Die Matrix der Abwanderung
Eine Rekordzahl von Millionären verlässt Westeuropa. Die NZZ liefert das Bild — die Matrix von Wahlfolgen liefert die Erklärung.
Jacobus van Merksteijn
Die Neue Zürcher Zeitung eröffnet heute die Wirtschaftsseite mit einer Überschrift, die zugleich trocken und wuchtig ist: «Der Kampf um die Wohlhabenden spitzt sich zu.» Noch nie sind so viele Millionäre ausgewandert — vor allem aus Deutschland — und die Schweiz profitiert davon. Die tragende Zahl stammt aus dem Jahresbericht der Londoner Beratungsfirma Henley & Partners: 165.000 Millionäre verlegen im Jahr 2025 ihren Hauptwohnsitz; ein Rekord, der den bisherigen Höchstwert (142.000 im Jahr 2024) um vierzehn Prozent übertrifft. Die deutsche Kurve ist die steilste weltweit: von Rang 24 über Rang 19 auf Rang 13 der Herkunftsländer — innerhalb von zwei Jahren.
So liest man die Meldung. Aber Het Open Vizier liest Meldungen dieser Art seit zwei Wochen anders. Seit der Einführung von Wahlfolgen — der Matrixdatei, die durch Multiplikation dreier Achsen zu Projektionen kommt — haben wir eine Linse, die den NZZ-Beitrag in eine Fallstudie verwandelt. Was die NZZ beschreibt, ist weder Zufall noch spezifisch deutsch. Es ist ein Ergebnis der Matrix, sobald drei Eingaben einander verstärken.
Was tatsächlich geschieht
Die harten Zahlen aus dem Bericht, ergänzt um den aktuellsten Quartalsstrom, lesen sich wie ein Röntgenbild:
Zielländerliste 2026, laut Henley & Partners: Singapur, Italien, die Schweiz, Griechenland, Hongkong, Neuseeland — und in Südeuropa nachdrücklich Malta, Portugal, Zypern. Verliererliste: Vereinigtes Königreich, Deutschland, Frankreich, Norwegen, Südkorea. Die Rangfolge hat sich in zwei Jahren gedreht.
Die drei Achsen
Wahlfolgen beschreibt jedes Ergebnis als Produkt dreier Faktoren: Partei × Person × Basislinie. Das Modell wurde für Wahlprojektionen über fünfzehn Jahre gebaut, aber das Reizvolle daran ist, dass es ebenso gut für Migrationsverhalten funktioniert. Ein Millionär, der geht, ist keine moralische Figur; er ist ein rechnerisches Ergebnis. Gehen wir die drei Achsen für den deutschen Fall durch.
Die Partei-Achse ist in Deutschland seit der letzten Koalitionsverhandlung destabilisierend geworden. Nicht, weil eine Partei radikal wäre, sondern weil die Kombination radikal wird. Die Debatte über eine Vermögensteuer, kombiniert mit der verschärften Wegzugsbesteuerung, hebt die Intensität auf der Achse «fiskalische Verlässlichkeit» von 4 auf 8. In der Matrixdatei ist das der Unterschied zwischen «lästig, aber lebbar» und «strategisch unhaltbar».
Die Personen-Achse lässt sich nicht in einem Durchschnitt fassen. Wer Vermögen hat, ist definitionsgemäß ein ungewichteter Punkt in der Bevölkerung. Ein Rentner mit Aktienvermögen ist mobiler als ein Zahnarzt mit Praxis in Duisburg; ein Software-Unternehmer mit Kunden in San Francisco ist mobiler als der Zahnarzt und der Rentner zusammen. Die Personen-Achse entscheidet, ob der Push-Faktor überhaupt in Verhalten umschlagen kann. Deshalb bleibt der statistische deutsche Arbeiter — er kann nicht — und der statistische Unternehmer geht.
Die Basislinie-Achse ist die am wenigsten diskutierte und die entscheidendste. Die Basislinie Deutschlands ist nicht mehr, was sie war: Exportabhängigkeit von einem schwächelnden chinesischen Markt, nach dem russischen Angriff strukturell höhere Energiepreise, ein demografischer Pfad, auf dem die Leistungsträger-Kohorten in Rente gehen und die Staatsausgaben pro Kopf steigen. Wenn diese Basislinie im Konto eines Vermögenden dreißig Prozent schwerer wiegt als vor einem Jahrzehnt, dann ist jede Partei-Achse, die auch nur ein bisschen höher auf «Umverteilung» ausschlägt, der Kipppunkt.
Partei × Person × Basislinie = Projektion. Multipliziere eine erhöhte Umverteilungsintensität mit einer hohen persönlichen Mobilität mit einer sich verhärtenden Basislinie — und das Ergebnis ist nicht politisch. Das Ergebnis ist ein Flugzeugsitz.
Warum die Schweiz (noch) profitiert
Die NZZ macht aus dem Schweizer Gewinn eine positive Geschichte, aber in der Matrix ist er eine Ableitung. Die Schweiz ist nicht plötzlich attraktiver geworden; die umliegenden Länder sind es weniger. Solange die fiskalische Verlässlichkeit der Schweiz höher rangiert als jene Deutschlands, Frankreichs oder Großbritanniens, folgt der Zustrom zwangsläufig. Bemerkenswert ist, dass die NZZ selbst die erste Gegenkraft benennt: eine steigende Wegzugsbesteuerung auf Schweizer Boden, die Steuerinitiative, die mit einem Satz von 50% auf Erbschaften über fünfzig Millionen spekulierte. Auch die Schweiz beginnt ihre Basislinie zu verhärten. In der Matrix ist das ein Warnsignal mit rund drei Quartalen Verzögerung.
Italien macht es unter dem Radar spektakulärer. Die Anhebung der Flat Tax von 200.000 € auf 300.000 € hat den Zustrom Vermögender nicht gebremst; sie hat ihn beschleunigt. Der Grund: Die Gewissheit des Betrags wiegt schwerer als seine Höhe. Verlässlichkeit schlägt Progression — das ist eine Matrix-Erkenntnis, die jeder Steueranwalt sofort begreift und jeder Politiker sehr langsam.
Was das für Deutschland heißt
Deutschland steht heute am Anfang einer Kurve, die andere Länder bereits durchlaufen haben — Großbritannien seit dem non-dom-Aus, Frankreich seit den Vermögensteuer-Wellen der 2010er Jahre, Norwegen seit der jüngsten Verschärfung. Alle drei sind auf der Verliererliste geblieben. Nicht, weil sie schlechte Länder wären, sondern weil sie in der Matrix nicht eine der drei Achsen entlastet haben. Wer die deutsche Kurve stoppen will, muss eine Achse ernsthaft entlasten. Nicht drei — das wäre unehrlich. Aber eine, überzeugend genug, dass die Vermögenden das Modell wieder als kalkulierbar empfinden.
Das ist nicht katastrophisch gemeint. Es ist vorhersagbar gemeint. Die Matrix erhebt keine apokalyptischen Ansprüche; sie rechnet lediglich durch, was geschieht, wenn drei Achsen sich multiplizieren, ohne dass eine davon entlastet wird. Wer sich um das Nicht-Weggehen der Produktiven sorgt — und Het Open Vizier tut das —, muss irgendwo eine Achse entlasten. Steuerlast, Mobilitätsschwelle oder Basislinien-Verhärtung; wähle eine und entlaste sie ernsthaft. Tut man das nicht, dann verbleibt Deutschland auf der H&P-Verliererliste, und wir werden an dieser Stelle erklären, warum das rechnerisch keine Überraschung war.
Sieh selbst in die Matrix
Die Wahlfolgen-App rechnet die drei Achsen für den deutschen Fall durch und zeigt die Projektion über fünfzehn Jahre. Sieben Fragen — ein Ergebnis für dich.
Wahlfolgen öffnen