BUCH ZWEI
Diakrisis — das Buch der Unterscheidung
Vierundvierzig Erzählungen in zwölf Teilen
CHRONESIS · PHILOTIMOS · ALETHERIS · TIMARIS
Wer die vier Säulen trägt,
wird von den vier Säulen getragen.
Doch der Grund, auf dem sie stehen,
muss überprüft werden.
Dies ist das zweite Buch der Kosaris. Das erste Buch ist das Buch des heiligen Kosus und handelt von vier Dingen: Zeit, Liebe, Wahrheit und Respekt. Wer jenes Buch nicht gelesen hat, kann dieses Buch lesen, doch ihm entgeht, worauf es ruht.
Buch Eins erzählt, wie die vier Säulen gefunden wurden. Dieses Buch handelt von dem, was danach geschah.
Denn es geschah etwas, das niemand vorausgesehen hatte. Das Buch wurde gelesen. Es wurde in tausend Häusern vorgelesen, abgeschrieben und übersetzt, und die Sätze, die Demira an einer Theke gesagt hatte, während sie bis zu den Ellenbogen im Mehl steckte, wurden zu Vorschriften.
Nichts ging verloren. Jedes Wort blieb stehen, wie es stand.
Nur prüfte niemand mehr, ob es noch stimmte.
Dieses Buch handelt von der Unterscheidung zwischen dem, was feststeht, und dem, was angenommen ist, und von der Bereitschaft, diese Unterscheidung auch sich selbst gegenüber zu treffen. In diesem Buch heißt das Diakrisis. Es ist keine fünfte Säule. Es ist das, was man tut, bevor man zu tragen beginnt: Man prüft, ob der Boden trägt.
Die Erzählungen enden nicht mit "Der Kosus sagt". Kosus ist tot und sagt nichts mehr. Sie enden mit einer Frage und mit vier Worten.
Diese vier Worte sind das Schwerste in diesem ganzen Buch. Sie stehen dort nicht, um jemanden freizusprechen. Sie stehen dort, weil es wahr ist und weil es die Sache nur noch schlimmer macht.
———
Und niemand hatte gelogen.
Teil I
Worin das Buch des Kosus in ganz Europa gelesen wird und Klytia ihre eigenen Worte als Vorschrift wiederhört.
Erzählung 1
Am Kai stand ein Stuhl, auf dem Kosus gesessen hatte. Niemand hatte beschlossen, dass er dort stehen bleiben musste. Er stand dort, und man ließ ihn stehen.
Der Hafenmeister wischte ihn jeden Morgen ab. Zuerst tat er es, weil er es nicht ertragen konnte, dass Seevögel darüber hinweggegangen waren. Später tat er es, weil er es immer tat.
Anthea sah ihn dabei, als sie vierzig war. Sie stand bei den Netzen und sah zu, wie er das Tuch dreimal über die Sitzfläche führte, immer dreimal, und das Tuch danach gegen die Kaimauer ausschlug.
"Warum tun Sie das?" fragte sie.
Er blickte auf. "Weil es sein muss."
"Von wem aus?"
Er dachte nach. Er dachte länger nach, als die Frage es verdiente, und das bemerkte er selbst auch.
"Das weiß ich nicht", sagte er schließlich. "Ich tue es seit elf Jahren."
Anthea nickte und ging weiter. An jenem Tag dachte sie nicht mehr an den Stuhl. Doch sieben Jahre später, als etwas schiefgegangen war, das niemand hatte voraussehen können, dachte sie daran zurück, und da wusste sie, dass es dort begonnen hatte.
Nicht bei einer Lüge. Bei einem Mann, der etwas Gutes tat und nicht mehr wusste, warum.
Was tun Sie jeden Tag, weil es sein muss?
Und niemand hatte gelogen.
Erzählung 2
Klytia war alt. Sie ging noch, aber nicht weit, und donnerstagabends ging sie zum Haus der Witwe in der Salzstraße, weil man dort vorlas.
Vierzehn waren es an jenem Abend. Ein junger Mann las. Er las gut, gelassen, und ließ an den Stellen, an denen Stille hingehörte, Stille einkehren.
Er las die Erzählung vom Mehlsack. Klytia kannte sie. Sie war dabei gewesen, als Demira sie Kosus erzählt hatte, am Ladentisch, mit Mehl an den Armen bis zu den Ellbogen.
Der junge Mann las: "Was auf dem Papier stimmt, aber auf der Waage nicht, stimmt nicht."
Ein zustimmendes Geräusch ging durch den Raum. Jemand nickte langsam. Eine Frau sagte leise: "So ist es."
Und Klytia saß dort und spürte etwas Kaltes.
Denn so hatte es nicht geklungen. Als Demira es gesagt hatte, war es kein Gesetz gewesen. Es war eine Frau gewesen, die drei Lieferanten verloren und vier neue gefunden hatte und in jenem Monat beinahe daran zugrunde gegangen wäre. Es war etwas gewesen, das ihr widerfahren war, und sie hatte es aufgeschrieben, damit es einem anderen nicht widerfahren musste.
Nun war es ein Satz, den man zitierte.
Klytia sagte nichts. Was hätte sie sagen sollen? Der junge Mann hatte nichts falsch gemacht. Wort für Wort hatte er gelesen, was dort stand.
Auf dem Rückweg stützte sie sich auf ihren Stock und dachte: Es steht noch genau so da, wie es dagestanden hatte. Und es ist etwas anderes geworden.
Wann wird ein wahrer Satz zu einem Satz, den niemand mehr prüft?
Und niemand hatte gelogen.
Erzählung 3
In der Schule am Kai hingen die vier Worte an der Wand. CHRONESIS · PHILOTIMOS · ALETHERIS · TIMARIS. Sie waren von Hand auf ein Brett geschrieben, und das Brett hing dort schon so lange, dass das Holz an den Stellen dunkel geworden war, an die die Sonne nicht gelangte.
Der Lehrer fragte die Klasse, was CHRONESIS bedeutete.
Elf Hände gingen hoch. Er wies auf eine. Das Mädchen sagte: "Zeit, die man einem anderen schenkt."
"Gut", sagte der Lehrer.
Hinten in der Klasse saß ein achtjähriges Mädchen, das die Hand nicht gehoben hatte. Ohne die Hand zu heben, fragte sie: "Wann haben Sie das zuletzt getan?"
Der Lehrer sah sie an.
Es blieb still in der Klasse. Es blieb so lange still, dass die Kinder sich unbehaglich fühlten und zu rutschen begannen.
"Gestern", sagte der Lehrer schließlich. "Glaube ich."
"Wissen Sie es nicht?"
"Nein", sagte er. "Ich weiß es nicht."
Er hätte lügen können. Niemand hätte es bemerkt, und die Stunde wäre gerettet gewesen. Er tat es nicht, und das ist der Grund, weshalb diese Erzählung aufgeschrieben wurde.
Jenen Abend saß er lange an seinem Tisch. Er kannte alle vier Worte. Er konnte sie erklären, er konnte sie buchstabieren, er konnte erzählen, aus welcher Erzählung sie stammten.
Und er konnte sich an keine einzige Stunde des vergangenen Monats erinnern, die er jemandem geschenkt hatte, ohne etwas dafür zurückzubekommen.
Können Sie das Wort erklären, oder können Sie es tun?
Und niemand hatte gelogen.
Teil II
Worin man zu bemerken beginnt, dass die selbstverständlichen Dinge einst von jemandem beschlossen wurden, und manchmal von niemandem.
Erzählung 4
Der Weg am Hafen entlang wurde aufgerissen. Eine Kolonne mit Maschinen kam, und sie trugen das schwarze Zeug ab und brachten neues schwarzes Zeug darauf.
Ein fünfjähriger Junge sah zu. Er sah einen ganzen Nachmittag lang zu.
Am Abend fragte er seinen Vater, warum ein Weg schwarz sei.
„Weil Wege schwarz sind“, sagte sein Vater.
„Ja“, sagte der Junge. „Aber warum?“
Sein Vater legte die Zeitung beiseite. Er war kein dummer Mann und kein ungeduldiger Mann, und er bemerkte, dass er es nicht wusste.
Sie fragten den Vorarbeiter. Der Vorarbeiter sagte, es heiße Bitumen und stamme aus Erdöl.
„Und warum baut man daraus Wege?“
„Weil es klebt.“
„Ja“, sagte der Junge. „Aber warum?“
Der Vorarbeiter lachte und sagte, das müsse er jemanden fragen, der studiert habe. Also fragten sie den Ingenieur, und der Ingenieur sagte, dass Bitumen übrig bleibe, wenn man aus Erdöl das Benzin und das Kerosin und den Diesel herausgeholt habe. Was dann unten im Kessel zurückbleibe, sei Bitumen.
„Also ist es das, was übrig bleibt“, sagte der Vater.
„Ja.“
„Und wer hat beschlossen, dass man daraus Wege baut?“
Der Ingenieur dachte nach. „Niemand“, sagte er schließlich. „Es lag da, und es klebte.“
Der Vater ging mit seinem Sohn an der Hand nach Hause und sagte den ganzen Weg über nichts.
Er war sechsundvierzig Jahre lang auf diesem Weg gegangen.
Wie vieles von dem, was Sie selbstverständlich finden, wurde niemals von jemandem beschlossen?
Und niemand hatte gelogen.
Erzählung 5
Hinter dem Hafen lag eine hölzerne Brücke über den Kanal. Dort stand ein Pfosten mit einem Schild, und auf dem Schild stand, dass die Brücke nicht betreten werden durfte.
Das Schild war so alt, dass die Buchstaben braun geworden waren. Jeder ging außen herum. Das kostete sieben Minuten.
Das achtjährige Mädchen ging an einem Dienstag hinüber.
Sie tat es nicht aus Trotz. Sie tat es, weil sie es eilig hatte und weil sie vergaß, dass man es nicht durfte.
Nichts geschah. Die Brücke knarrte nicht einmal.
Auf der anderen Seite stand ein alter Mann und angelte, der sie hatte hinübergehen sehen. Er sagte nichts, aber er sah ihr nach, bis sie außer Sicht war.
Am nächsten Tag fragte sie den Hafenmeister, warum man die Brücke nicht betreten dürfe.
Der Hafenmeister schlug es nach. Es dauerte drei Tage. In einem Schrank auf dem Dachboden des Rathauses fand er einen Beschluss aus einem Jahr, das niemand mehr nennt. Darin stand, dass die Brücke gesperrt worden war, weil der dritte und der vierte Balken beschädigt waren.
Dem Beschluss lag eine Rechnung bei. Die Balken waren ersetzt worden. Elf Monate später.
Das Schild war stehen geblieben.
„Sechsunddreißig Jahre“, sagte der Hafenmeister. Er sagte es zweimal, als würde es beim zweiten Mal weniger werden.
Er rechnete es auf der Rückseite des Beschlusses aus: Wenn jeden Tag vierzig Menschen außen herumgingen, sieben Minuten hin und sieben zurück, dann hatte dieses Schild in sechsunddreißig Jahren beinahe dreißig Jahre an Gehzeit gekostet.
Und mit der Brücke war nichts falsch.
Welches Schild in Ihrem Leben steht noch, obwohl die Balken längst ersetzt sind?
Und niemand hatte gelogen.
Erzählung 6
Auf der Landseite des Dorfes musste ein Brunnen gebohrt werden, und es gelang nicht.
In der Versammlung zählte man auf, was im Weg stand. Es waren fünf Dinge.
Eine alte Frau, die bei Klytias Großvater Rechnen gelernt hatte, saß hinten und hörte zu. Als alle ausgesprochen hatten, stand sie auf und sagte, dass nicht fünf Dinge im Weg stünden, sondern fünf Arten von Dingen, und dass man sie nicht durcheinanderbringen dürfe.
„Das erste ist Stein“, sagte sie. „Unter diesem Acker liegt Fels. Darüber lässt sich nicht reden. Den nimmt man an.“
„Das zweite ist Papier. Eine Genehmigung ist erforderlich. Das ist nicht schwierig, das ist langsam. Jemand muss sich hinsetzen und sie beantragen.“
„Das dritte ist Gewohnheit. Man sagt, dass auf diesem Grund noch nie gebohrt worden ist. Das stimmt. Es ist kein Grund.“
„Das vierte wissen wir nicht. Niemand weiß, wie tief das Wasser liegt. Das ist keine Mauer, das ist ein Loch. Dafür braucht es eine Messung.“
„Und das fünfte“, sagte sie, „ist, dass der Besitzer des Landes und der Schmied seit elf Jahren nicht miteinander sprechen. Das ist das Einzige, was heute Abend niemand genannt hat, und es ist das Einzige, was den Brunnen aufhält.“
Man schwieg.
Die Genehmigung kam in sechs Wochen. Die Messung kam in zwei Tagen. Der Fels war tatsächlich da, und man grub daneben.
Der Besitzer und der Schmied gaben einander im dritten Jahr die Hand, bei einer Beerdigung.
Im vierten Jahr wurde der Brunnen fertig.
Von welcher Art ist die Mauer, gegen die Sie laufen?
Und niemand hatte gelogen.
Erzählung 7
Auf der anderen Seite der Bucht lag ein Dorf, in dem man presste. Sie pressten Öl aus Samen, und was übrig blieb, nannten sie Presskuchen.
Im Dorf auf dieser Seite nannte man dasselbe Zeug Abfall.
Es war derselbe Stoff. Er kam aus derselben Presse, von demselben Samen, im selben Jahr.
Auf der anderen Seite verfütterte man ihn an die Ziegen, und die Ziegen gaben Milch. Hier fuhr man ihn zur Deponie, und man bezahlte pro Ladung, um ihn loszuwerden.
Anthea kam durch eine Rechnung dahinter. Sie saß in der Klinik, und ein Bauer kam mit einer aufgerissenen Hand herein, und während sie sie verband, klagte er darüber, was er im Jahr dafür bezahlte, seinen Abfall abholen zu lassen.
„Was ist es?“, fragte Anthea.
„Dreck“, sagte der Bauer. „Was übrig bleibt.“
„Woraus besteht es?“
Das wusste er nicht.
Sie begannen, es zu wiegen, und es wurde untersucht, und es stellte sich heraus, dass es zu beinahe einem Drittel aus Eiweiß bestand.
Dann begann der schwierige Teil. Denn um es an Ziegen verfüttern zu dürfen, durfte es nicht länger Abfall heißen, und damit es nicht länger Abfall hieß, brauchte man ein Papier, und um dieses Papier zu bekommen, musste jemand nachweisen, dass es kein Abfall war.
Das dauerte zwei Jahre.
Der Stoff veränderte sich in diesen zwei Jahren nicht um ein Körnchen.
Nur das Wort veränderte sich, und als sich das Wort veränderte, veränderte sich alles.
Wie vieles von dem, was Sie wegwerfen, trägt nur den falschen Namen?
Und niemand hatte gelogen.
Erzählung 8
In der Bäckerei am Hafen stand noch immer Demiras Waage. Sie stand auf dem Brett rechts vom Ofen, und sie war sauber.
Sie wurde nicht mehr benutzt.
Das geschah nicht aus Nachlässigkeit. Der Neffe, der die Bäckerei übernommen hatte, war ein sorgfältiger Mann. In den ersten vier Jahren hatte er die Säcke gewogen, jeden einzelnen, wie es sich gehörte.
Dann war der Lieferant gestorben und seine Tochter hatte übernommen, und sie war eine Frau, die ihre Angelegenheiten in Ordnung hielt, und in neun Jahren hatte es keinen Sack gegeben, der nicht stimmte.
Also hatte er aufgehört zu wiegen.
Er hatte dafür einen guten Grund, und der Grund war wahr.
Was er nicht wusste und nicht hatte wissen können, weil er nicht nachgefragt hatte, war, dass die Tochter ihr Mehl seit zwei Jahren nicht mehr von derselben Mühle bezog.
Nichts ging schief. Das ist das Unangenehme an dieser Geschichte.
Das Mehl war gut, das Brot war gut, und niemals war jemand benachteiligt worden.
Doch als Anthea ihn fragte, warum er nicht mehr wog, sagte er: „Weil es nicht nötig ist.“
Und als sie fragte, woher er das wisse, war seine Antwort neun Jahre alt.
Worauf beruht das Vertrauen, das Sie nicht mehr überprüfen?
Und niemand hatte gelogen.
Teil III
Worin gute Arbeit an einem falsch gestellten Auftrag geleistet wird und man lernt, dass der Fehler selten in der Arbeit liegt.
Erzählung 9
Alkion war zweiundachtzig, und seine Hände waren noch gut.
Man bat ihn, eine Tür für das neue Gebäude am Kai anzufertigen, in dem die Netze aufbewahrt werden sollten. Er bat um die Maße. Man gab sie ihm auf einem Zettel.
Er arbeitete elf Wochen daran.
Es war die schönste Tür, die er je gemacht hatte, und er wusste es. Das Holz stammte aus einem einzigen Stamm. Die Verbindungen waren so dicht, dass kein Messer dazwischenpasste. Die Schwelle hatte er schräg bearbeitet, damit das Regenwasser ablaufen würde, ohne in die Fuge zu ziehen, und das hatte er von niemandem gelernt.
An dem Tag, an dem er sie einhängen wollte, passte sie nicht.
In der Höhe fehlten elf Zentimeter. Die Tür war nach dem Zettel gefertigt worden, der Zettel nach der Zeichnung, und die Zeichnung war älter als das Fundament, denn man hatte das Gebäude während des Baus wegen des Wassers tiefer gesetzt.
Jeder hatte seine Arbeit gut gemacht. Der Maurer hatte recht gehabt, tiefer zu gehen. Der Mann mit der Zeichnung hatte die Zeichnung nicht ändern müssen, denn man hatte ihm nichts davon gesagt. Alkion hatte angefertigt, was dort stand.
Mit der Tür war nichts falsch.
Er wollte sie nicht anpassen. Man bot an, sie an der Oberseite abzusägen, und er sagte nein. Er nahm sie mit nach Hause und stellte sie an die Wand seiner Scheune, und dort stand sie, bis er starb.
Als er drei Wochen vor seinem Tod mit Anthea in der Sonne saß, sagte er: "Ich habe elf Wochen an der Antwort gearbeitet. Eine halbe Stunde habe ich der Frage nicht gegeben."
Wie lange arbeiten Sie an der Antwort, bevor Sie die Frage noch einmal lesen?
Und niemand hatte gelogen.
Erzählung 10
Die Hafenkasse wollte den Kai besser beleuchten, denn nachts war jemand ins Wasser gefallen.
Die erste Lampe kostete wenig, und sogleich war es ein gutes Stück heller. Man sah, wohin man trat.
Doch bei der nördlichen Anlegestelle blieb eine dunkle Ecke, und so kam eine zweite Lampe hinzu. Sie kostete etwas mehr, denn ein Kabel musste verlegt werden.
Hinter dem Lager blieb ein Schatten. Dritte Lampe. Nun musste gegraben werden.
Und nach der dritten Lampe gab es noch immer einen Ort, an dem man nichts sah, und die vierte Lampe würde mehr kosten als die ersten drei zusammen, denn dort verlief die Leitung nicht, und darunter lag Fels.
Der Schatzmeister war ein stiller Mann. Er setzte die vier Beträge untereinander und sah sie an.
"Das stimmt nicht", sagte er.
"Es stimmt wohl", sagte der Bauunternehmer. "Ich habe es dreimal nachgerechnet."
"Ich meine nicht Ihre Rechnung. Ich meine: Wenn ein Schritt doppelt so viel kostet wie der vorherige und der nächste wieder, dann tun wir das Falsche."
Man sah ihn an.
"Wir beleuchten den Kai", sagte er. "Warum?"
"Weil jemand ins Wasser gefallen ist."
"Wo ist er gefallen?"
Das wusste niemand. Man ging der Sache nach. Er war am dritten Poller der Südseite gefallen, und dort war Licht. Er war gefallen, weil der Poller locker saß.
Der Poller wurde für beinahe nichts befestigt.
Die vierte Lampe kam nie.
Was sagen Ihnen Ihre steigenden Kosten über Ihre Frage?
Und niemand hatte gelogen.
Erzählung 11
Auf dem Markt stand ein Wäger mit einer Waage, und er war ehrlich. Jeder wusste, dass er ehrlich war. Er ließ den Kunden stets die Nadel beobachten.
Und dennoch stimmte etwas nicht, denn die Fischer schnitten schlechter ab als die Bauern, Jahr für Jahr.
Nikos, der jung war und erst seit kurzem ein Boot besaß, stellte sich hin und sah zu. Er stand dort drei Marktmorgen lang.
Am dritten sah er es.
Der Wäger legte den Fisch in die linke Schale und die Gewichte in die rechte. Bei den Bauern legte er das Gemüse in die rechte Schale und die Gewichte in die linke. Er tat das, weil er rechts stand und es so leichter ging.
Die Waage war nicht rein. Sie war seit Jahren, seit sie umgefallen war, um eine halbe Unze aus dem Gleichgewicht.
Bei den Bauern fiel das zu ihren Gunsten aus. Bei den Fischern fiel es zu ihrem Nachteil aus.
Der Wäger hatte es nicht gewusst. Als man es ihm zeigte, wurde er bleich und setzte sich.
Er hatte tausendmal auf die Nadel gesehen, und die Nadel hatte tausendmal die Wahrheit darüber gesagt, was in den Schalen lag.
Er hatte nie darauf gesehen, welche Schale welche war.
Sehen Sie auf die Nadel oder darauf, was in welcher Schale liegt?
Und niemand hatte gelogen.
Erzählung 12
Ein Landvermesser kam wegen des Feldes hinter der Kirche, denn man wollte dort etwas bauen.
Er hatte gutes Werkzeug und ließ sich Zeit. Er maß das Feld bis auf den Zoll aus. Er zeichnete es auf großes Papier, mit den Winkeln in Grad und Minuten, und man sah, dass er sein Handwerk verstand.
Zwei Tage war er damit beschäftigt.
Als er fertig war, kam das achtjährige Mädchen quer über das Feld gelaufen, wie Kinder eben laufen. Sie blieb an seinem Tisch stehen und sah auf die Zeichnung.
"Wo ist das Gefälle?", fragte sie.
Der Landvermesser blickte auf.
"Es gibt kein Gefälle."
"Wenn ich von dort nach hier gehe", sagte sie und zeigte, "gehe ich bergab. Wenn ich zurückgehe, muss ich mit den Beinen drücken."
Er war nicht darüber hinweggegangen. Er hatte dort gestanden, wo sein Stativ stand, und durch sein Fernrohr gesehen, und das Fernrohr hatte ihm alles erzählt, wonach er gefragt hatte.
Das Feld fiel ab. Nicht stark. Stark genug, dass sich nach dem Regen Wasser darauf hielt.
Man hat dort nicht gebaut.
Sind Sie selbst darüber hinweggegangen?
Und niemand hatte gelogen.
Erzählung 13
Die Bürgermeisterin nach Sofia war eine gute Bürgermeisterin. Sie führte das Dashboard, wie es sich gehörte, und erreichte ihre Ziele.
Alle zehn Kennzahlen lagen in jenem Jahr über dem Soll. Es war das beste Jahr, seit man die Zahlen führte.
Und in demselben Jahr verließen neunzehn junge Menschen das Dorf.
Sie ging der Sache nach. Im Jahr zuvor waren es siebzehn gewesen und im Jahr davor zwanzig. Nichts hatte sich verändert.
Sie ging alle zehn Ziele durch und sah nach, ob eines davon dies hätte auffangen müssen.
Beschäftigung: Es gab Arbeit. Wohnen: Es gab Häuser. Bildung: gut. Versorgung: gut. Sicherheit, Kultur, Zusammenhalt: alles grün.
In der Versammlung sagte sie: "Ich habe alles erreicht, was wir zu erreichen vereinbart haben. Und das Dorf leert sich."
Jemand sagte, dann stimmten die Zahlen vielleicht nicht.
"Die Zahlen stimmen", sagte sie. "Ich habe sie dreimal nachrechnen lassen. Genau das ist ja das Ärgerliche."
Zwei Jahre lang dachte sie darüber nach. Zuletzt schrieb sie einen einzigen Satz darüber in den Bericht, und dieser Satz wirkte länger nach als all ihre Zahlen:
Wenn alles, was wir messen, gut dasteht und es schlecht geht, dann messen wir das Falsche.
Was würde schiefgehen, während all Ihre Zahlen gut dastehen?
Und niemand hatte gelogen.
Teil IV
Worin man entdeckt, dass der kleine Eingriff weiter führt als der große und dass die Reihenfolge wichtiger ist als die Kraft.
Erzählung 14
Es gab eine Quelle und zwei Äcker, und die beiden Bauern, die sie bestellten, waren Brüder.
Jedes zweite Jahr bekam der eine das Wasser und der andere nicht. In den Jahren, in denen einer von ihnen das Wasser nicht bekam, erntete er weniger als die Hälfte. Sie hatten siebzehn Jahre lang darüber gestritten, und beide waren dadurch ärmer geworden.
Man hatte versucht, die Quelle tiefer zu machen. Das brachte nicht mehr Wasser. Man hatte versucht, eine zweite Quelle zu schlagen. Es gab keine zweite Quelle. Man hatte versucht, das Wasser halb und halb zu teilen, und da ernteten beide zu wenig.
Theia war elf. In jenem Sommer war sie bei ihrem Onkel auf dem Acker, und sie sah, dass das Wasser am Nachmittag gegeben wurde, wenn es am dringendsten nötig zu sein schien.
Sie fragte, warum.
"Weil der Boden dann trocken ist."
"Aber dann ist es auch am heißesten", sagte sie.
Man begann, es nachts zu geben.
In der Luft ging beinahe nichts mehr verloren. Es blieb genug für beide Äcker.
Es hatte nichts gekostet. Es hatte siebzehn Jahre gedauert.
Der ältere Bruder sagte später darüber, er habe siebzehn Jahre lang auf die Quelle geblickt. Kein einziges Mal hatte er zum Himmel gesehen.
Suchen Sie mehr Wasser oder weniger Verdunstung?
Und niemand hatte gelogen.
Erzählung 15
Der Schmied brauchte eine Mischung, die den Boden der Schmiede tragen konnte und von der Hitze nicht riss. Alles, was er versuchte, riss.
Er machte die Mischung nasser. Sie riss. Er machte sie trockener. Sie riss anders. Er holte anderen Sand aus einer anderen Grube und bezahlte das Doppelte dafür. Sie riss.
Vier Monate beschäftigte er sich damit, und in diesen vier Monaten hatte er den ganzen Boden dreimal neu gegossen.
Eine alte Frau aus dem Dorf, die nichts von Böden verstand, aber viel von Öfen, kam, um sich das anzusehen. Sie saß auf einem Schemel im Torbogen und sagte lange nichts.
Dann sagte sie: "Tu Asche hinein."
"Asche?"
"Eine Handvoll auf einen Eimer. Nicht mehr."
Er hielt es für Unsinn und tat es trotzdem, denn er war müde.
Er riss nicht.
Sie konnte ihm nicht erklären, warum. Sie sagte nur, dass ihre Mutter das beim Ofenbett immer so gemacht habe und dass ein Ofen ebenfalls heiß werde.
Später untersuchte es jemand, und es stellte sich heraus, dass es einen Grund dafür gab, und dieser Grund füllte drei Seiten.
Der Schmied hatte vier Monate lang versucht, die ganze Masse zu verändern.
Was half, war etwas anderes, in kleiner Menge, gut verteilt.
Verändern Sie das Ganze oder das Wenige, das das Ganze bestimmt?
Und niemand hatte gelogen.
Erzählung 16
Im Hafen lagen zwei Boote, die im selben Jahr gebaut worden waren.
Das eine war schnell. Es lag hoch im Wasser, hatte wenig Widerstand, und bei gutem Wind war es an den Sandbänken, bevor das andere die Molen hinter sich gelassen hatte.
Das andere war langsam. Es lag tief und schwer und war mit einem geschlossenen Vorschiff gebaut, das die See darüber hinweg laufen ließ, statt sie aufzuhalten.
Elf Jahre lang gewann das schnelle. Elf Jahre lang verdiente es mehr, und der Besitzer des langsamen musste es sich anhören.
Im zwölften Jahr kam im Oktober ein Sturm, den niemand erwartet hatte, auch Alkion nicht, und der neunzehn Stunden dauerte.
Das schnelle Boot kehrte nicht zurück. Die Besatzung schon; sie wurde aufgefischt.
Das langsame lag am nächsten Morgen mit einem zerrissenen Segel und sonst nichts am Kai.
Damals zog niemand eine Lehre daraus, und niemand sagte, man hätte es wissen können. Elf Jahre lang war es vernünftig gewesen, das schnelle zu bauen.
Doch als Nikos sein erstes Boot bauen ließ, ging er nicht von einem guten Tag aus.
Man fragte ihn, warum er so schwer baue.
Er sagte: "Ich baue für die neunzehn Stunden."
Entwerfen Sie für den guten Tag oder für den schlechtesten?
Und niemand hatte gelogen.
Erzählung 17
Neues Saatgut kam ins Dorf. Es versprach viel: höheren Ertrag, weniger Wasser, und es sollte den Boden festhalten.
Die Bauern wollten es sofort. Sie hatten ein schlechtes Jahr hinter sich, und dies war etwas, woran man sich klammern konnte.
Einer von ihnen, der Älteste, säte eine Ecke damit ein. Eine halbe Morgen Land, hinter dem Graben, wo der Boden ohnehin nicht viel hergab.
Man lachte ihn aus. Man sagte, er habe Angst.
Das Saatgut gedieh gut. Es ging auf, stand hoch und hielt den Boden fest, wie versprochen.
Und im dritten Jahr kam ein Pilz, den man hier nicht kannte, der in diese Pflanze kroch und nicht wieder herausging.
Der älteste Bauer verlor einen halben Morgen Land.
Die anderen verloren ihre Ernte und mussten zwei Jahre warten, bis der Boden wieder sauber war.
Als man ihn später fragte, woher er es gewusst habe, sagte er, dass er es nicht gewusst habe.
"Ich wusste nichts", sagte er. "Ich wusste nur, was es kosten durfte, wenn ich mich irrte."
Was kostet es, wenn Sie sich irren, und können Sie das bezahlen?
Und niemand hatte gelogen.
Erzählung 18
Am Südufer musste ein neuer Steg entstehen. Fünf Dinge waren nötig, bevor ein einziger Pfahl in den Boden konnte.
Man begann mit dem ersten, denn das schien logisch: zuerst der Boden, dann das Holz, dann die Genehmigung, dann das Geld, dann die Männer.
Beim Boden kam man nicht weiter, denn der Eigentümer war gestorben, und die Erbschaft lag bei einem Notar in der Hauptstadt.
Man wartete sieben Monate.
In diesen sieben Monaten geschah nichts, denn alles, was zu tun war, kam der Liste zufolge erst später.
Theia war damals dreizehn und saß dabei, weil ihr Vater im Ausschuss saß. Sie hatte die Liste gesehen und verstand nicht, warum man in dieser Reihenfolge vorging.
"Für welches der fünf Dinge brauchen Sie jemand anderen?", fragte sie.
Man rechnete es nach. Für den Boden und für die Genehmigung brauchte man jemand anderen. Für das Holz, das Geld und die Männer nicht.
Sie kauften das Holz, legten das Geld zusammen und stellten die Männer zusammen, während der Notar tat, was Notare tun.
Als das Papier endlich da war, lag das Holz bereits trocken unter einer Plane.
Seitdem macht man in jenem Dorf zwei Listen. Auf der einen steht, was man selbst tun kann. Auf der anderen steht, worauf man warten muss.
Man beginnt immer mit der ersten Liste.
Was auf Ihrer Liste können Sie heute tun, ohne die Erlaubnis eines anderen?
Und niemand hatte gelogen.
Teil V
Worin man lernt aufzuschreiben, was man nicht weiß, und sich zeigt, dass Eingestehen schneller ist als Rechtbehalten.
Erzählung 19
Anthea führte in der Klinik ein Buch. Für jeden Patienten vermerkte sie, was getan und was gesehen worden war.
Bei einem alten Fischer mit Atemnot schrieb sie auf, was sie gemessen hatte, und ließ danach eine Zeile frei.
Der Arzt sah es und fragte, was diese leere Zeile bedeute.
"Da ist etwas", sagte Anthea. "Ich weiß nicht, was. Er atmet anders als die anderen mit demselben Leiden. Ich kann es nicht benennen, also schreibe ich es nicht auf."
"Dann schreiben Sie auf, was Sie denken."
"Nein", sagte sie. "Wenn ich aufschreibe, was ich denke, steht es in zehn Jahren als etwas da, das festgestellt worden ist."
Der Arzt fand es nachlässig und ließ es dabei bewenden.
Elf Jahre später kam eine junge Ärztin, die die alten Bücher durchsah, weil im Dorf etwas mit den Lungen der Fischer vor sich ging und sie nach einem Muster suchte.
Was sie fand, waren sieben leere Zeilen. Siebenmal, bei sieben verschiedenen Menschen, hatte Anthea über vierzehn Jahre hinweg eine Zeile freigelassen.
Alle sieben waren Fischer gewesen. Alle sieben hatten auf derselben Werft gearbeitet.
Wenn Anthea aufgeschrieben hätte, was sie dachte, hätte dort siebenmal etwas anderes gestanden, und niemand hätte etwas darin gesehen.
Was man findet, ist nicht immer das, was dort steht. Manchmal ist es das, was freigelassen wurde.
Was wissen Sie nicht, und wagen Sie, es genau so aufzuschreiben?
Und niemand hatte gelogen.
Erzählung 20
Demiras Cousin, der die Bäckerei führte, liebte die Ordnung. Er hatte ein Buch, in dem er alles über das Mehl festhielt: wie viel es wog, was es kostete, woher es kam.
Anthea sah, dass zwei Tintenfässer vor ihm standen.
"Warum zwei?"
"Die schwarze Tinte ist für das, was ich gewogen habe", sagte er. "Die braune für das, was ich addiert oder abgeleitet habe."
Sie fand es übertrieben und sagte es ihm auch.
Er zuckte mit den Schultern. Seine Tante hatte es ihm beigebracht, und er hatte nie darüber nachgedacht.
Vier Jahre später kam es zu einem Streit mit einem Lieferanten über eine Lieferung von drei Jahren zuvor. Zwei Bücher lagen auf dem Tisch: das des Lieferanten und das des Bäckers.
Beide Bücher stimmten. Beide Bücher nannten eine andere Zahl.
Man ging der Sache nach. Im Buch des Lieferanten standen alle Zahlen in derselben Tinte, und niemand konnte mehr sagen, welche gewogen und welche berechnet worden waren.
Im Buch des Bäckers war der Unterschied auf einer einzigen Seite zu sehen.
Was geschehen war, zeigte sich in zwei Minuten: Einmal hatte er einen Durchschnitt statt einer Wägung verwendet, und das stand in Braun da.
Niemand wurde zur Rede gestellt. Man teilte den Unterschied und machte weiter.
Doch seitdem arbeitete auch der Lieferant mit zwei Tintenfässern.
Können Sie in Ihren eigenen Aufzeichnungen erkennen, was gemessen und was abgeleitet ist?
Und niemand hatte gelogen.
Erzählung 21
Im Dorf lebte ein Mann, der alles wusste. Das ist zu stark gesagt, aber so sprach man über ihn.
Wenn man ihn etwas fragte, antwortete er sofort, und seine Antwort war klar.
Auf einer Versammlung über das Absinken des südlichen Kais sagte er, es liege am Gewicht der Lagerbestände.
Jemand widersprach ihm. Die Lagerbestände standen erst seit zwei Jahren dort, und der Kai sank schon länger.
Er dachte einen Augenblick nach und sagte dann, es liege an der Strömung, die den Sand unter der Spundwand forttrage.
Das klang gut. Sogar besser als das erste. Man nickte.
Anthea saß dabei und sagte nichts, doch sie ging mit einem Unbehagen nach Hause, das sie erst am nächsten Morgen benennen konnte.
Er hatte nicht gesagt, worin seine erste Antwort falsch gewesen war.
Er war von der einen Antwort zur anderen gegangen, ohne den Zwischenraum zu berühren, und in diesem Zwischenraum lag das Einzige, was man hätte lernen können.
Sie begann, danach zu fragen. Sie ging zu ihm und fragte ihn nicht, ob er recht habe, sondern wo seine erste Antwort fehlgegangen sei.
Er wusste es nicht.
Später stellte sich heraus, dass es das Wasser gewesen war, das von der Landseite her kam, und dass niemand es erwähnt hatte, weil alle auf das Meer geblickt hatten.
Zwei schöne Antworten hatten beide in die falsche Richtung gewiesen.
Wenn man Ihnen widerspricht, geben Sie eine neue Antwort oder suchen Sie den Fehler?
Und niemand hatte gelogen.
Erzählung 22
Der Brunnen hinter der Schule gab kein Wasser mehr. Dabei hatte er es immer getan.
Man kam zusammen. Am ersten Abend sprach man über die Dürre, denn es hatte wenig geregnet, und darin war man sich einig.
Am zweiten Abend kam man zusammen, weil man sich darauf besonnen hatte, dass die anderen Brunnen durchaus Wasser gaben. Man sprach über den Boden, über eine Verschiebung, über eine alte Leitung. Man war sich nicht einig und ging nach Hause.
Am dritten Abend kam man erneut zusammen und sagte ungefähr dasselbe wie am zweiten Abend, nur mit anderen Worten.
Theia war am dritten Abend dabei. Sie war damals vierzehn und durfte mitkommen, weil ihre Mutter mitredete.
Am Ende dieses Abends sagte sie: "Das haben wir gestern auch gesagt."
Man sah sie an.
"Ja", sagte jemand. "Aber wir sind noch zu keinem Ergebnis gekommen."
"Nein", sagte sie. "Aber seit gestern ist nichts hinzugekommen."
Am nächsten Morgen ging sie selbst mit einem Seil und einem Stein dorthin. Sie ließ den Stein hinab und zählte.
Es war Wasser darin. Reichlich.
Die Eimerkette war in fünf Metern Tiefe gerissen, und das Ende hing sauber gerade nach unten, sodass man von oben nichts sah.
Drei Abende.
Wie oft sind Sie schon zu derselben Antwort zurückgekehrt?
Und niemand hatte gelogen.
Erzählung 23
Theia war sechzehn und anstrengend geworden.
Das fand man im Dorf, und es war nicht ganz unwahr. Bei allem stellte sie dieselbe Frage, und die Frage lautete: Woran würde ich merken, dass es nicht so ist?
Wenn jemand sagte, der Fang werde schlechter, weil es zu viele Boote gebe, fragte sie danach. Wenn der Lehrer sagte, die Kinder könnten heutzutage schlechter rechnen, fragte sie danach.
Meistens gab es keine Antwort.
Das war das Unangenehme daran. Nicht, dass sie recht bekam, sondern dass so oft nichts da war.
Der Lehrer wurde darüber zornig und sagte, man könne nicht alles beweisen und manche Dinge seien eben einfach so.
"Das kann sein", sagte Theia. "Aber dann ist es keine Behauptung, sondern ein Gefühl. Und dann müssen Sie es auch so nennen."
Bei einer Sache bekam man tatsächlich eine Antwort.
Alkions Enkel sagte, die Motoren mit Ethanol verlangten weniger Wartung als die alten, und als sie danach fragte, sagte er: "Wenn es nicht so ist, dann liegen die Boote häufiger am Kai als früher. Das steht im Buch des Hafenmeisters."
Sie sahen nach. Es stimmte.
Das war die einzige Behauptung, die in jenem Winter Bestand hatte, und die einzige, die im Voraus gesagt hatte, woran sie scheitern konnte.
Was müssten Sie sehen, um zu wissen, dass Sie sich irren?
Und niemand hatte gelogen.
Teil VI
Worin das Gute, das aufgebaut worden war, sich weiterdreht, während niemand mehr weiß, warum es so eingerichtet wurde.
Erzählung 24
Alle vierzehn Boote fuhren mit Ethanol. So war es seit der Zeit von Ruud, der aus Rotterdam stammte und den ersten Motor bei Alkion eingebaut hatte.
Nikos war dreiundzwanzig und hatte sein erstes eigenes Boot. Er fragte den Hafenmeister, warum man hier mit Ethanol fuhr und nicht mit dem, was der Rest der Küste benutzte.
Der Hafenmeister wusste es nicht genau. Er sagte, es sei sauberer.
Nikos fragte den Motorenmann. Der sagte, es sei leiser.
Er fragte einen alten Fischer. Der sagte, es sei billiger.
Alle drei Antworten waren wahr, und alle drei waren nicht die Antwort.
Die wirkliche Antwort stand in einem Buch, das im Schrank der Hafenkasse lag: Man war umgestiegen, weil der Brennstoff aus dem Süden kam, aus einer Gegend, die fünfzehn Jahre zuvor Wüste gewesen war, und weil der Hafen und jene Gegend sich dadurch aneinander banden.
Es war keine technische Entscheidung gewesen. Es war ein Bündnis.
Niemand im Hafen wusste das noch.
Und weil es niemand wusste, bemerkte es auch niemand, als zwei Jahre später Brennstoff angeboten wurde, der billiger war und von ganz anderswo kam.
Man nahm ihn an. Warum auch nicht? Es war derselbe Stoff.
Wissen Sie noch, warum Sie tun, was Sie tun, oder nur, dass Sie es tun?
Und niemand hatte gelogen.
Erzählung 25
Die Hafenkasse bestand seit sechsunddreißig Jahren. Sie hatte drei Boote zurückgekauft und sie an junge Fischer vermietet, die kein Geld hatten.
Sie funktionierte. Es hatte nie Streit darüber gegeben.
Die Regeln waren auf vier Seiten von Menschen niedergeschrieben worden, die inzwischen alle tot waren.
Auf Seite drei stand, dass ein Boot nach zehn Jahren der Vermietung in das Eigentum des Mieters überging, es sei denn, die Kasse beschloss anders.
So hatte man es immer gemacht.
Was niemand mehr wusste, war, warum dort zehn Jahre stand. Die Zahl stammte aus der Zeit, als ein Boot in zehn Jahren abgeschrieben war.
Ein Boot mit Ethanolmotor hält fünfundzwanzig Jahre.
Es waren also drei Boote verschenkt worden, die noch fünfzehn Jahre hätten tragen können, und es hatte junge Fischer gegeben, die kein Boot bekommen hatten, weil die Kasse leer war.
Als man dies ausrechnete, war niemand zornig. Jeder hatte getan, was dort stand.
Man änderte die Zahl in achtzehn Jahre und schrieb dazu, woher sie stammte und wann sie erneut geprüft werden musste.
Das Letzte war neu. Auf den vier alten Seiten stand bei keiner einzigen Regel, wann man sie erneut prüfen musste.
Steht bei Ihren Vereinbarungen, wann sie erneut geprüft werden müssen?
Und niemand hatte gelogen.
Erzählung 26
Alkion hatte einst einen Anker beim Schmied bestellt, statt ihn kommen zu lassen. Er hatte dreimal so viel gekostet, und Alkion hatte sich dafür nicht rechtfertigt.
Sein Enkel fand die Rechnung wieder, als er das Haus leerräumte.
Er war ein Rechner und rechnete es nach, denn er wollte wissen, ob sein Großvater töricht gewesen war oder nicht.
Er addierte, was es mehr gekostet hatte: die Differenz und die Zinsen über dreißig Jahre.
Dann addierte er, was es eingebracht hatte. Das war schwieriger, denn es stand nirgends.
Der Schmied hatte in jenem Jahr seinen Sohn weiterbeschäftigen können. Dieser Sohn fertigte später die Beschläge für die ersten Ethanolmotoren an, denn hier gab es niemanden sonst, der das konnte. Ohne ihn hätten die Motoren aus der Hauptstadt kommen müssen, und das hätte man sich damals nicht leisten können.
Er kam auf eine Zahl, die so groß war, dass er die Rechnung dreimal machte.
Als er sie Anthea zeigte, sagte sie: "Rechne das lieber nicht mit ein."
"Warum nicht?"
"Weil du es vorher nicht hättest wissen können. Er auch nicht."
"Warum tat er es dann?"
Anthea dachte nach.
"Weil er den Schmied kannte", sagte sie.
Was bezahlen Sie dreimal, und an wen?
Und niemand hatte gelogen.
Erzählung 27
Im Dorf gab es vier Weberinnen. Sie lieferten an den Markt und an zwei Geschäfte in der Hauptstadt.
Jeder wusste, dass es Arbeit für drei gab.
Niemand sagte es.
Man sagte es nicht, weil es grausam geklungen hätte und weil niemand sagen wollte, welche der vier zu viel war.
Also teilten sie die Arbeit, und alle vier verdienten zu wenig.
Die Jüngste, die am wenigsten besaß, hielt es zwei Jahre lang aus. Dann ging sie in die Hauptstadt, und sie ist nicht zurückgekommen.
Sie war die Beste von den vieren.
Das wussten sie alle drei, und es ist eines der wenigen Dinge, über die in jenem Dorf nie gesprochen wurde.
Klytia sagte einmal etwas darüber, zu Anthea, im letzten Jahr, in dem sie noch klaren Verstandes war.
"Wir hatten solche Angst, jemanden zu verletzen", sagte sie, "dass wir geschehen ließen, dass die Falsche fortging."
Welche Wahrheit sprechen Sie aus Freundlichkeit nicht aus?
Und niemand hatte gelogen.
Teil VII
Worin man im Süden entdeckt, dass man ein halbes Jahrhundert lang auf ein einziges Erzeugnis geblickt hatte, während vier im Gewächs verborgen lagen.
Erzählung 28
Im Süden, wo vierzig Jahre zuvor Wüste gewesen war, wuchs das hohe Gras nun an zehntausend Orten.
Man erntete es, presste es, machte Brennstoff daraus, und dieser Brennstoff ging nach Norden.
Das funktionierte. Es waren Schulen entstanden, ein Arzt war gekommen und Licht in die Häuser.
Mamadous Enkel war zweiundzwanzig, und er war der Erste in seiner Familie, der studiert hatte.
Er kehrte ins Dorf zurück und stellte eine Frage, die niemand gestellt hatte.
"Was steckt noch darin?"
Sein Onkel verstand die Frage nicht.
"Wir machen Brennstoff", sagte er. "Das ist es."
"Das ist, was wir daraus machen", sagte der Junge. "Ich frage, was darin steckt."
Man ließ es untersuchen. Es dauerte ein halbes Jahr und kostete Geld, das man lieber für eine Pumpe ausgegeben hätte.
Es steckten vier Dinge darin.
Es enthielt Zucker, und daraus machte man den Brennstoff, und das war ungefähr ein Drittel.
Es enthielt eine zweite Zuckerart, mit der man nichts tat.
Es enthielt eine braune Substanz, die man verbrannte, weil man nicht wusste, was sie war.
Und in den Samen der Pflanze, die dazwischen wuchs, waren Eiweiß und Öl.
Vierzig Jahre lang hatte man eines der vier genutzt.
Was machen Sie aus Ihrem Rohstoff, und was steckt darin?
Und niemand hatte gelogen.
Erzählung 29
Bei der Presse lag ein Berg. Dieser Berg hieß Rückstand.
Man fuhr ihn fort. Das kostete Geld, und man hatte nie anders darüber nachgedacht, denn es war Rückstand, und Rückstand fährt man fort.
Der Junge, der studiert hatte, ließ den Berg wiegen.
Das war ein seltsames Anliegen. Man wiegt keinen Rückstand.
Der Berg wog mehr als das, was aus der Presse gekommen war.
Mehr als das Erzeugnis.
Sie standen zu viert darum herum und sagten eine Weile nichts, denn wenn man etwas sechsundsechzigmal im Jahr fortfährt und es mehr wiegt als das, was man verkauft, dann ist etwas grundlegend anders, als man gedacht hatte.
"Wir sind keine Brennstofffabrik", sagte der Junge schließlich.
"Was sind wir dann?"
"Wir wissen es nicht. Wir haben noch nie hingesehen."
Sie taten in jenem Jahr nichts damit. Ihnen fehlten die Menschen dafür und das Geld.
Aber sie hörten auf, es Rückstand zu nennen, und das war das Einzige, was sie in jenem Winter taten.
Zwei Jahre später kam jemand aus dem Norden, um es zu kaufen.
Wiegt das, was Sie fortwerfen, mehr als das, was Sie verkaufen?
Und niemand hatte gelogen.
Erzählung 30
Der erste Weg, der nicht schwarz war, lag zwischen zwei Dörfern im Süden und war elf Kilometer lang.
Er war graubraun, ungefähr in der Farbe nassen Lehms, wenn er trocknet.
Er war aus Stein und Sand gemacht wie alle Wege, doch was den Stein zusammenhielt, war aus dem Feld gekommen.
Die alten Männer vertrauten ihm nicht.
Sie gingen auf ihm, stampften auf ihm und sagten, ein Weg müsse schwarz sein, und ein Weg, der nicht schwarz sei, sei kein Weg.
Man lachte darüber und hörte nicht darauf, denn der Weg lag da und hielt.
Die Kinder fanden ihn nicht weiter bemerkenswert.
Das ist das Einzige, was in dieser Erzählung geschieht, und es ist genug.
Für die Kinder, die auf diesem Weg das Radfahren lernten, war ein Weg graubraun, und Schwarz war etwas Fremdes aus einem anderen Land.
Es gibt keine stärkere Weise, etwas zu verändern als diese.
Es dauert nur eine Generation, und das ist der Grund, warum es fast niemand versucht.
Was finden die Kinder normal, das Ihnen noch fremd ist?
Und niemand hatte gelogen.
Teil VIII
Worin man entdeckt, dass eine Forderung aus einem anderen Klima stammt und dass die billigste Wahl die teuerste ist.
Erzählung 31
Die Straße im Süden wurde abgenommen.
Es kam ein Prüfer, und er hatte ein Buch bei sich, und in diesem Buch stand, dass ein Straßenbelag eine Prüfung bei fünfzehn Grad unter null bestehen müsse.
„Hier friert es nie“, sagte der Bauunternehmer.
„Das steht dort nicht“, sagte der Prüfer. „Dort steht, was dort steht.“
Er hatte recht. Er tat seine Arbeit, wie es sich gehörte, und er war kein unvernünftiger Mann. Er hatte das Buch nicht geschrieben.
Man fand heraus, woher das Buch stammte. Es war in einem Land verfasst worden, in dem es vier Monate im Jahr friert, und hier übernommen worden, weil man bei der Aufstellung der eigenen Regeln ein gutes Beispiel gesucht hatte und dies das beste gewesen war, das es gab.
Das war zweiundzwanzig Jahre zuvor geschehen.
Es gab auch ein anderes Buch, geschrieben für Straßen in warmen Gegenden mit wenig Verkehr, und dieses Buch lag im selben Schrank.
Niemand hatte es je aufgeschlagen, weil es dünner war.
Es dauerte vier Jahre, bis die Forderung angepasst wurde.
In diesen vier Jahren wurden in jenem Gebiet achtundvierzig Kilometer Straße nicht gebaut, die dort hätten liegen können.
Niemand hatte gelogen. Es gab sogar niemanden, der anderer Meinung war.
Aus welchem Klima stammt die Norm, an der man Sie misst?
Und niemand hatte gelogen.
Erzählung 32
Zwei Dörfer bauten im selben Jahr dieselbe Straße, gleich lang und gleich breit, und sie kostete beide dasselbe.
Im einen Dorf kam das Bindemittel von jenseits des Meeres. Es wurde bezahlt, und das Geld ging fort.
Im anderen kam es vom Feld hinter dem Dorf. Es wurde bezahlt, und das Geld blieb.
In den Büchern der Gemeinde stand bei beiden derselbe Betrag.
Der Rechnungsführer der Provinz legte die beiden Akten nebeneinander und sagte, die Dörfer hätten vergleichbar abgeschnitten.
Nach seinen Büchern war das wahr.
Anthea saß in jener Versammlung, weil die Klinik unter dasselbe Budget fiel.
Sie sagte: „Im zweiten Dorf haben in jenem Sommer elf Menschen gearbeitet.“
„Das steht hier nicht“, sagte der Rechnungsführer.
„Nein“, sagte sie. „Darum sage ich es.“
Er war nicht unwillig. Er suchte in seinen Unterlagen und suchte lange, und dann sagte er ehrlich, dass es in seinem gesamten Modell keinen Ort gab, an dem dieser Unterschied seinen Platz finden konnte.
Es war weder ein Kostenposten noch ein Ertrag.
Es war einfach da.
Was geschieht in Ihrem Dorf, das nirgends in den Büchern seinen Platz findet?
Und niemand hatte gelogen.
Erzählung 33
Eine Straße zu den höher gelegenen Äckern musste gebaut werden.
Es gab zwei Möglichkeiten. Die eine kostete beim Bau weniger und musste alle drei Jahre instand gesetzt werden. Die andere kostete beim Bau die Hälfte mehr und hielt fünfzehn Jahre.
Auf fünfzehn Jahre gerechnet war die zweite billiger. Nicht nur ein wenig.
Jeder wusste es. Der Aufseher wusste es, der Beigeordnete wusste es, und der Bauunternehmer wusste es am besten von allen, denn er hatte beide gebaut.
Man wählte die erste.
Nicht aus Dummheit. Das Bau- und das Instandhaltungsbudget waren zwei Töpfe, und sie hatten zwei verschiedene Verwalter, und der Mann, der entschied, zahlte nur aus dem ersten Topf.
Der Instandhaltungstopf war in drei Jahren das Problem eines anderen.
Als Theia davon hörte, war sie siebzehn, und es machte sie zorniger, als man es von ihr gewohnt war.
Sie wollte wissen, wer schuldig war.
Anthea sagte ihr, dass niemand schuldig sei, und dass eben dies das Schlimmste sei.
„Ist denn nichts dagegen zu tun?“
„Doch“, sagte Anthea. „Aber nicht mit einer besseren Straße. Mit einem anderen Topf.“
Wird Ihre Wahl davon bestimmt, was gut ist, oder davon, aus welchem Topf es kommt?
Und niemand hatte gelogen.
Teil IX
Worin die wohlgeordnete Verwaltung gerade das nicht sieht, was sie nicht misst.
Erzählung 34
Das Dorf hatte zehn Ziele und in jedem Quartal ein Dashboard, und das funktionierte schon seit beinahe vierzig Jahren.
In dem Jahr, in dem Theia neunzehn wurde, standen alle zehn Ziele auf Grün.
Sie ging fort.
Sie ging in die Hauptstadt, wie neunzehn andere in jenem Jahr, und sie kehrte erst zu ihrem achtundzwanzigsten Lebensjahr zurück.
Als sie zurückkam, war sie beim Bürgermeister, und sie fragte, warum es kein elftes Ziel gebe.
„Wofür?“
„Für jene, die fortgehen.“
Der Bürgermeister sagte, man könne das nicht messen, denn die Menschen dürften gehen, wohin sie wollten, und es sei nicht Sache der Gemeinde, dies zu zählen.
„Sie zählen, wer kommt“, sagte Theia. „Das steht bei Wohnen.“
Darauf wusste der Bürgermeister keine Antwort.
Eine elfte Zahl kam hinzu. Es war die erste Zahl, die rot stand, und sie stand elf Jahre lang rot.
Diese elf Jahre im Rot haben mehr verändert als die zehn grünen zusammen.
Was zählen Sie nicht, weil Sie es nicht zählen dürfen?
Und niemand hatte gelogen.
Erzählung 35
In jenem Dorf verfielen gewöhnliche Regeln nach fünf Jahren und wichtige nach zehn. So war es erdacht, damit niemand von einem Beschluss regiert würde, den niemand mehr verstand.
Es funktionierte. Jedes Jahr verfiel alles Mögliche, und man sah es sich an und behielt, was man behalten wollte.
Es gab eine Regel, die niemals verfallen war.
Es war die Regel, die besagte, dass Regeln verfallen.
Sie stand nicht dabei, denn niemand hatte daran gedacht. Sie war im ersten Jahr niedergeschrieben worden und niemals vor den Bürgerrat gelangt.
Als jemand dies entdeckte, geriet man kurz in Panik, denn bedeutete dies, dass alles ungültig war?
Das bedeutete es nicht, und ein Jurist erklärte dies auf einer einzigen Seite.
Doch die Frage, die im Raum hängen blieb, war unbequemer.
Vierzig Jahre lang war jede Regel überprüft worden, außer der wichtigsten.
Man hatte das Instrument auf alles angewandt, nur nicht auf das Instrument selbst.
Welche Ihrer Regeln ist niemals vor Ihre eigenen Regeln gelangt?
Und niemand hatte gelogen.
Erzählung 36
Der Bürgerrat wurde durch Losverfahren zusammengesetzt, zwölf Menschen, jedes Jahr neue.
In dem Jahr, in dem Theia einundzwanzig wurde, saß dort ein Rat, der gut arbeitete. Sie waren schnell, sie waren gründlich, und in beinahe allem waren sie sich einig.
Man pries sie.
Anthea, die damals noch einen halben Tag in der Klinik arbeitete, prüfte die Namensliste, weil sie einen von ihnen kannte.
Von den zwölf wohnten zehn innerhalb von vierhundert Metern vom Kai.
Das war keine Absicht. Das Losverfahren war einwandfrei gewesen. Doch man hatte aus der Liste der Menschen gelost, die sich zur Verfügung gestellt hatten, und zur Verfügung stellt sich, wer Zeit hat, und Zeit hat, wer nahe am Rathaus wohnt und kein Land zu bestellen hat.
Der Rat hatte in jenem Jahr drei Beschlüsse über das Hinterland gefasst.
Alle drei waren einstimmig angenommen worden.
Es hatte niemand darin gesessen, der dort wohnte.
Warum ist sich Ihre Gesellschaft so schnell einig?
Und niemand hatte gelogen.
Teil X
Worin jeder die vier Säulen trägt und es dennoch schiefgeht, weil unter allem eine einzige Annahme lag, die niemand mehr überprüfte.
Erzählung 37
In der Nacht des siebzehnten Oktober brach die nördliche Kaimauer.
Es war kein Sturm. Es wehte, mehr nicht. Die See stand hoch, aber nicht höher, als sie viermal im Jahr steht.
Um zehn nach zwei in der Nacht gab die Mauer auf einer Länge von vierzig Metern nach, und das Wasser strömte in die niedrigen Straßen.
Niemand ist ertrunken. Das war ein großes Glück, und es hätte auch anders ausgehen können.
Der Hafenmeister war innerhalb von sieben Minuten am Kai. Innerhalb von zwölf Minuten läuteten die Glocken. Die Fischer kamen aus ihren Betten, und in jener Nacht holten sie dreiundsechzig Menschen aus den niedrigen Häusern.
Anthea war sechzig, und sie stand von zwei Uhr nachts bis elf Uhr morgens im Schulgebäude.
In jener Nacht gab es niemanden, der nicht tat, was er konnte.
Es gab niemanden, der etwas zurückhielt.
Es gab niemanden, der sich selbst betrachtete.
Später sagte man, es sei die schönste Nacht des Dorfes gewesen, und das ist ein furchtbarer Satz, aber er ist wahr.
Und am nächsten Morgen, als das Wasser sank, stand jeder am Kai und blickte auf das Loch, und niemand verstand es.
Denn nichts war geschehen.
Was geht entzwei, während jeder seine Pflicht tut?
Und niemand hatte gelogen.
Erzählung 38
Es kam zu einer Untersuchung, und sie dauerte fünf Monate.
Man sah sich die Instandhaltung an. Die Instandhaltung war in Ordnung. Es war vorschriftsgemäß geprüft worden, jedes Jahr, und die Berichte lagen vor.
Man sah sich den Auftragnehmer an. Der Auftragnehmer hatte geliefert, was bestellt worden war.
Man sah sich die Verwaltung an. Die Verwaltung hatte jedes Jahr bezahlt, was nötig war, ohne Abstriche.
Man sah sich den Inspektor an. Er hatte gemessen, was gemessen werden musste, und er hatte richtig gemessen.
Vier Menschen hatten ihre Arbeit getan, und die Mauer war eingestürzt.
Dann ging man in der Zeit zurück, und das war der schwierigste Teil der Untersuchung, denn man musste Schränke öffnen, die zweiunddreißig Jahre lang verschlossen gewesen waren.
Die Prüfvorschrift schrieb vor, dass man die Mauer an vier Punkten maß.
Diese vier Punkte waren vor zweiunddreißig Jahren gewählt worden. Sie waren gut gewählt, denn sie lagen an den Stellen, an denen die Mauer damals am stärksten belastet wurde.
In den neun Jahren danach wurde die Fahrrinne verlegt.
Dadurch änderte sich die Strömung, und die stärkste Belastung verlagerte sich zu einem Punkt, der hundertzwanzig Meter weiter entfernt lag.
Man maß weiterhin an den vier Punkten.
Zweiundzwanzig Jahre lang gute Messungen am falschen Ort.
Niemand hatte gelogen.
Wo liegen Ihre vier Messpunkte, und wann wurden sie gewählt?
Und niemand hatte gelogen.
Erzählung 39
Als die Untersuchung abgeschlossen war, kam ein alter Mann mit einem Buch.
Es war ein altes Buch, mit gebrochenem Rücken, und er sagte, es habe seinem Vater gehört.
Es war eine der ersten Abschriften des Buches von Kosus, aus der Zeit, als man es noch von Hand abschrieb.
Er schlug es bei einer Erzählung auf und las sie vor.
Sie handelte von einer Frau, die Brot backte und eines Tages entdeckte, dass in ihren Mehlsäcken zu wenig Mehl war, und die danach jeden Sack wog.
Die Erzählung war jedem im Saal bekannt. Man kannte sie auswendig.
Als er zu Ende gelesen hatte, sagte er: "Da steht noch etwas."
Und er las die letzte Zeile, die niemand je angeführt hatte, weil es keine schöne Zeile ist:
Und sie wog auch die Säcke des neuen Lieferanten.
Ein Laut ging durch den Saal.
Denn darum geht es im Ganzen. Sie hörte nicht auf zu wiegen, als sie einen Lieferanten hatte, der zuverlässig war.
Es hatte dort zweiunddreißig Jahre lang gestanden. Man hatte es tausendmal vorgelesen.
Man hatte sich die erste Hälfte gemerkt.
Welche letzte Zeile Ihres eigenen Buches überspringen Sie?
Und niemand hatte gelogen.
Teil XI
Worin sich erweist, dass man die Unterscheidung nicht niederschreiben, sondern nur vorleben kann.
Erzählung 40
Theia war damals zweiundzwanzig und arbeitete bei der Hafenkasse.
Nach der Spundwand kam sie abends zu Anthea an die Tür, und sie war zornig.
„Sie wussten es“, sagte sie.
„Nein“, sagte Anthea.
„Sie wussten es sehr wohl. Ihr ganzes Leben lang haben Sie die Dinge überprüft, die andere nicht überprüften. Warum haben Sie die Spundwand nicht überprüft?“
Anthea ließ sie herein und setzte Tee auf, dann setzte sie sich und sagte es ehrlich.
„Weil ich auf die Klinik sah. Und auf das Mehl. Und auf die Brücke. Und nicht auf die Wand.“
„Dann funktioniert es nicht.“
„Nein“, sagte Anthea. „Es funktioniert nicht so, wie du denkst, dass es funktioniert. Es ist kein Sieb, das alles auffängt. Es ist ein Mensch, der an einer Stelle hinsieht.“
Theia sagte nichts.
„Darum müssen es viele sein“, sagte Anthea. „Das ist die einzige Antwort, die ich habe, und es ist eine magere Antwort.“
Theia ging an jenem Abend spät fort.
In der folgenden Woche begann sie, die Hafenkasse von vorn bis hinten durchzugehen, und sie brauchte dafür drei Jahre.
Sie fand sieben Dinge.
Anthea erlebte vier davon mit.
An welcher Stelle sehen Sie hin, und wer sieht an der anderen hin?
Und niemand hatte gelogen.
Erzählung 41
Man wollte es lehren.
Das war gut gemeint. Nach der Spundwand war man der Ansicht, die Kinder müssten dies lernen, und man erarbeitete eine Lektion.
Die Lektion hieß Die Unterscheidung und dauerte eine Stunde pro Woche.
Am Brett standen Regeln. Was weißt du? Was nimmst du an? Woher kommt die Zahl? Woran würdest du merken, dass es nicht so ist?
Die Kinder lernten es auswendig und konnten es aufsagen.
In der Prüfung machten sie es gut. Sechsundvierzig von zweiundfünfzig bestanden sie.
Und auf dem Spielplatz glaubten sie noch immer alles, was der größte Junge sagte.
Der Lehrer sah es und wurde davon mutlos.
Er ging zu Theia, die damals dreißig war, und fragte sie, was er falsch mache.
Sie setzte sich einen Nachmittag lang in seine Klasse. Sie sagte nichts und sah zu.
Am Ende sagte sie: „Sie haben heute Nachmittag siebzehn Dinge gesagt. Bei keinem einzigen haben Sie gesagt, woher Sie es wussten.“
„Ich bin der Lehrer.“
„Ja“, sagte sie.
Er begann, es so zu tun. Bei jeder Behauptung, die er aufstellte, sagte er dazu, woher er sie kannte, und manchmal sagte er, dass er es nicht wusste.
Das kostete ihn anfangs die Hälfte seiner Autorität.
Nach zwei Jahren begannen die Kinder, einander danach zu fragen.
Sagen Sie dazu, woher Sie es wissen?
Und niemand hatte gelogen.
Erzählung 42
Anthea wurde alt. Mit zweiundsiebzig verließ sie die Klinik und saß danach viel am Fenster.
Sie sah den Kai und sie sah die neue Spundwand, die an sieben Punkten vermessen wurde und bei der im Buch stand, wann diese sieben Punkte aufs Neue gewählt werden mussten.
Als sie jung gewesen war, hatte sie vierzehn Seiten geschrieben, über ihre Großmutter und über den alten Mann, und diese Seiten lagen noch in einer Schublade.
Sie holte sie heraus und las sie.
Sie fand sie nicht gut. Sie fand sie zu gewiss.
Sie änderte nichts daran.
Unten auf der letzten Seite schrieb sie einen einzigen Satz hinzu, in einer zitternden Handschrift, zweiundfünfzig Jahre nach dem ersten.
Ich habe dies aufgeschrieben, als ich dachte, ich hätte es verstanden.
Und darunter das Datum.
Das war das einzige Mal, dass Anthea etwas weder durchgestrichen noch weggeworfen hatte, sondern sich dazugestellt hatte.
Diese vierzehn Seiten mit jenem einen Satz darunter wurden zum Anfang des dritten Buches.
Was haben Sie aufgeschrieben, als Sie dachten, Sie hätten es verstanden?
Und niemand hatte gelogen.
Teil XII
Worin die Unterscheidung sich nicht als Lehre erweist, sondern als Gewohnheit, und worin sie jemandem weitergegeben wird, der nicht darum gebeten hat.
Erzählung 43
Aus dem Norden kam ein Mann, der das Buch gelesen hatte und einen Vorschlag vorbrachte.
Er sprach gut und hatte gründlich darüber nachgedacht. Er sagte, es müsse eine fünfte Säule hinzukommen, und er hatte sich dafür einen Namen ausgedacht.
Er sagte, die vier Säulen hätten sich als nicht ausreichend erwiesen, denn in der Nacht des Siebzehnten hatten alle vier aufrecht gestanden, und doch war die Wand eingestürzt.
An jenem Abend saßen viele Menschen im Saal, und viele fanden, dass er recht hatte.
Theia war damals sechsundvierzig. Sie ließ ihn ausreden.
Dann sagte sie: "Worauf steht Ihre fünfte Säule?"
Er verstand die Frage nicht sogleich.
"Eine Säule steht neben der anderen", sagte sie. "Vier Säulen tragen ein Dach. Was trägt die Ihre?"
"Dasselbe Dach."
"Nein", sagte sie. "Was Sie beschreiben, ist keine Säule. Es ist das, was unter dem Boden liegt. Es ist das, was man tut, bevor man zu tragen beginnt. Man sieht nach, ob der Grund es hält."
Der Mann sagte, es sei dennoch ein fünftes Ding, und dann dürfe es auch einen Namen haben.
"Einen Namen schon", sagte Theia. "Aber keinen Platz in der Reihe. Setzt man es in die Reihe, wird man es wie die anderen vier aufsagen, und dann ist es in zwanzig Jahren ein Wort auf einer Tafel."
Man hat es nicht in die Reihe gesetzt.
Es steht in diesem Buch und nirgends an einer Wand.
Trägt es, oder liegt es darunter?
Und niemand hatte gelogen.
Erzählung 44
Hinter dem Dorf lag ein Garten, der Jans Garten genannt wurde, obwohl Jan seit fünfundvierzig Jahren tot war.
Es gab kein Schild und keinen Zaun. Vierzehn Arten wuchsen dort, und elf davon waren essbar.
Wer den Garten versorgte, tat es, bis er es nicht mehr konnte, und gab dann den Schlüssel zum Schuppen jemand anderem. Darüber wurde nicht gesprochen. Man gab den Schlüssel.
Theia war zweiundsiebzig, als sie ihn weitergab.
Sie gab ihn einem vierzehnjährigen Jungen, der sie im Jahr zuvor gefragt hatte, warum der Garten nicht in Reihen stand wie alle anderen Gärten.
Damals hatte sie geantwortet, es sei immer so gewesen.
Und nachts hatte sie deshalb wach gelegen, denn genau das war die Antwort, von der sie ihr Leben lang gesagt hatte, dass sie keine Antwort sei.
Sie begann, der Sache nachzugehen. Es stellte sich heraus, dass der Garten nicht in Reihen stand, weil Jan wegen seines Rückens keine Reihen harken konnte.
Dahinter lag keine Weisheit. Dahinter lag ein Rücken.
Das erzählte sie dem Jungen, als sie ihm den Schlüssel gab. Mehr sagte sie nicht.
Der Junge setzte den Garten in Reihen.
Im Jahr darauf entfernte er sie wieder, denn in Reihen trocknete der Boden zwischen den Pflanzen zu schnell aus, und so zeigte sich, dass es doch etwas gab, das Jan mit seinem krummen Rücken gefunden hatte, ohne es zu wissen.
Aber nun wusste es der Junge, und Jan hatte es nie gewusst, und das ist der Unterschied.
Wem geben Sie den Schlüssel, und sagen Sie ihm dazu, warum der Garten so liegt?
Und niemand hatte gelogen.
Dieses Buch tut eines, und es tut es vierundvierzigmal.
Es zeigt Menschen, die nicht lügen, nicht träge, nicht böswillig und nicht dumm sind, und bei denen es dennoch schiefgeht. Es geht schief, weil unter ihrer guten Arbeit eine Annahme lag, die einst stimmte und die niemand mehr überprüft hatte.
Das ist nicht tröstlich, und es ist nicht dazu gedacht, tröstlich zu sein.
Wer nach diesem Buch glaubt, nun zu wissen, wie es sein muss, hat es nicht verstanden. Es gibt kein Sieb, das alles auffängt. Anthea hat ihr Leben lang nachgesehen, und die Spundwand ist dennoch eingestürzt, und als Theia ihr das vorwarf, hatte Theia recht.
Die einzige Antwort, die dieses Buch gibt, ist die Antwort, die Anthea an jenem Abend gab: dass es dann sehr viele geben müsse.
Es ist eine magere Antwort.
Es ist die einzige, die es gibt.
———
Buch Drei ist das Buch der Anthea.
Es handelt von der Frage, wie ein Mensch so aufgezogen wird
dass er dies alles tragen kann.