Der Autoreifen ist die neue Zigarette
Warum abgenutzte Reifen die größte Mikroplastikquelle sind — und warum wir so tun, als wäre es der Reifendruck
Jacobus van Merksteijn · Malta, Juni 2026
Die meisten Niederländer denken bei Plastikverschmutzung an Tüten, Strohhalme und Einwegbecher. Inzwischen fährt jedes Auto — auch das elektrische — als unsichtbare Plastikfabrik über den Asphalt. Nach Schätzungen von Instituten wie RIVM und TNO sind abgenutzte Autoreifen mittlerweile die größte Mikroplastikquelle in unserer Umwelt, allein in den Niederlanden mehrere tausend Tonnen pro Jahr. Diese Partikel landen in der Atemluft, in den Gräben und Flüssen entlang von Straßen und schließlich im Meer und in Nahrungsketten.
Dennoch lenken staatliche Kampagnen die Öffentlichkeit vor allem zur Tankstelle, um den Reifendruck zu prüfen. „Gib deinen Reifen Luft“, heißt es dann, mit Betonung auf Kraftstoffersparnis und Verkehrssicherheit. Nützlich — aber als spräche man bei Zigaretten vor allem davon, draußen zu rauchen, damit die Vorhänge weniger riechen. Der Kern des Problems bleibt unangetastet: das Produkt selbst. Der Reifen, wie er heute üblich ist — ein Wegwerfprodukt mit einer Lebensdauer von etwa 40.000–50.000 Kilometern — gehört in ein vergangenes Jahrhundert.
Wer die Zahlen nebeneinanderlegt, kann kaum noch behaupten, dass dies eine Randerscheinung sei. Jährlich werden schätzungsweise bis zu 19.000 Tonnen Mikroplastik durch Reifenabrieb freigesetzt; fast zwei Drittel davon erreichen Boden und Wasser. Die Partikel sind so klein, dass sie nicht sichtbar sind, aber überall messbar: im Bankettenschlamm, in der Wasserableitung entlang von Autobahnen und in der Umgebung von Städten. Anders als bei sichtbarem Müll gibt es keine einfache Aufräumaktion mit Greifern und Müllsäcken. Was einmal abgenutzt und verweht ist, lässt sich praktisch nicht mehr zurückholen.
Es ist kein neutrales Plastik
Hinzu kommt, dass diese Abriebpartikel kein neutrales Plastik sind. Sie tragen einen Cocktail an Zusatzstoffen mit sich: Stoffe, die den Gummi geschmeidig halten, Alterung verzögern und den Reifen vor UV und Ozon schützen. Gerade diese Stoffe sorgen dafür, dass Reifen den extremen Kräften und Temperaturwechseln des Straßenbelags standhalten. Aber sobald sie als Feinstaub in Luft und Wasser landen, werden sie zu potenziell toxischen Mischungen für Mensch und Natur. Forscher warnen, dass solche Mischungen die Entwicklung von Fischen stören können und dass langfristige Exposition beim Menschen zu Gesundheitsproblemen beitragen kann.
In Vierteln nahe stark befahrener Autobahnen sehen Gesundheitsdienste seit Längerem, dass Kinder im Durchschnitt schlechter bei Lungenfunktion und manchmal auch bei kognitiven Tests abschneiden als Gleichaltrige in ruhigeren Gebieten. Die Rolle des verkehrsbezogenen Feinstaubs — aus Abgasen, Bremsen und Reifen — ist dabei offensichtlich, auch wenn die genaue Verteilung pro Quelle komplex ist. Es passiert also etwas, was beim Tabak gesellschaftlich nicht mehr akzeptiert würde: ein Produkt, von dem bekannt ist, dass es kontinuierlich schädliche Partikel abgibt, bleibt unangetastet, solange der Nutzer „sich an die Regeln hält“.
Die Lücken in REACH
Die Europäische Union hat inzwischen REACH, eine der strengsten Chemikalienverordnungen der Welt. Unter diesem Schirm werden Schritt für Schritt gefährliche Stoffe beschränkt oder verboten, und kürzlich kamen zusätzliche Regeln hinzu, um bewusst hinzugefügte Mikroplastikteilchen — wie Peelingkörner und Glitter — vom Markt zu drängen. Das sind gute Nachrichten für Duschen und Make-up, aber bei Reifen wirkt dieser Ansatz nur indirekt. Hier geht es nicht um Plastikteilchen, die in einer Fabrik bewusst zugesetzt wurden, sondern um Partikel, die durch Gebrauch entstehen: durch Bremsen, Anfahren und Kurvenfahren.
In der Praxis zwingt REACH die Hersteller vor allem dazu, bestimmte Additive durch weniger gefährliche Alternativen zu ersetzen. Das kostet Zeit und Geld, und die ersten Generationen neuer Mischungen erreichen selten sofort dieselbe Leistung wie die alten. Die Versuchung ist groß, den Fokus auf Compliance zu legen: gerade sicher genug, um die Regeln zu erfüllen, ohne die Lebensdauer wesentlich zu verlängern oder den Abrieb pro Kilometer drastisch zu senken. Solange es keine Norm für Mikroplastikemissionen pro Kilometer gibt und keine Mindestlebensdauer durchgesetzt wird, kann ein Reifen auf dem Papier chemisch sauberer werden, aber in der Praxis kürzer halten und mehr Masse in die Umwelt bringen.
Auch die Herstellerverantwortung ist eng definiert. Für Autoreifen gibt es bereits ein System, in dem Hersteller und Importeure an Sammlung und Recycling ausgedienter Reifen mitfinanzieren. Der alte Reifen als sichtbares Abfallprodukt ist damit geregelt. Aber die tausende Tonnen Abrieb-Mikroplastik, die über die gesamte Lebensdauer freigesetzt werden, fallen aus diesen Rechenmodellen heraus. Die Kosten dafür — in Wasseraufbereitung, Naturwiederherstellung und Gesundheit — landen bei der Gesellschaft, nicht beim Hersteller oder Verkäufer. Der Anreiz, einen Reifen zu bauen, der länger hält und weniger abnutzt, ist also minimal.
Die Tabakindustrie als Spiegel
Wer dieses Muster erkennt, denkt schnell an die Strategien der Tabakindustrie. Auch dort wurden jahrzehntelang Randmaßnahmen betont: Filter, Belüftung und Raucherräume. Der einzelne Raucher bekam die Botschaft: rauche bewusst, rauche weniger, rauche draußen. Jetzt zeigt sich bei Reifen ein vergleichbarer Reflex: Kampagnen zum Reifendruck, Infrastrukturmaßnahmen entlang von Autobahnen und vielleicht ein zusätzliches Etikett hier und da. Aber der Reifen selbst bleibt im Kern dasselbe Wegwerfprodukt mit derselben Abrieblogik wie vor Jahrzehnten.
Die Ironie ist, dass technologische Lösungen schon viel weiter sind als die Regeln. In Forschungsprogrammen, Patenten und Prototypen tauchen Reifen auf, die erheblich länger halten als die 40.000 Kilometer, auf die die meisten Verbraucherreifen ausgelegt sind. Hersteller experimentieren mit luftlosen Strukturen, mit 3D-gedruckten Laufflächen und mit Kombinationen aus biomassebasierten Gummikomponenten und fortschrittlichen Polymeren. Es gibt Konzepte, die die Lauffläche als Verschleißschicht und die tragende Struktur als Plattform betrachten, die viel länger hält — genau die Umkehrung, die nötig ist, um Mikroplastikemissionen pro Kilometer drastisch zu senken.
Dennoch erscheinen diese Reifen nicht massenhaft auf dem Markt. Nicht weil es physisch unmöglich wäre, sondern weil die heutigen wirtschaftlichen und rechtlichen Spielregeln das nicht belohnen. Ein Reifen, der zwanzig Jahre hält und viel weniger Abrieb erzeugt, stört eine Industrie, die auf regelmäßigen Ersatz und ein bestimmtes Kostenniveau pro Kilometer ausgelegt ist. Ohne Normen für Emissionen und Lebensdauer bleibt ein solcher Reifen eine Nischenoption statt der Standard. Und ohne systematische Messmethoden und Etiketten für Mikroplastik pro Kilometer bleiben Verbraucher blind für die Unterschiede.
Europa überholt sich selbst
Europa läuft damit Gefahr, sich selbst ins Hintertreffen zu bringen. Während klassische Reifenfabriken in Westeuropa schließen und die Produktion in Länder mit niedrigeren Kosten verlagert wird, wird der europäische Markt immer mehr zum Absatzgebiet für konventionelle Reifen von anderswo. Die strengsten Regeln gelten hier an den Rändern, aber die Kerninnovation — der Sprung zu regenerativen, emissionsarmen Reifen — kann ebenso gut in anderen Regionen landen, wo große Autohersteller und Flottenbesitzer eher bereit sind, in neue Modelle einzusteigen. Dann wird Europa zum Kunden des Reifens von morgen, nicht zum Hersteller.
Der Reifen von morgen ist kein Wegwerfprodukt mehr, sondern eine Plattform. Er hält länger als das Auto, auf dem er montiert ist. Seine Lauffläche ist keine feste, einmalige Schicht, sondern eine erneuerbare Funktion: etwas, das nachgedruckt, ersetzt oder regeneriert wird, ohne die Karkasse zu verschwenden. Der Reifen von morgen ist so konzipiert, dass er möglichst wenig Mikroplastik abgibt — und dass die Partikel, die dennoch entstehen, chemisch so harmlos wie möglich sind.
Die Frage ist nicht, ob ein solcher Reifen kommt. Diese Frage ist längst beantwortet in Laboren, in Patenten und in stillen Pilotprojekten. Die eigentliche Frage ist, wie lange noch akzeptiert wird, dass der Reifen von gestern die Norm auf der Straße ist. Wie viele Generationen Kinder noch entlang von Autobahnen aufwachsen, mit Plastikstaub in ihrer Lebensumgebung. Wie viele Tonnen Mikroplastik noch in Gräben und Meeren verschwinden, bevor erkannt wird, dass dies keine unvermeidbare Nebenwirkung ist, sondern eine politische Entscheidung.
Was jetzt nötig ist
Wenn diese Entscheidung kippen soll, sind einige einfache Schritte denkbar:
- Eine maximale Mikroplastikemission pro Kilometer für neue Reifen festlegen — so wie es CO₂-Normen für Autos gibt.
- Herstellerverantwortung auf Abriebemissionen ausweiten, sodass ein Reifen, der halb so viel Partikel ausstößt, tatsächlich günstiger in Abgaben wird als einer, der mehr verschmutzt.
- Es verpflichtend machen, auf dem Reifenlabel nicht nur Rollwiderstand und Nasshaftung zu zeigen, sondern auch einen Hinweis auf Lebensdauer und Mikroplastikemissionen pro 1.000 Kilometer.
- In der Regulierung Raum reservieren für Reifen, die grundsätzlich anders sind — regenerativ, gedruckt, plattformbasiert — statt sie in dieselbe Form zu pressen wie das Produkt von gestern.
Wer heute mit dem Auto über die Autobahn fährt, sieht nichts von alledem. Keine Warnung, kein Filter, keine Reinigungstruppe. Nur Asphalt, weiße Streifen und ein stiller Regen unsichtbarer Partikel. Es ist Zeit, zuzugeben, dass der Reifen nicht länger eine selbstverständliche, neutrale Komponente ist, sondern eine politische Entscheidung. Die Zigarette, die noch nicht so genannt werden darf.

Jacobus van Merksteijn
Chefredakteur von Het Open Vizier. Unternehmer, Entwickler industrieller und governance-bezogener Innovationen (Carbon-Alert Ltd, TerraClean Ltd, GuardSkin Ltd). Schreibt über wirtschaftliche, ökologische und politische Systemfragen — aus eigener Erfahrung mit der Brüsseler und Haager Entscheidungsmaschinerie.