## 06 — Der Schweizer Spiegel\n\n*Wo die Schweiz bereits umsetzt, was die Niederlande noch erwägen — höhere Beamtengehälter, direkte Demokratie, kommunale Autonomie. Keine Blaupause, wohl aber ein Bezugspunkt.*\n\nWer einem Niederländer erzählt, dass der eidgenössische Schweizer Bondsraad jährlich 477.688 Franken verdient — umgerechnet etwa 505.000 Euro —, vernimmt meist zuerst Protest, dann Neid. Wer demselben Niederländer berichtet, dass 35.000 Landsleute in der Schweiz leben und dass sie dieses System gewiss nicht wählen, weil es arm wäre, der erntet Stille. Das Spannungsfeld zwischen diesen beiden Reaktionen bildet den Kern des Dialogs zwischen Nova Democratia und der Schweiz.\n\nWo die Schweiz Nova Democratia bereits verwirklicht\n\nKeine Balkenende-Norm\n\nDie Schweiz kennt keine Gehaltsobergrenze für öffentliche Funktionen. Bondsraad-Mitglieder 477.688 CHF, Spitzenbeamte bis zu 405.000 CHF. Der Effekt ist messbar: Die Schweiz zieht strukturell die höchste Qualität für öffentliche Posten an, auch weil die private Alternative nicht fortwährend lockt. Was die Niederlande mit der Balkenende-Norm blockieren — Toptalente, die in die Wirtschaft oder ins Ausland abwandern —, löst die Schweiz, indem sie schlichtweg marktkonforme Vergütungen zahlt.\n\nKommunale Autonomie als Regel, nicht als Ausnahme\n\nSchweizer Gemeinden verfügen über echte fiskalische Autonomie und eigene Gesetzgebungsbefugnisse innerhalb kantonaler Grenzen. Was die BBB in den Niederlanden erstmals vorschlägt — eine Dezentralisierung mit Verfassungsreform —, ist in der Schweiz seit 1848 gelebte Praxis. Die zweite Phase von Nova Democratia, mit einer Finanzierung pro Einwohner und Verwaltungsebene, kopiert dies in Teilen.\n\nDirekte Demokratie als System\n\nFederale Referenden über Gesetze, kantonale Abstimmungen viermal im Jahr, Gemeindeversammlungen. Was in den Niederlanden als „direkte Demokratie“ bezeichnet und als Experiment abgetan wird, ist in der Schweiz die Hauptform. Nicht ohne Kosten — die Abstimmungsbeteiligung variiert stark —, jedoch mit nachweisbaren Ergebnissen im Bereich der Bürgerbeteiligung und der Legitimation von Gesetzen.\n\nWo die Niederlande bewusst abweichen\n\nDrei Punkte, an denen Nova Democratia nicht der Schweizer Route folgt und die Pareto-Analyse die Abweichung rechtfertigt.\n\nKeine kollegiale Führung, sondern Einzelleitung mit Deselektion\n\nDer Schweizer Bondsraad besteht aus sieben gleichberechtigten Mitgliedern, bei denen der Vorsitz jährlich rotiert. Dies ist gut praktikabel für ein Land mit einer starken Konsenstradition. Die Niederlande besitzen diese Tradition nicht — Polder-Verhandlungen enden allzu oft in geteilter Verantwortung ohne Letztverantwortlichen. Nova Democratia entscheidet sich daher für eine Einzelleitung mit KPI-Deselektion bei unzureichender Leistung. Das Risiko der Schweiz: Niemand ist persönlich rechenschaftspflichtig. Das Risiko von Nova Democratia: Eine zu große Machtkonzentration. Der Entwurf begegnet dem mit einem Bürgerratsmandat und einer Sanktionseskalation.\n\nEinführung von Sunset-Gesetzen\n\nDie Schweiz kennt kein automatisches Erlöschen von Gesetzen. Der niederländische Gesetzesbestand ist weit umfangreicher, komplexer und stärker mit EU-Ebenen verflochten. Ohne Sunset-Klauseln wird die niederländische Gesetzgebung weiterhin verstopfen — ein Problem, das in der Schweiz aufgrund von Referenden, die schlechte Gesetze frühzeitig korrigieren, weniger stark ausgeprägt ist. Da den Niederlanden diese Korrektur fehlt, benötigt das Land Sunset-Gesetze.\n\nEinstufung Brüssels unter die öffentliche Ordnung\n\nDie Schweiz steht außerhalb der EU und konnte daher das institutionelle Brussel zurückweisen — man betrachte das Bilateralen-III-Paket vom April 2026. Die Niederlande befinden sich innerhalb der EU. Position B aus Episode Null — die Einstufung des EU-Rechts unter die öffentliche Ordnung — ist die niederländische Antwort auf ein Problem, das die Schweiz anders gelöst hat. Nicht identisch, aber funktionell äquivalent.\n\n> Die Schweiz beweist, dass vieles von Nova Democratia funktioniert. Doch sie beweist auch, dass die Niederlande eigene Lösungen für Probleme benötigen, welche die Schweiz so nicht kennt.\n\nDie Einkommensgeschichte\n\nDer Niederländer nennt die Schweiz teuer, doch der Schweizer Medianlohn liegt deutlich über dem niederländischen. Bondsraad-Mitglieder verdienen 505.000 Euro pro Jahr; Spitzenbeamte 430.000 Euro. In den Niederlanden gilt die Balkenende-Norm von 246.000 Euro für öffentliche Spitzenfunktionen. Dieser Unterschied ist nicht nur statistischer Natur, er ist psychologisch: 35.000 Niederländer leben in der Schweiz und entscheiden sich bewusst dafür. Ihr Handeln widerlegt den Einwand, den sie selbst vielleicht rhetorisch erheben.\n\nFür Nova Democratia ist diese Einkommensgeschichte einer der stärksten medialen Hebel. Sie macht die abstrakte Erzählung über die Balkenende-Norm und KPI-Belohnung konkret und attraktiv, anstatt bedrohlich zu wirken. Die Niederlande können wählen, ob sie weiterhin verdienen wollen, was sie bisher verdienen, oder ob sie sich dem anschließen, was in vergleichbaren Ländern normal ist.\n\nOpen Vizier · novademocratia.com · Arbeitsmaterial · Jacobus van Merksteijn · Juni 2026