb vierzehn Seiten. Sie sandte sie an die Auberge. Sie wurden in das aufgenommen, was später Buch Drei der Kosaris genannt wurde — das Buch, das von Kosus und der Gruppe in der Zeit nach ihrer ersten Bildung handelt.
Kosus sagt: ein alter Ritter, der in seinem eigenen Haus stirbt, mit einem Bruder neben sich und einem Brief in der Schublade, ist nicht tot. Er ist ein Buchstabe in einem Satz geworden, den andere lesen werden. Solange der Satz gelesen wird, ist er anwesend. Malta war nie ein Gebäude. Malta war immer der Satz.
Teil XII
Worin das Buch endet, wie das Märchen endet: mit einer Einladung.
Erzählung 43
Kosus war in seinem letzten Jahr, als er erkannte, dass er nicht alle vierzig Erzählungen selbst aufschreiben konnte. Seine Hand zitterte. Sein Sehvermögen war schlecht. Er bat Anthea, die damals fünfundzwanzig war, zu ihm nach Hause zu kommen, mit Stift und Papier.
Anthea kam. Sie setzte sich neben Kosus an seinen Tisch. Kosus diktierte. Sie schrieb. Sie taten es langsam. Manche Abende wurde nicht mehr als ein Absatz geschrieben. Anthea beklagte sich nicht. Sie sagte: Ich habe Zeit. Ich arbeite Tage in der Klinik, und die Abende sind für Sie.
Als sie zur letzten Erzählung kamen, sagte Kosus: Ich weiß, was ich diesem Buch sagen lassen will. Schreiben Sie auf, was ich diktiere, genau, wie ich es sage, auch wenn Sie denken, ich irre mich. Ich irre mich nicht in diesem letzten Stück. Ich weiß genau, was stehen muss.
Anthea nahm den Stift. Kosus diktierte:
Liebe Leserin, lieber Leser,
Dieses Buch ist fertig. Was Sie damit tun, liegt an Ihnen.
Sie können es in den Schrank stellen und nicht zurückkommen. Dann ist das das Ende des Buches in Ihrem Leben. Das ist Ihr Recht, und niemand urteilt darüber. Es gibt Menschen, die dieses Buch zu einem bestimmten Zeitpunkt brauchen und zehn Jahre später zurückkommen, und es gibt Menschen, die es einmal lesen und es ihr ganzes Leben bei sich tragen, ohne es je wieder aufzuschlagen. Beides ist gut.
Sie können es jemandem geben, von dem Sie denken, dass er es lesen wird. Dann geben Sie es weiter und werden einer der Träger. Träger sind wichtiger als Schreiber, denn ohne Träger ist ein Schreiber ein Monolog, und mit Trägern wird er ein Dialog, der Jahrhunderte dauern kann.
Sie können es lesen und etwas damit tun. Dann werden Sie selbst eine Erzählung, die erneut erzählt wird. Sie werden der Bäcker am Kai in Ihrem eigenen Dorf. Sie werden der Fischer, der den Sturm hört. Sie werden die Weberin, die die Tasche macht. Sie werden der Ritter, der aus Malta zurückkehrt. Sie werden der Bürgermeister, der mit dem Bäcker mitbackt. Sie werden die Mutter, die ihre Tochter ihre Zeichnung machen lässt.
Sie können es lesen und nichts tun. Das ist auch erlaubt. Ein Buch, das Sie lesen und das Sie berührt, ohne Sie zu verändern, hat trotzdem seine Arbeit getan. Es hat Sie in die Nähe von etwas gebracht, das Sie nicht kannten. Was Sie nicht kannten, kennen Sie jetzt. Das kann später, wenn Sie es am wenigsten erwarten, noch in Ihnen wirken.
Was Sie nicht tun können, ist zu behaupten, Sie hätten es nicht gewusst. Sie wissen es jetzt. Sie wissen von den vier Schichten. Sie wissen von den drei Stürmen. Sie wissen von der Tasche mit Gold, Buch und Instrument. Sie wissen von Malta. Sie wissen von den kleinen Häusern. Sie wissen von Kosus, der am Kai saß und die Kugel befragte. Sie wissen von Demira und ihrem Ofen. Sie wissen von Alkion und seinem Boot. Sie wissen von Klytia und ihrem Webstuhl. Sie wissen von Petros und dem Kreuz mit den acht Zacken. Sie wissen von Anthea, die Farben sah, die es nicht gab. Sie wissen von Dornröschen, die in der Auberge in Valletta schläft und wartet, bis wir sie verdient haben.
Wir, die dieses Buch weitergeben, warten auf Sie. Wir müssen nicht lange warten. Die Zeit gibt sich selbst. Wir sehen Sie, wenn wir Sie sehen. Bis dahin: Danke für das Lesen.
Kosus hielt an. Er sagte zu Anthea: Schreiben Sie meinen Namen unter diesen Brief. Anthea schrieb: Kosus. Kosus sagte: Schreiben Sie auch meinen eigentlichen Namen. Anthea schrieb: Jacobus van Merksteijn. Kosus sagte: Schreiben Sie auch, wo wir jetzt sind. Anthea schrieb: Palma, Balearen. Sie dachte einen Moment nach und schrieb daneben: Malta, im Jahr, in dem das zweite Jahrhundert nach den Rittern beginnt.
Kosus sagte: Das ist fertig. Gehen Sie heim. Schlafen Sie. Morgen bringen Sie das zurück, und dann übergeben wir es Klytia, die es zur Auberge bringt, wenn sie dorthin reist.
Anthea ging heim. Sie schlief diese Nacht schlecht. Sie war stolz, Kosus' letzte Worte aufgeschrieben zu haben, und sie war traurig darüber, denn sie begriff, dass das, was sie aufgeschrieben hatte, sein Abschied war, und dass nicht mehr viel folgen würde.
Kosus starb sechs Wochen später. Klytia brachte das Manuskript nach Malta. Sie überreichte es Petros. Petros weinte, als er sah, was es war. Er las es an diesem Abend einmal. Am nächsten Morgen ließ er es kopieren und begann mit der Verbreitung.
Buch Eins war fertig.
Was Sie jetzt gelesen haben, ist Buch Eins. Es wurde an Hunderttausende von Menschen weitergegeben. Jeder Träger hat etwas hinzugefügt oder etwas weggenommen. Was heute vorliegt, ist nicht mehr genau das, was Kosus diktierte und Anthea aufschrieb. Es ist mehr geworden. Es ist gemeinsames Eigentum. Es gehört Ihnen, nun, da Sie es gelesen haben.
Was Sie damit tun, liegt an Ihnen.
Kosus sagt: ein Buch endet nicht mit seiner letzten Seite. Es endet, wenn der letzte Leser stirbt, der es gelesen hat. Dann wird es ein alter Text und tritt in ein neues Leben ein. Solange noch ein Leser lebt, den es berührt hat, ist es ein lebendes Buch. Wir hoffen, dass Sie es lange lesen und an viele weitergeben, damit es lange lebt.
Impressum
De Kosaris — Buch Eins — Das Buch des heiligen Kosus. Aufgezeichnet von Jacobus van Merksteijn, Ingenieur und Verleger, wohnhaft auf Malta und in Palma.
Herausgegeben unter openvizier.org. Illustrationen in Schwarz-Weiß-Lithografie mit blauen Akzenten, im Hausstil von Het Open Vizier.
„Wer die vier Säulen trägt, wird von den vier Säulen getragen.“