In sechzehn Seiten — in der Tradition der Brüder Grimm
Ein Märchen für Kinder zum Hören, und für Erwachsene zum Wiedererkennen. Jede Seite hat zwei Lesarten: auf der einen Seite das Märchen in Bild und Wort, auf der anderen die Lesart für Erwachsene.
Kapitel 1
Es war einmal ein Kontinent, der reich wurde, indem er herstellte, was die Welt brauchte. Mühlen drehten sich. Schiffe liefen aus. Felder standen voll. Im Hafen wechselten Waren den Besitzer.
Und die Menschen dachten, es würde immer so bleiben.
Kapitel 2
In einem kleinen Zimmer am Hafen sitzt ein alter Mann.
Vor ihm auf dem Tisch steht eine gläserne Kugel. In der Kugel sind keine Lügen zu sehen, nur das, was wirklich ist.
Komm näher, sagt er, und schau mit mir.
Ich erzähle nur Wahrheiten, die vollständig belegt sind.
Kapitel 3
Schau in die Kugel. Dort fährt ein Schiff. Es ist zehn Kilometer lang. Die Brücke liegt weit hinten. Auf der Brücke wird gesteuert. Es wird abgestimmt, es werden Reden gehalten, es werden Fotos gemacht. Aber der Bug fährt zehn Kilometer voraus. Und die Brücke sieht den Bug nicht. Der Bug zerknittert.
Kapitel 4
Das Schiff verliert an Fahrt. Der zerknitterte Bug leistet Widerstand. Was tut die Brücke? Die Brücke gibt mehr Dampf. Mehr Kohle ins Feuer. Mehr Druck. Mehr Widerstand. Mehr Dampf. Mehr Widerstand. Und im Maschinenraum wird geschuftet, und niemand fragt, ob das Schiff überhaupt noch irgendwohin fährt.
Kapitel 5
Am Kai stehen die einfachen Leute. Sie sehen den Bug von der Seite. Sie rufen. Sie zeigen mit dem Finger. Sie versuchen zu warnen. Aber die Brücke ist zu weit weg. Der Wind trägt ihre Stimmen nicht nach oben. Und die Mannschaft hat die Vorhänge zugezogen, denn drinnen ist es heller als draußen.
Kapitel 6
Aber auch wir, die Menschen, sind zu Pinocchio geworden. Drei Generationen lang wurden wir ins Schlaraffenland geführt. Jeder Wunsch wurde erfüllt. Niemand verlangte etwas von uns. Und unbemerkt begannen wir uns zu verändern. Unsere Ohren wurden länger. Unsere Schwänze wuchsen. Im Spiegel sehen wir es nicht.
Kapitel 7
Im großen Saal am Heck des Schiffes sitzen die Regierenden. Sie sind klug. Sie sind gut ausgebildet. Sie meinen es gut. Sie unterschreiben Papiere. Sie klopfen sich gegenseitig auf die Schulter. An der Wand hängt eine große Karte aus dem Jahr 1992. Niemand schaut durch das Fenster. Draußen tobt der Sturm.
Kapitel 8
Und es ist nicht ein Schiff. Es sind fünf. Frankreich fährt vorneweg. England folgt. Dann Italien und Deutschland gemeinsam. Spanien bildet den Schluss. Vor ihnen erhebt sich ein großes Riff im Nebel. Sie steuern alle direkt darauf zu. Und auf der Brücke jedes Schiffes wird über die Farbe der Rettungsboote abgestimmt.
Kapitel 9
In der großen Halle an Land steht eine Erhöhung. Darauf schreien sich Männer und Frauen an. Wer am schärfsten sticheln kann, gewinnt Applaus. Unten jubelt das Volk wie bei einem mittelalterlichen Turnier. Über der Tür schlägt die Uhr zwölf. Nichts, was gesagt wird, ist Wahrheit. Es wird nur gewonnen oder verloren.
Kapitel 10
Im Wald steht eine alte Eiche. An ihren Ästen hängen alte Pergamentrollen. Um die Eiche wächst eine Mauer aus Dornen, dreißig Jahre alt, dicht und scharf. Hinter den Dornen liegt ein grünes Tal mit einer arbeitenden Mühle und einem Sonnenfeld. Jeder kann das Tal sehen. Niemand kann es erreichen.
Kapitel 11
Komm näher, sagt der alte Mann. Ich lege die Karten. Auf der ersten Karte ein Schiff. Auf der zweiten eine Puppe mit Eselsohren. Auf der dritten eine Arena. Auf der vierten eine Hecke aus Dornen. Auf der fünften eine ferne Burg. Die Karten sagen nicht die Zukunft voraus, sagt er. Sie ordnen, was schon feststeht. Schau gut hin. Und überlege, was du tun wirst.
Kapitel 12
Und dann kommt der Tag, an dem das weiße Pferd gesattelt wird. Auf seinem Rücken reitet jemand, der vorausschauen kann. In seiner Tasche trägt er Gold, ein Buch, ein Instrument. Hinter ihm beginnt die Stadt zu brennen. Er schaut sich nicht um. Was er trägt, ist zu wichtig, um es im Feuer zu verlieren.
Kapitel 13
Weit über die Hügel hinweg liegt ein Schloss auf einem Berg. Um das Schloss wächst eine Mauer aus Dornen, dreißig Jahre alt. In einem Turm brennt noch Licht. Darin schläft die Prinzessin der Zukunft. Sie ist nicht schwach. Sie wartet. Sie wartet auf jemanden, der durch die Dornen dringen kann.
Kapitel 14
Jacobus schneidet die Dornen zurück. Er bahnt sich einen Weg. Er findet die Kammer. Er beugt sich über die schlafende Prinzessin und gibt ihr den Kuss. Der Kuss ist Nova Democratia. Der Kuss ist die Partei für die Menschen. Der Kuss ist Carbon Alert. Der Kuss ist die Kooperation mit den Ländern am Äquator. Durch das Fenster scheint die erste Sonne.
Kapitel 15
Und die Prinzessin erwacht. Sie tritt auf den Balkon. Sie sieht, dass das Kapital zurückgekehrt ist — europäisch, nicht fremd. Sie sieht Menschen aus allen Richtungen ankommen. Sie sieht neue Schiffe, kleiner und wendiger als das alte. Und das nächste Kapitel beginnt. Es ist das Kapitel, das Sie und Ihre Kinder leben werden. Oder auch nicht. Die Wahl liegt bei Ihnen.